Freitag, 10. Februar 2012

KW 48 – Parasiten mit ausgefeilter Taktik


Schnecke mit Parasiten im Fühler. Foto: Zicha
Schnecke mit Parasiten im Fühler. Foto: Zicha

Liebe Leser,
ich sage nur eins: Parasiten! Sehen Sie. Schon das Wort jagt Ihnen Gänsehaut über den Rücken, stimmt’s? Bei mir stellt sich dagegen eher eine Art wohliger Schauer ein. Denn das Thema handelt von ausgebufften Mechanismen der Natur.
Vor wenigen Tagen stieß ich auf eine alte Liebe von mir: Parasiten. Im Zeit-Magazin hielt Journalist Harald Martenstein eine Erklärung für den Wahnsinn der Welt parat. Seine Zwischenbilanz: „Herr im Himmel, es gibt einen Parasiten, der konservative Machos produziert.“ Denn einige der Schmarotzer besitzen die Fähigkeit, das Verhalten ihres Wirtes – in jenem Fall eben Männer – zu verändern.
Meine Begeisterung für das mit Ekel behaftete Thema reicht Jahrzehnte zurück. Es muss in einem Kurs mit dem trockenen Titel „Parasitologie“ gewesen sein. Dieses Zoologie-Thema bot dem geneigten Jungstudenten alles, was das Herz begehrt. Lug und Trug im Tierreich, schön-schauerliche Bilder und die Gewissheit, dass der Mitteleuropäer sich vor einigen widerlichen Parasiten in Sicherheit wiegen kann, mehr oder weniger. Damals, vor dem Klimawandel. In diesem Kurs wurde meine Ehrfurcht vor den Biestern, die sich Parasiten nennen, gefestigt.
 Nehmen wir die Szene eines kurzen Lehrfilmchens. Eine Schnecke sitzt etwas dümmlich irgendwo herum. Das ist nichts Verwerfliches und nicht weiter erschütternd, nur: Ihre Fühler pulsieren. Merkwürdig verdickt und bunt geringelt schieben sich die Fühler hin und her, hin und her. In Zeiten des Internet kann dieses Schauspiel auf Youtube unter dem sinnigen Titel „Zombie Snails" bewundert werden. Das, was der Schnecke die Sicht vernebelt und Vögel anlocken soll, ist eine Entwicklungsstufe des Saugwurms mit dem poetischen Namen Leucochloridium paradoxum. Dieser Vertreter der Saugwürmer nutzt die Schnecke als sogenannten Zwischenwirt. Der Vorteil dieses sogenannten Wirtswechsels, der nicht mit einem Wirtschaftswechsel bei Kneipentouren verwechselt werden sollte, liegt wohl in einer explosionsartigen, ungeschlechtlichen Vermehrung der Erreger. In der Schnecke fühlen sich die Jugendstadien des Schmarotzers pudelwohl, entwickeln und vermehren sich, um schließlich in einer Art Sack oder Schlauch ihr weiteres Schicksal zu provozieren. Von dort aus locken die Juvenilformen mit ihrem pulsierenden Winken als nächste Stufe der Gemeinheit ein argloses Vögelchen, den sogenannten Endwirt. Dieser verleibt sich die bunten Fühler, die einer Raupe ähneln, ein. In den Eingeweiden des Piepmatzes geben sich die inzwischen erwachsenen Parasiten der fleischlichen Lust hin. Dem Sex der erwachsenen Würmer folgt die Ablage der Eier, die der Vogel mit seinem Kot ausscheidet. Aus den Eiern schlüpfen bewimperte Larvenstadien, die im feuchten Milieu aktiv eine Schnecke suchen, sich in diese hineinbohren und wieder zu Schläuchen in den Fühlern werden.Der Kreislauf ist geschlossen. In diesem Fall hat sich nicht das Verhalten des Zwischenwirtes, aber dessen Aussehen derart verändert, dass der Schmarotzer schneller in seinem Endwirt landen kann.
Besonders fasziniert zeigt sich Martenstein in seinem Artikel allerdings von den Parasiten, die „ein oder zwei Details im Verhalten ihrer Wirtstiere manipulieren“. Biologen der Universität Bonn kamen einem gemeinem Fall von forciertem Suizid auf die Schliche. Bachflohkrebse sind normalerweise nicht sonderlich scharf darauf, von Fischen gefressen zu werden. Ist das kleine Krustentier allerdings mit einem Kratzwurm, wissenschaftlich Acanthocephala, infiziert, schwimmt es geradewegs gefräßigen Fischen entgegen. Die Schaltzentrale im Krebskopf scheint vom Jugendstadium des Parasiten umgepolt geworden sein. Nach diesem Suizid entwickelt sich im Fisch der erwachsene Wurm. Der Fisch scheidet Wurmeier aus, die vom Krebschen gefressen werden und das Spiel beginnt von neuem.
