Freitag, 10. September 2010

KW 51 – Weihnachtswünsche einer Gans


Hausgänse werden vor einem Feuer gerettet. Foto: Küppers
Hausgänse werden vor einem Feuer gerettet. Foto: Küppers

Liebe Leser,
was wünscht sich die Hausgans zu Weihnachten? Die Antwort ist ganz einfach. Erstens: eine Feuerwehr, die genauso auf Zack ist wie die in Ötisheim (siehe Bild). Zweitens: die Freiheit. Drittens: dass sie fliegen kann wie ihre wilde Verwandtschaft. Als Minimalgeschenk wäre der Hausgans zu wünschen, dass dem Verbraucher das Vorleben von Gänsebraten und Daunendecke nicht schnuppe ist.

Ein „Gänsekrieg“ rüttelte im frühen 17. Jahrhundert das Städtchen Backnang auf. Ärmere Schichten besserten damals ihre Lebensumstände durch die Haltung von Gänsen auf. Diese richteten auf den Feldern der Stadt allerdings erheblichen Schaden an, woraufhin die Obrigkeit im Jahre 1606 kurzerhand die Gänsehaltung verbot. Die Backnanger Frauen erreichten letztendlich, dass 1612 die Gänsehaltung wieder erlaubt wurde.
Auch rund 350 Jahre später gehörten die Vertreter aus der Familie der Entenvögel zu etlichen Haushalten dazu. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bestellten viele Gemeinden einen Gänsehirten, der die großen Wasservögel auf die Weide führte. Im Ländle ging die Gänsehaltung dann aber drastisch zurück: Von über 300000 Gänsen im Jahr 1949 auf 20000 im Jahr 2001. Zwei Kollegen erinnern sich an ihre Kindertage in Enzweihingen: „Der Geesgarten“ der 50er Jahre ist den beiden gut im Gedächtnis. Von mutigen Spielen mit der vollen Milchkanne ohne Deckel ist die Rede. Und davon, dass die großen Gänse auf dem Weg zum Milchhäusle für kleine Mädchen etwas Bedrohliches hatten. Besonders der fauchende Gänserich.
Weit dramatischer ging es Jahrtausende zuvor im alten Rom zu. Das heilige Tier der Göttin Juno war die Gans. Die antike Stadt erstreckte sich damals über sieben Hügel, einer davon war das Kapitol. Auf dieser kleinsten Erhebung stand der Göttin Juno zu Ehren ein Tempel, bei dem Gänse gehalten wurden. Mit lauten Gezeter melden die wachsamen Vögel im Jahr 390 v. Chr. einen Angriff der Gallier. Weder die Wachen noch die Hunde hatten die Angreifer bemerkt. Das Kapitol konnte erfolgreich verteidigt werden.
Tolle Tiere, diese Gänse, die zudem in der Regel dem Ideal einer beständigen Partnerschaft entsprechen – sie sind sich ein Leben lang treu. Bei der Aufzucht der Jungen arbeiten beide Elterntiere mit. Der Ganter und sein Weibchen sehen sich zum Verwechseln ähnlich und sind besonders im Winter ausgesprochen gesellig. Die großen, kräftigen Vögel ernähren sich als Erwachsene pflanzlich und grasen gerne auf der Weide. Schon Römer und Germanen zähmten die Graugans, Anser anser, die als Stammform der europäischen Hausgans gilt. Deutschlands älteste erhaltende Gänserasse ist die Emdener Gans. Ihre Zucht geht nachweislich bis ins 13. Jahrhundert zurück. Bis zu zwölf Kilogramm kann eine Emdener Gans auf die Waage bringen. Vermutlich ein Grund dafür, weshalb Hausgänse meist nicht fliegen können.
Die heimische Wildgans schlechthin ist nach wie vor die Graugans. Es sind äußerst soziale Tiere, bei denen jedes Exemplar eine eigene Persönlichkeit besitzt. Wissenschaftler der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau finden nach aktuellen Forschungen sogar, dass Gans und Mensch einander in mancher Beziehung „verdammt ähnlich“ sind. Zwei Jahre lang hatte Zoologe Kurt Kotrschal mit seinem Team die Herzfrequenz der Gänse bei sozialen Interaktionen gemessen. Es zeigte sich, dass die Tiere reagierten, sobald sie streitende Artgenossen zusahen. Besonders heftig war die Reaktion, wenn der Partner oder Familienmitglieder in das Geplänkel verwickelt waren. Sie zeigten tierisches Mitgefühl.
