Liebe Leser,
während sich die Blumen rundherum noch recht bedeckt halten, schickt ein Strauch seine Blüten an den Start: die Kornelkirsche, auch Gelber Hartriegel, Herlitze oder Dürlitze genannt. Der Zauber dieser Blüten entfaltet sich erst beim genauen Hinschauen – sie sind winzig und ungemein niedlich. Und, unglaublich aber wahr, der unscheinbare Strauch hat den Verlauf der Menschheitsgeschichte mit beeinflusst.
Die Überraschung ist groß! Bei der Recherche in Sachen Kornelkirsche kommt griechische Mythologie ins Spiel. Schon auf den Seiten der Internet-Enzyklopädie Wikipedia wird das deutlich. Das Trojanische Pferd, steht dort zu lesen, mit dessen Hilfe die Griechen die Trojaner besiegt haben sollen, soll aus dem Holz der Kornelkirsche gezimmert gewesen sein. Ja potz Blitz! Da guck' ich mein Gartenexemplar doch gleich mit ganz anderen Augen an. Das Holz des unauffälligen Gewächses zeichnet sich durch Härte und Zähigkeit aus, die seit Alters her für bestimmte Holzgegenstände geschätzt wird. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfreute sich beispielsweise ein Ziegenhainer genannter Spazierstock aus dem belastbaren Holz großer Beliebtheit. Seinen Namen bekam der Stock von seinem Heimatort Ziegenhain bei Jena. Vor seinem deutschlandweiten Siegeszug wurde der hölzerne Gefährte zunächst von Studenten als Wanderstock, aber auch bei handfesten Auseinandersetzungen eingesetzt.
Viele Jahrhunderte vorher profitierte Alexander der Große von der Macht des robusten Werkstoffes. Im vierten Jahrhundert vor Christus brillierte der Feldherr durch Eroberungen, die er unter anderem einer Errungenschaft seines Vater verdankte: den bis zu sechs Meter langen Lanzen, Sarissen genannt, die nur aus dem Holz der Kornelkirsche gefertigt werden konnten. Vermutlich erholten sich die Büsche nach der Holzernte wieder, da die Kornelkirsche, wissenschaftlich Cornus mas, auch heftige Rückschnitte nicht übel nimmt. Was sie nach wie vor als Heckengehölz sehr interessant macht.
Das acht bis zehn Meter hohe Gehölz kommt in Strauch- oder Baumform vor. Es besticht neben seiner aufregenden Geschichte heute noch durch die neckisch-winzigen Blüten und die schmackhaften Früchte. Die pollen- und nektarreichen Scheibenblüten gehören zur ersten Nahrung der Insekten im noch jungen Jahr. Die Früchte der Kornelle sind bei vielen Vögeln und Säugetieren beliebt. Außerdem müssen Eltern beim Anblick der Pflanze nicht in Panik verfallen, denn sie ist ungiftig. Die rote Schwester, der Rote Hartriegel, ist dagegen ungenießbar bis schwach giftig. Seit Beginn des Mittelalters wird die Kornelkirsche zunächst bevorzugt in Klostergärten in Deutschland angepflanzt.
Doch schon vor rund 10000 Jahren schienen unser Vorfahren die Wildfrüchte zu schätzen. Bei archäobotanischen Untersuchungen zeigte sich, dass wohl schon der Steinzeitmensch die Früchte der Kornelkirsche sammelte und verspeiste. Inwiefern das Gehölz überhaupt als wild vorkommend bezeichnet werden kann oder eben „nur“ verwildert ist, ist umstritten. Nördlich der Mittelgebirgsregion wird es der Kornelkirsche in Deutschland im allgemeinen zu kühl. Sie gilt zwar als anspruchslos, liebt aber die Wärme. Ihr Wurzelwerk hält den Boden zusammen. Und selbst, wenn man sie ohne Schnitt wuchern lässt, ufert sie mit ihrem Wuchs nicht aus dem kleinen Hausgarten hinaus.
Obwohl die Blüten nicht sonderlich spektakulär daherkommen, zieren sie momentan erheblich die Ästchen und Zweige, weil die Belaubung noch einige Zeit auf sich warten lässt. Am Straßenrand blitzen die frisch-farbigen Blütenstände dem aufmerksamen Verkehrsteilnehmer ins Auge. Die Kornelkirsche aus der Familie der Hartriegelgewächse verrät schon durch ihren Namen einiges über sich selbst. Die wissenschaftliche Bezeichnung Cornus mas deutet auf „cornu“, lateinisch für hart wie Horn, hin. „Mas“ bedeutet männlich. Bei den Österreichern wird das Gehölz liebevoll Dirndlstrauch genannt.
Die Steinfrüchte, die ab Spätsommer rötlich bis fast schwarz leuchtend am Busch hängen, wurden ebenfalls schon von den alten Griechen und Römern geschätzt. Während die einen die Früchte als Wildobst zu sich nahmen, legten die Römer das unreife Obst wie Oliven sauer ein. Die säuerliche Steinfrucht trumpft mit einem Vitamin-C-Gehalt auf, der dem einer Zitrone vergleichbar sein soll. Genau genommen birgt der mannshohe Busch, der sich im letzten Eckchen meines Gartens befindet, einen ganzen Warenladen an Schätzen.
Neben dem sagenhaften Holz zählen hierzu die Früchte, aus denen Saft, Gelee, Marmelade und süß-sauer eingelegte Leckereien gezaubert werden können. Nicht zu vergessen die Herstellung von Alkoholika: Edelbrände und Wein, unter anderem der österreichische „Dirndlbrand“, gehören dazu. Die getrockneten Blättern sind Zutat für Tee, die Kerne der Früchte wurden früher zu falschen Rosenkränzen verarbeitet. Die aus dem Kern gelösten Samen sollen beim Rösten einen köstlichen Duft verbreiten und das Aroma des Wiener Kaffees verfeinert haben. Die Rinde des Tausendsassas Kornelkirsche wurde zum Gerben und Färben verwendet. Der wärmeliebende Strauch fand auch als Heilmittel bei den verschiedensten Gebrechen Anwendung.
Alles in allem zeigt sich am Beispiel der Kornelkirsche, dass, bei genauer Betrachtung, die Bescheidenen oft ihre protzenden Nachbarn in den Schatten stellen. Die Forsythie beispielsweise stiehlt der Kornelkirsche demnächst mit ihren vielen Blüten die Show. Dieser aus China stammende Zierstrauch wird allerdings von Insekten gemieden, was ihm schon mal Minuspunkte auf meiner Beliebtheitsskala einbringt. Da lob ich mir doch die Kornelle: Tiernahrung, Heckeneignung und Edelbrände. Für dieses Gehölz kann man ruhig mal auf den Busch klopfen.
Sabine Rücker
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