Freitag, 10. Februar 2012

KW 6 – Wildschweine beschäftigen nicht nur Forscher


In der Rotte kuschelt sich's am besten. Foto: p
In der Rotte kuschelt sich's am besten. Foto: p

Liebe Leser,
das Wildschwein lässt den Blutdruck steigen. Sei’s, weil man dem Kaventsmann leibhaftig gegenüber steht oder, weil man an den Schäden, die es bei der Futtersuche verursacht, verzweifelt.

Da steht sie, die Sau. Zum Greifen nah, das erste und einzige freilebende Wildschwein, das ich je gesehen habe. Wir knattern mit dem Motorradgespann durch den tiefen Wald in Nordhessen, als wir den Weg der Wildsau kreuzen. Vom Seitenwagen aus schicke ich ein Stoßgebet gen Himmel, dass die alte BMW nicht schlapp macht. Und, dass die Schrauben sich nicht wieder gelockert haben. Dann nämlich würde der Seitenwagen samt Inhalt im nächsten Moment vor den Schweine-Rüssel katapultiert werden.
Lachen Sie nicht! Der Seitenwagen war nicht immer bombenfest am Oldtimer und Wildschweine gehören zu unseren größten Wildtieren. Das Wildschwein, wissenschaftlich Sus scrofa, ist eine Urmutter der Hausschweinrassen. Vor rund 10000 Jahren begann der Steinzeitmensch mit der Haltung der Schweine, womit diese zu unseren ältesten unserer Haus- und Nutztiere gehören. Die Schwarzkittel leben im Familienverband, aus dem sich ältere männliche Tiere, die Keiler, ausklinken. Der Rest des Sauhaufens steht unter strengem matriarchalischem Regiment. Die Leitbache, normalerweise das älteste Muttertier, ist der Chef der Rotte genannten Familie. In unseren Breiten sind maximal 20 Weibchen und Jungtiere in einer solchen Rotte vereint. Schweine sind nicht doof. Daher gibt mit dem ältesten Familienmitglied ein Schwein mit dem größten Erfahrungsschatz den Ton an. Geruchssinn und das Gehör sind sehr gut entwickelt. In den 80er Jahren profilierte sich das Polizeischwein Luise bei der Rauschgift- und Sprengstoffsuche und stellte dabei manchen Spürhund in den Schatten.
Die Leitbache weist den Weg und koordiniert sogar die Empfängnisbereitschaft der anderen Weibchen. Wird die Chefin rauschig, also bereit für die Empfängnis, dann werden auch die jüngeren Sauen aufnahmebereit. Normalerweise ist das von November bis Januar der Fall. Nach dem Beschlagen, der Begattung durch den Keiler, bringen die Weibchen nahezu zeitgleich im März bis Mai ihre Jungen, die putzigen Frischlinge, zur Welt. Die Bache bastelt hierzu ein nach Süden exponiertes, ausgepolstertes Nest, denn die gestreiften Ferkelchen sind äußerst kälte- und nässeempfindlich.
Wird die Rotte ihrer Leitbache beraubt, kommt es zum Tohuwabohu. Der Familienverband kann sich auflösen. Die Weibchen werden unkoordiniert und des öfteren trächtig, teilweise werden schon Frischlinge im ersten Lebensjahr beschlagen, also gedeckt, und tragen zu einer unkontrollierten Vermehrung der Wildsauen bei. Auch die gute Futterlage fördert die Fruchtbarkeit der Weibchen. Auf den Feldern unserer Kulturlandschaft locken Leckereien. Die Allesfresser profitieren ebenfalls vom Umweltstress, in dem sich die Waldbäume befinden. So genannte Mastjahre, in denen Buchen und Eichen in Überlebenspanik Massen von Früchten bilden, häufen sich. Im Wald durchwühlen die Schweine mit ihrem starken Rüssel den Boden, vertilgen Schädlinge, Nützlinge und Aas und erleichtern manchem Samen das Auskeimen in der gelockerten Erde. Der Landwirt schätzt die Erdbewegungen gar nicht. Der Jagdpächter muss üblicherweise für entstandene Schäden aufkommen, was ebenfalls nicht zu Jubelstürmen führt. Eine Abschätzung der Bestandszahlen ist schwer und nach wie vor bietet das Wildschwein Rätselhaftes für die Wissenschaftler.
