KW 5 – Das Wunder der Blutgerinnung
Liebe Leser,
egal, ob beim Baumschnitt, beim Aufhängen von Nistkästen oder beim Spielen: Immer läuft der Mensch Gefahr, sich kleinere oder größer Verletzungen zuzuziehen. Damit wir bei dieser Gelegenheit nicht verbluten, sondern in der Regel mit Kratzern und blauen Flecken davonkommen, spielt sich in unserem Körper Gewaltiges ab.
Letzte Woche haben wir uns noch mit der Welt der Vögel beschäftigt. Ich konnte Ihnen hier an dieser Stelle ein ganz besonderes Schmankerl kredenzen: die Zeitungsente. In unserer gestrigen Ausgabe war das schon kurz Thema in der Rubrik „Unterm Kaltenstein“. Jedenfalls übt diese Spezies ihr Brutgeschäft mit Vorliebe in Nistkästen mit 28 Zentimeter breiten Einfluglöchern aus. Die Zeitungsente ist vor allem dank der Bemühungen der schreibenden Zunft nicht vom Aussterben bedroht. Es ist eher so, dass ein Überhandnehmen der Zeitungsentenpopulation zu Leserschelte führt.
Daher wenden wir uns heute der Wunderwelt unseres Körpers zu, genauer gesagt dem Lebenssaft, der durch unsere Adern fließt. Zirka sechs Liter Blut zirkulieren beim Erwachsenen durch die Gefäße. Nicht zu dick und nicht zu dünn darf die Flüssigkeit sein. Im System des Blutkreislaufs gibt es etwas, das Wasserbauingenieuren vor Neid die Tränen in die Augen treiben dürfte. Reparatur- und Selbstheilungsmechanismen verschließen in unserem Adergeflecht kleinere Verletzungen wie von Zauberhand. Vorausgesetzt, der Mensch ist gesund.
Die Art und Weise, wie unser Körper das schafft, ist nach wie vor im Fokus der Wissenschaftler. Im letzten Jahr meldete sich eine Forschungsgruppe zu Wort, die mit neuen Erkenntnisse aufwarten konnte. Es passiert alle Nase lang: Ein Blutgefäß wird verletzt. Das zieht auf jeden Fall ein „Aua“ nach sich. Blut fließt entweder sichtbar oder unter der Haut, was zur farbenfrohen Verfärbung führt: einem blauen Fleck. Medizinern aus Münster gelang es gemeinsam mit Physikern aus Augsburg und München, den Startschuss für die Verschlussaktion weiter zu entschlüsselt.
Ein Loch ist also nicht im Eimer, aber im Blutgefäß. Was nun? „Verstopf’ es, oh Henry“, rät der Liedtext des Medium Terzetts. Genau das passiert, das Leck wird abgedichtet. Das erste Rettungsnetz, das sich der Blutstillung widmet, wird von einem großen Molekül mit klangvollem Namen gebaut: dem „von-Willebrand-Faktor“, kurz VWF. Es handelt sich um ein großes Eiweißmolekül, das von der inneren Zellschicht der Blutgefäße gebildet wird. Normalerweise, so die Forschungsgruppe, lässt es sich als zwei Mikrometer große Kugel mit dem Blutstrom mitreißen. Sobald nun ein Blutgefäß verletzt wird, werden die unter der inneren Schicht liegenden Proteine der Gefäßwand freigelegt, an die der VWF binden kann. Dass er das nicht einfach als Kugel tut, sondern sich zu einem Faden ausrollt, wiesen die kooperierenden Wissenschaftler nach. Damit vervielfacht sich die Fläche, an der Blutplättchen andocken und einen Verschluss bilden können. Ursächlich dafür scheint weder ein Hormoncocktail noch bestimmte Enzyme, sondern die Fließgeschwindigkeit des Blutes. Leider schweigt sich der Forschungsbericht etwas darüber aus, wann genau sich der rettende Faden ausrollt. Vermutlich sobald sich der Lebenssaft durch ein Leck in der Gefäßwand quetscht. Außerdem ziehen sich Blutgefäße bei einer Verletzung zunächst zusammen, wodurch sich ebenfalls die Fließgeschwindigkeit erhöhen müsste.
