Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 7 – Der Mäusebussard


Prächtiger Bursche, der Mäusebussard. Foto: Rücker
Prächtiger Bursche, der Mäusebussard. Foto: Rücker

Liebe Leser,
er wurde von mir schon mal als „Lanz-Bulldog der Lüfte“ bezeichnet. Das tut mir aufrichtig leid. Denn getreu dem Motto: Was geht mich mein Geschwätz von gestern an, verkünde ich hiermit: Der Mäusebussard ist ein eleganter Herrscher unseres Luftraumes. Außer, ein Rotmilan ist in der Nähe. Dann versprüht er den Charme eines gedrungenen Lanz-Bulldogs.

Gesetzt den Fall, Sie interessieren nicht die Bohne für Vögel. Den Mäusebussard kennen Sie trotzdem, darauf wette ich. Buteo buteo ist unser häufigster Greifvogel und besonders im Winter nicht zu übersehen. Die bis zu 58 Zentimeter großen Vögel präsentieren sich momentan geradezu an den Straßenrändern wie lauernde Geier. Wie bei den Greifvögeln üblich übertreffen die Weibchen mit bis zu 1200 Gramm Körpergewicht ihr Männchen (maximal 900 Gramm), was sich natürlich auch in der Körpergröße zeigt. Bei der so genannten Ansitzjagd spähen die Vögel von hoher Warte aus nach wuselnder Beute und leckerem Aas. Jetzt, da das grüne Kleid der Vegetation noch im Winterschlaf weilt, sind die imposanten Federkugeln gut zu sehen. Bei schönem Wetter schrauben sie sich gerne mit der Thermik nach oben, kreisen in der Höhe, wobei der Mäusebussard bisweilen auch im Rüttelflug sein Opfer anvisieren kann. Beim Sturzflug wird das Beutetier angepeilt, schließlich am Boden mit den Fängen gekrallt – und getötet.
Greifvögel verfolgen unterschiedliche Jagdstrategien. Ein Teil schlägt sich als Griff-, der andere als Bisstöter durchs Leben. Bussarde verraten sich durch ihre kräftigen, kurzen Fänge („Füße“) als Grifftöter, deren Schnabel in erster Linie zum Zerreißen der Nahrung dient. Im Gegensatz dazu besitzen Falken zartere Beinchen, dafür aber einen zum Töten konzipierten Schnabel, der die oberen Halswirbel seiner Opfer durchtrennt.
Der Mäusebussard ist laut Kosmos-Bestimmungsbuch ein „breitflügeliger, recht kompakter Greifvogel mit breitem, kurzem Hals“– ein Lanz-Bulldog halt. Jedes Exemplar überrascht mit einer individuellen Färbung des Gefieders, die von fast weiß bis zu dunklem Braun reichen kann. Abgesehen von dem Umstand, dass die Vögel momentan besonders gut zu sehen sind, beginnt nun für die Vogelliebhaber unter uns ein wunderbares Naturschauspiel: die Balzflüge der Bussarde.
Mit dem typischen „Hiäh“ auf den Lippen... äh, auf dem Schnabel, legen die Pärchen eine atemberaubende Flugschau hin. Sie umkreisen sich im Girlandenflug in der Luft und stürzen sich, von Überschlägen durchsetzt, rasant in die Tiefe. Keine Spur von Plumpheit beim Greif.
 Obwohl die Paare sich in unseren Breiten üblicherweise ein Leben lang treu bleiben, umwirbt das Männchen sein Weibchen vor der Paarung jedes Jahr aufs Neue. Ha! Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen! Dieser denkwürdige Satz wird selbstverständlich den Kollegen in der Redaktion laut vorgetragen. „Des schreibsch aber, damit die Männer was lernen!“, ruft die Kollegin von hinten links entzückt. Also, liebe Männer, nicht vergessen: Unentwegt und immer wieder das Weibchen umwerben! Kleiner Tipp am Rande: Hierfür eignen sich neben innigen Liebesschwüren auch handfeste Zeichen der Verbundenheit wie eine Reise in die Karibik oder ein Wellnessaufenthalt in den Bergen. Doch auch mit Edelsteinen und Blumensträußen können Sie die Aufmerksamkeit Ihres Weibchens erhalten. Nun ja, bei den Mäusebussarden schließt sich den Bemühungen des Männchens die Paarung auf dem Nest, dem so genannten Horst, oder einem Baum an. Diese dauert nur einige Sekunden. Daran muss sich natürlich niemand ein Beispiel nehmen. Unsere heimischen Pärchen sind in der Regel ihrem Revier treu und bleiben – falls sich das Männchen ins Zeug legt – ein Leben lang zusammen. Der älteste beringte Bussard wurde rund 26 Jahre alt.