 Apropos Partner: Ganz so eng sehen die Wildgänse die Sache mit der lebenslangen Ehe anscheinend doch nicht. So wird von schwulen Pärchen ebenso berichtet wie von Dreierbeziehungen. Im schwedischen Malmö fielen homosexuelle Gänseriche mehrere Jahre hintereinander durch entspanntes Verhalten während der Zeit des Paarungstanzes auf. Die zwei seien zum wiederholten Male gemeinsam aus dem Winterquartier im Süden zurückgekommen, meldete der Nachrichtensender „n-tv“.
Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle: „Je öfter ein Ganter im Leben seine Partnerin verlor, beispielsweise an den bösen Fuchs, umso wahrscheinlicher tut er sich mit einem anderen Ganter zusammen.“ Jahre könnten die beiden Gänsemännchen auf diese Weise miteinander verbringen. Nur ein Weib kann diese Eintracht stören. Sobald eine Gänsedame einen der beiden attraktiv findet, ist's vorbei mit der Männerfreundschaft. „Prügelei folgt“, sagt der Zoologe. Eine neue Partnerschaft kann sich durchaus noch lohnen, denn die Vögel werden einige Jährchen alt. Das maximale Lebensalter der Graugans liegt bei 17 Jahren, Hausgänse leben doppelt so lange oder noch länger.
Graugänse ziehen im Winter in V-Formation gen Süden, manche bleiben aber inzwischen auch im Lande. Heimische Graugänse verbringen die Wintermonate in Spanien oder Nordafrika. Im Februar bis März kehren sie wieder heim. Bei der Paarung ab März wird getanzt, gesungen und im Wasser schließlich kopuliert. Dann legt das Weibchen um die acht Eier in ein mit weichen Federn ausgepolstertes Nest. Vier Wochen später schlüpfen die Kleinen und stürzen sich als echte Nestflüchter sofort in die Fluten eines Gewässers. Der Bestand der Graugänse nimmt in Deutschland seit einigen Jahren zu. Die Graugans gehört zu den jagdbaren Arten, macht es den Waidmännern aber wohl nicht allzu leicht. Die Deutsche Jagdzeitung berichtet: „Wildgänse äugen hervorragend und senden sogenannte Späher aus, die das Terrain zuvor erkunden, bevor der gesamte Flug auf Nahrungssuche geht.“
Das nackte Tier in der Bratröhre muss sich indes keine Gedanken mehr um seine Zukunft machen. Bleibt zu hoffen, dass die Gans im Bräter ein glückliches Leben hatte. „Die Gans stammt oft aus der grausamen Stopflebermast“, mahnen diesen Dezember erneut die Verbraucher- Initiative und die Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Den Vögeln werden mehrmals am Tag durch ein Rohr Unmengen an Nahrung hineingestopft, wodurch die Leber sich vergrößert. Zwar sei diese Quälerei in 14 europäischen Ländern, darunter Deutschland, verboten. „Aber trotzdem stammt ein beachtlicher Teil der Gänse und Enten in den Kühltruhen unserer Supermärkte aus der Stopfleberhaltung in Ungarn oder Frankreich“, so die Tierschützer. Ein Tipp: Die Weihnachtsgans beim regionalen Erzeuger des Vertrauens kaufen.
 Im November schockte die „Bild am Sonntag“ ihre Leser mit Enthüllungen über den Lebendrupf in einer ungarischen Gänsefarm. Im Akkord rupfen Arbeiter den unbetäubten Tieren Daunen und Federn aus der Haut. Das Dilemma für die Gänse liegt auf der Hand. Das Dilemma für die Kunden ist, dass noch keine Zertifizierung Auskunft über „Rupfbedingungen“ gibt. „Nach Schätzungen von ‚Vier Pfoten‘ sind bis zu 80 Prozent der Daunen aus solchen Quäl-Farmen“, schreibt die Sonntagszeitung. Die VKZ fragte beim Verband der Deutschen Daunen- und Federnindustrie nach, ob eine entsprechende Zertifizierung geplant sei. Die Antwort der Geschäftsführung: „Lebendrupf-Ware wird in Deutschland so gut wie nicht mehr angeboten, da sie auf dem preisempfindlichen inländischen Markt keine Käufer mehr findet. Lebendrupf ist sehr, sehr teuer. Außerdem wünschen die Kunden keinen Lebendrupf mehr aus ethischen Gründen.“ Eben. Weihnachtswunsch der Kunden: Eine entsprechende Kennzeichnung der Ware.
 In diesem Sinne: Gans schöne Weihnachten!
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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