Auch die Ameise wird von einem Parasiten derart umprogrammiert, dass sie nicht mehr Herr ihrer selbst ist. Schuld ist wiederum ein Saugwurm mit dem Namen Dicrocoelium lanceolatum, zu deutsch Kleiner Leberegel. Fangen wir mit dem Ei an, das zunächst mit Kotresten des Endwirtes von einer Schnecke gefressen wird. Die Parasiten vermehren sich in der Schnecke schon eifrig und die Jugendstadien werden in einer Art Schleimpfropf beim „Husten“ aus dem Schneckenkörper befördert. Nun kommt die Ameise ins Spiel, vespert ihrerseits den Leckerbissen Schneckenschleim und hat sich nun mit dem Saugwurm infiziert. Im sogenannten Unterschlundganglion, einer Art Miniatur-Gehirn, nisten sich nun einige Jugendstadien des Kleinen Leberegels ein und bewirken Unglaubliches.
 Sobald die Temperatur unter 15 Grad Celsius sinkt, klettert die Ameise wie von Geisterhand gelenkt auf Halme und Blumen. Dort wird sie von einem „Kieferkrampf“ überfallen. Sie hängt am Grünzeug fest und wird vom nächstbesten Schaf, Esel oder Reh mitgefressen. Im Verdauungstrakt dieser Säuger reifen die Jugendformen des Kleinen Leberegels zu Erwachsenen heran, die Paarung erfolgt, die Eier werden über die Gallengänge wiederum mit dem Kot ausgeschieden – das Spiel beginnt von Neuem. Die Mechanismen in der Parasitologie sind derart perfide, dass nicht einmal der Mensch sich derart Umständliches ausdenken könnte.
Kaufrausch durch Parasitenbefall?
 Bei Machos, die Journalist Martenstein erwähnt, kann es sich beispielsweise um Opfer einer Infektion mit Toxoplasma gondii handeln. Eigentlich befällt der parasitische Einzeller Nager und Katzen. Infizierte Ratten verhalten sich zwar im Großen und Ganzen normal, haben aber keine Angst mehr vor Katzen. Forscher der Universität von Kalifornien, so das Zeit-Magazin, hätten Hinweise darauf gefunden, dass eine Toxoplasmose-Infektion auch am menschlichen Verhalten nicht spurlos vorbeigeht. „Männer, die diesen Parasiten im Hirn haben, würden nach einer gewissen Zeit damit beginnen, auffällig dominant zu agieren und ein übersteigertes Traditionsbewusstsein an den Tag legen“, so Martenstein. Ha! Wir haben es doch schon immer geahnt, liebe Leserinnen. Manche Männer können einfach nichts dafür. Manche Frauen aber auch nicht. Meine Hypothese: Bei Frauen kann der Befall mit bestimmten Parasiten zu Symptomen wie exzessiven Anfällen von Kaufrausch führen. Ähnlich wie bei oben genannter Ameise könnte bei uns Weibchen ein Temperatursturz unter 0 Grad Celsius („Winterkaufrausch“) oder ein Temperaturanstieg auf über 25 Grad Celsius („Sommerkaufrausch“) Auslöser für unkontrolliertes Horten von Kleidung und Schuhen sorgen.
Was das eigentlich mit der Vorweihnachtszeit zu tun hat? Ganz einfach: Es ist unbestritten, dass Weihnachten mit seinen vielfältigen sinnlichen Reizen den Ausbruch pathologischer Verhaltensweisen fördern kann, als da wären Fressattacken, Familienstreitigkeiten und so weiter und so fort. Das Schöne an der Sache ist doch nun, dass wir alles auf irgendwelche Parasiten in unserer Hirnregion schieben können. In diesem Sinne schon mal eine schöne Adventszeit.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz oder per Fax: (07042) 91999


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