Ende März/Anfang April legt das Weibchen zwei bis vier Eier in den mit Reisig, Moos und Tierhaaren ausgepolsterten Horst. Manche Pärchen rüsten ihr Vorjahres-Nest auf und erweitern die Behausung, wodurch sehr große Nester entstehen können. Darüber, wer das Brutgeschäft übernimmt, herrscht bei den Autoren Uneinigkeit. Von abwechselnd brütenden Partnern ist die Rede, aber auch davon, dass nur das Weibchen brütet und das Männchen sie mit Futter versorgt. Nach rund fünf Wochen schlüpfen die Jungen und bleiben noch bis zu sieben Wochen lang im Nest. Nach dem Ausfliegen werden die Kleinen als Ästlinge bezeichnet. Sie werden noch wochenlang von den Altvögeln betüttelt.
Manche Bussardeltern sind äußerst pflichtbewusst und verteidigen ihren Nachwuchs vehement. Besonders einsame Jogger scheinen den Vögeln suspekt und werden regelmäßig attackiert. Am besten ist es, das Gebiet in dieser Zeit zu meiden.
Vor allem die jungen Mäusebussarde fliehen im Winter in Richtung Südfrankreich und Nordspanien, dafür reisen Exemplare aus dem Norden und Osten bei uns ein. Auch der Raufußbussard überwintert bisweilen bei uns und kann dann mit dem Mäusebussard verwechselt werden. Allerdings sind die Füße des nordischen Verwandten bis zu den Zehen befiedert und er besitzt einen auffallend weißen Schwanz. Von Mai bis September kommt noch ein sehr ähnlicher Sommergast aus dem tropischen Afrika zu uns: der Wespenbussard. Er ist etwas größer und langflügeliger als unser Buteo buteo. Ein schlanker Hals und ein recht langer Schwanz lassen den Sommergast erkennen.
Der Bestand des Mäusebussards wird in Deutschland auf 70000 Brutpaare geschätzt, die Tiere gelten im Moment als nicht gefährdet. Mitte des letzten Jahrhunderts sah das ganz anders aus. Besonders Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft reicherten sich in den eleganten Jägern an und rissen die Bestandszahlen vieler Greifvogelarten in den Keller.
Mäusebussarde gehören zu den besonders geschützten Arten, unterliegen aber zugleich dem Jagdrecht. „Obwohl heimische Greifvögel das ganze Jahr unter Schutz stehen, werden sie illegal geschossen, vergiftet, in Fallen gefangen oder ihre Nester werden zerstört“, mahnt der Naturschutzbund Deutschland.
 Einig sind sich die viele Autoren darin, dass der Jäger der Lüfte gerne faul ist. Das bestätigt der Eindruck, den der Vogel beim Beobachter hinterlässt, wenn er ausdauernd und regungslos auf seiner Warte sitzt. Mäusebussarde und Mäuse sind in einem klassischen Räuber-Beute-Schema miteinander verknüpft. Das bedeutet: Je mehr Mäuse, umso mehr Räuber, je mehr Räuber, desto weniger Mäuse. Wenige Mäuse, weniger Räuber und so weiter. Ein Vorgang, den die Wissenschaftler als negative Rückkopplung bezeichnen. Zu seinem Glück benötigt der Mäusebussard Wald für den Nestbau und offene Flächen für die Jagd. Seine Hauptnahrung besteht aus Mäusen, doch auch Insekten, Würmer, kleinere Reptilien und Amphibien sowie Aas verschmäht er nicht. Die Angabe der Nahrungsmenge schwankt zwischen drei und zehn Mäusen pro Tag für den ausgewachsenen Greif, was ihn zu einem dicken Freund der Landwirte machen sollte.
Leider lauern immer noch große Gefahren auf den edlen Vogel. So verzeichnet der Jagdbericht der Wildforschungsstelle Baden-Württembergs 2005/2006 für den Mäusebussard 124 Exemplare als Verkehrsverluste, wobei die Dunkelziffer wesentlich höher liegen dürfte. Im letzten Jahr führte der bundesweit genehmigte, zeitlich begrenzte Einsatz des Nagerbekämpfungsmittels Ratron zum Protest diverser Naturschützer. „Beim Einsatz von Nagetierbekämpfungsmitteln wie Ratron auf Feldern droht die Vergiftung auch anderer Tierarten, von Säugetieren wie Feldhase und Hamster, über Greifvögel wie Mäusebussard und Rotmilan bis hin zu Haustieren wie Hund und Katze“, schreibt der Landestierschutzverbund Baden-Württemberg.
Es wäre doch ein Jammer, wenn der Ruf des großen Greifes nicht mehr über unserer Heimat erschallen würde. Denn das „Hiäh“ des Bussards klingt – wie der Erregungsruf des Steinadlers – nach Wildnis, Weite und Abenteuer. Der schwäbische Adler für Daheimgebliebene.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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