Freitag, 10. September 2010

KW 47 – Tränen lügen nicht


Gleich kullert ein Wunder der Natur: die Träne. Foto: p
Gleich kullert ein Wunder der Natur: die Träne. Foto: p

Liebe Leser,
November! Was für ein Monat. Die Sonne hält sich mit Wolken bedeckt, die Außentemperatur stürzt ins Minus und die Lebensgeister haben sich irgendwo anders hin verabschiedet. Da braucht man sich nicht wundern, wenn nur noch eins bleibt: weinen.

Letzten Sonntag, da hab’ ich geheult wie ein Schlosshund. Fast 106 Minuten lang strömten die Tränen aus meinen Augen. Und ich war nicht alleine. Das große Heulen übermannte mich nämlich dort, wo sogar starken Männern hin und wieder Flüssigkeit aus den Sehorganen quellen darf. Nein, nicht im Fußballstadion, sondern im Kino. Sie brauchen jetzt aber nicht vor Mitleid zerfließen, denn es waren keinesfalls Kummertränen, die über meine Wangen flossen. Es war auch nicht die Titanic, die bei ihrem Untergang auf der Kinoleinwand für Tränenfluten im Zuschauerraum sorgte. Ich habe, nebenbei bemerkt, diesen Film nie gesehen, auch wenn meine Kinder vehement das Gegenteil behaupten. Wahrscheinlich soll mit dieser Masche mein mentaler Gesundheitszustand beeinträchtigt werden. Auch zum Heulen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte...
Jedenfalls beruhte der Ausbruch der Gefühle im abgedunkelten Kinosaal auf Lachsalven, die meinen Körper beutelten. Vor mir flimmerte „Willkommen bei den Sch’tis“ über die Leinwand – der erfolgreichste französische Film aller Zeiten. Meine Schwägerin namens Jeannette ist, wie der Name schon nahelegt, Halbfranzösin. Und die Wurzeln ihres Familienclans reichen ins gar schreckliche Nordfrankreich, von dem der Kinofilm handelt, zurück. Ein Muss also, sich einen Film über diese Region anzuschauen. Sie hatte, wie sie später gestand, geschummelt und den Film am Vorabend im Originalton schon angeschaut. Auch zum Heulen.
Beim Verlassen des Kinos fühlte ich mich aber keinesfalls gereinigt und geläutert, sondern erschöpft, ausgelaugt und verquollen. Kein Wunder, hatte ich doch gerade ein Rätsel der Wissenschaft durchlebt. Denn bis heute gibt es kaum fundierten Erkenntnisse darüber, warum der Mensch weint. Die Fähigkeit des Menschen, emotionale Tränen zu vergießen, wird von der Forschung noch stiefmütterlich behandelt. Die Entstehung von Trauer-, Wut-, Ekel- und Freudentränen ist mehr oder weniger ein Rätsel.
Was ist also passiert, im Kinositz Nummer drei, Reihe acht? Betrachte ich die feuchten Lachsalven einmal retrospektive, so klingt die Erklärungsversion des Teledoktors vom SWR nicht allzu schlecht: „(...) Beim Lachen ist es aber ganz anders. Da drücken die Lachmuskeln auf die Tränendrüsen und quetschen die Flüssigkeit sozusagen heraus.“ Richtig, so könnte das gewesen sein.
Rund 100 Liter Tränenflüssigkeit produziert der Mensch in seinem Leben, wobei Träne nicht gleich Träne ist. Die „Normalträne“, die hierbei wohl den Löwenanteil ausmacht, tritt gar nicht richtig in Erscheinung. Sie befeuchtet das Auge und verschwindet ungesehen in dunklen Kanälen. Diese Träne fällt eigentlich erst auf, wenn ihre Produktion gestört ist. Ein ganzer Tränenapparat ist dafür zuständig, dass am Auge alles wie geschmiert läuft. Eine Tränendrüse, die seitlich oberhalb der Augenhöhle liegt, produziert einen Teil der Flüssigkeit. Im Normalfall