So beschäftigte sich auch die Wildforschungsstelle Baden-Württembergs ausgiebig mit dem Schwarzwild. Ursprünglich waren die Tiere tagaktiv. Erst durch die Bejagung scheinen sie ihre Aktivitäten ins Dunkel der Nacht verlegt zu haben. Schon im 17. Jahrhundert klagten die Stuttgarter über „die in den Weinbergen hausenden Schweine“, zitiert die Wildforschungsstelle. Die Feudaljagd erlaubte nur dem Adel das Erlegen der in unseren Breiten bis rund 100 Kilogramm schweren Tiere. Im 19. Jahrhundert wurde die Jagd liberalisiert und die Schwarzkittel wurden im Ländle nahezu ausgerottet. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges hat sich der Bestand jedoch wieder drastisch erhöht. „Die Zahl der erlegten Wildschweine hat sich bei uns also innerhalb von knapp 60 Jahren etwa verhundertfacht“, schlussfolgert die Wildforschungsstelle. Die Allesfresser spielen auch als Träger des Schweinepesterregers eine Rolle.
 Kopfzerbrechen bereitet das Thema „Schwarzwildbewirtschaftung“. Viele Jäger und Landwirte rufen nach einer vermehrten Durchführung revierübergreifender Drückjagden, wobei die Tiere aus ihrem Einstand „gedrückt“ werden. Selbst der Ökologische Jagdverband (ÖJV) und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) stimmen in diesen Chor mit ein. Andere Autoren befürchten, dass durch den Stress einer Drückjagd die Familienverbände zerstört werden, viel mehr Nachwuchs gezeugt wird und der Schuss somit nach hinten losgehe. Zwei Wissenschaftler vom Institut für Wildtierforschung der Hochschule Hannover fanden in diesem Zusammenhang heraus, dass „eine über einen längeren Zeitraum andauernde Absprengung einzelner Mitglieder von der Rotte nicht beobachtet wurde“. Auch nach Drückjagden kämen die Rotten in ihr altes Einstandsgebiet zurück. Doch der Nabu und ÖJV sparen auch nicht mit Kritik an der Jägerschaft: Das persönliche Vergnügen, ständig Schweine im Revier zu haben, stehe viel zu oft im Vordergrund. Bei Untersuchungen des Forstzoologischen Instituts der Universität Freiburg zeigt sich, dass 37 Prozent der Nahrung des Schwarzwildes aus Getreidegaben der Jäger bei Fütterung und Kirrung stammen. Damit, so die Forscher, würde einerseits die Vermehrungsrate angekurbelt, zum anderen das natürliche Regulativ einer erhöhten Wintersterblichkeit stark eingeschränkt. „Die Notzeitenfütterung ist aus wildbiologischer Sicht äußerst fragwürdig“, so ein Mitarbeiter des Instituts.
Ja, die Sauen machen es den Jägern nicht leicht. Schon das Schießen des „richtigen“ Tieres erfordert Fingerspitzengefühl. Die Leitbache ist tabu, ältere Keiler ebenfalls. Junge Bachen, am besten im November/Dezember geschossen, seien bevorzugt zu erlegen, so Berufsjäger und Autor Bruno Hespeler. Auch Frischlinge sollen verstärkt erlegt werden. Aber: Erwischt es zu junge Frischlinge, dann wird die Sau bald wieder trächtig. Das will man ja vermeiden. Mobile Frischlingsfallen werden von manchen gepriesen, von anderen strikt abgelehnt. Und die hormonelle Empfängnisverhütung zur Bestandskontrolle wird ebenfalls kontrovers diskutiert: Bejagen oder Pille meinen die einen, „Kugel statt Pille“ meint der Ökologische Jagdverein Sachsen.
 Eines ist aber klar: Das Tier ist keine Drecksau, setzt es doch seinen Kot immer am gleichen Eckchen ab. Gesuhlt wird aus gesundheitlichen Gründen und verwaiste Frischlinge werden von der Verwandtschaft adoptiert. Die Bache verteidigt ihren Nachwuchs ohne Rücksicht auf Verluste. Die Männchen streunen frei und ungebunden durch den Wald. Nur zur Paarungszeit kommen sie herbeigeeilt. Gar nicht so dumm, die Sau, oder?
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999



Seitenanfang