„Sehr hohe Fließgeschwindigkeiten führen dazu, dass der VWF plötzlich seine Form ändert und von einer zwei Mikrometer großen Kugel zu einem 100 Mikrometer langen Faden wird“, so die Wissenschaftler. Es handelt sich also um ein mechanisch schaltbares Molekül.
Seit der Entdeckung dieses von-Willebrand-Faktors im Jahr 1924 durch dessen Namensgeber, den Finnen Erik von Willebrand, brüteten Wissenschaftler über der Frage, wie er funktioniert. Durch die Entfaltung zu einer Art klebrigem Faden werden Bindungsstellen zur Verfügung gestellt, die vorher in der Kugelform verborgen waren. Mit Hilfe dieser Andockstellen hakt sich das Molekül an Kollagenfasern der Verletzungsstelle fest. Quervernetzungen entstehen und Blutplättchen, die Thrombozyten, bleiben in dem Netzwerk hängen. Die vorher linsenförmigen Thrombozyten genannten Blutplättchen werden aktiviert, strecken Scheinfüßchen aus und verkleben miteinander. Sie senden Signalstoffe aus, die noch mehr Thrombozyten anlocken. Ein Pfropf verschließt nun die Wunde. Dies geschieht nach ein bis vier Minuten Blutungszeit, danach ist diese so genannte zelluläre Hämostase abgeschlossen.
Dieser Verschluss ist allerdings nicht sonderlich stabil und kann weggespült werden. Nun folgt die so genannte plasmatischen Hämostase, die eigentliche Blutgerinnung. Während einer Kaskade an Abläufen bildet sich ein stabiles Maschenwerk aus dem Eiweiß Fibrin. 13 verschiedene Gerinnungsfaktoren müssen bei diesem Vorgang mitspielen, sonst kann es für den blutenden Menschen brenzlig werden. Am Ende des Gerinnungsvorganges steht eine stabile Barriere aus Fäden und Blutbestandteilen. Später wird dieser Blutpfropf bei dem ebenfalls fein abgestimmten Prozess der Wundheilung wieder aufgelöst und resorbiert. Ein Sicherheitssystem im Blut mit so genannten Inhibitoren sorgt dafür, dass es nicht spontan und grundlos zur Bildung eines Blutgerinnsels kommt. Ist die Gerinnungskaskade oder das Zusammenspiel zwischen Gerinnung und Wundheilung gestört, kann das Leben der Patienten in Gefahr sein. Es drohen Blutungen oder unerwünschte Blutgerinnsel, Thromben. Die häufigste Erbkrankheit, die zu einer verstärkten Blutungsneigung führt, ist ein Mangel oder Defekt des von-Willebrand-Faktors. Die Wissenschaftler erhoffen sich durch neue Erkenntnisse ein besseres Verständnis von Gefäßkrankheiten und Gerinnungsstörungen.
Und wieso ist der blaue Fleck nun eigentlich blau? Genau genommen stimmt das ja nicht ausschließlich. Wie jeder weiß, entzücken die Male mit einem flotten Farbenspiel: Das ins Gewebe einblutende Blut sorgt üblicherweise zunächst für einen roten Schimmer unter der Haut. Während der Blutgerinnung verlässt Sauerstoff den roten Blutfarbstoff, nach spätestens vier Tagen wird der Fleck blau. Beim folgenden enzymatischen Abbau des Blutfarbstoffes wandelt sich die Farbe von blau nach grün. Noch einige Tage später liegen die Reste des Blutes als Bilirubin vor, das mit einer gelben Farbe besticht. Nach zwei bis drei Wochen sollte von der Verletzung nichts mehr zu sehen sein. Zur Beschleunigung des Heilungsvorganges werden Salben und Kühlung empfohlen. Nur der Unterdruck-Bluterguss, der Knutschfleck, wird manchmal als Trophäe getragen. Für uns alle wünsche ich mir: körperliche Unversehrtheit – allerhöchstens mal ein Knutschfleckchen hier und da.
Sabine Rücker
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