wird diese durch den Lidschlag über die Hornhaut verteilt und durch die Tränenpünktchen und -kanälchen wieder in Richtung Nasenhöhle abgeleitet. Der Tränenfilm, der für das richtige Augenmilieu sorgt, ist keineswegs nur eine schnöde Flüssigkeit. Er kann in drei Schichten unterteilt werden, die die Hornhaut unseres Augapfels nährt und umsorgt, wobei noch weitere Drüsen ihren Anteil an dem Schutzfilm leisten. Damit die Tränen auf der Hornhaut nicht allzu schnell verdunsten, produzieren Fettdrüsen am Lidrand eine Substanz, die als äußerste Schicht mit einer Dicke von 100 Nanometern die Barriere zur Umgebung bildet. Die mittlere Schicht ist eine eher wässrige Angelegenheit. In dieser zirka zehn Mikrometer dicken Schicht helfen Enzyme bei der Abwehr von Krankheitserregern, Nährstoffe und Sauerstoff werden der Hornhaut zugeführt. Die innere Schicht, die an die Hornhaut grenzt, ist ganz dünn und schleimig. Auch sie dient der Versorgung der Hornhaut und fördert eine optimale Haftung des Flüssigkeitsfilms.
 Dieses stille Wunder zwischen Blinzeln und Gucken funktioniert sang und klanglos. Lästig und bewusst wird einem die Sache erst, wenn Fehlfunktionen auftreten: Dann laufen ständig Tränen oder der Patient muss die Flüssigkeit in Form von Augentropfen von außen zuführen. Übrigens ist diese Art der Befeuchtung ein Muss für alle Landwirbeltiere. Auch zum Ausspülen von Fremdkörpern kommen Reflextränen im Tierreich zum Einsatz. Sogar die Krokodilsträne gibt es wirklich. Was im Sprachgebrauch für geheucheltes Mitgefühl steht, fließt, sobald das Reptil heftig in seine Beute beißt.
Bei uns Menschen fließen die Tränen häufig im Zusammenhang mit großen Gefühlen, dann läuft das Auge über – ein klassischer Fall von Weinen. Die Fähigkeit zu diesen sogenannten emotionalen Tränen wird von vielen Forschern exklusiv uns Zweibeinern zugeschrieben – worüber sich sicherlich streiten lässt. Dass Weinen vor allem ein Ausdruck der Hilflosigkeit ist, sagt Professor Dr. Bernd Ahrbeck von der Humboldt Universität in Berlin. Situationen, die überfordern, können den Sturzbach auslösen, so der Psychologe. Das gilt für Trauer genauso wie für Freude, Wut und Rührung. Tränen sind ein Kommunikationsmittel, das über Länder- und Altersgrenzen hinweg funktioniert. Weinen weckt beim Gegenüber ebenfalls Gefühle, bestenfalls Mitgefühl. Weinende Kinder verursachen bei Erwachsenen üblicherweise Schweißausbrüche.
Emotionale Tränen enthalten im Unterschied zu den Befeuchtungs- und Reflextränen Stresshormone, aber auch Endorphine zur Schmerzlinderung. Die Hypothese, dass mit der Augenflüssigkeit Schadstoffe ausgeschieden werden, konnte sich nicht durchsetzen. Ein weiterer Irrglaube scheint, dass Weinen einen heilsame Wirkung auf den Körper hat. Zwar kann die Seele sich erleichtert fühlen, doch der Tränenfluss steigert die Herzfrequenz und führt zu einer unregelmäßigen Atmung. Tränen beruhigen also nicht, sondern erschöpfen eher.
Leute, die nahe am Wasser gebaut sind, verbrauchen durch ihre Empathie folglich einiges an Energie. Andererseits fühlen sich Mitmenschen von dem Einfühlungsvermögen ihres Gegenübers angezogen, da sie auf Verständnis hoffen können. Das ist bestimmt ein Erfolgsgeheimnis des französischen Kinofilmes: zurück zu den Grundbedürfnissen nach Ehrlichkeit, Akzeptanz und echten Freunden – behaupte ich jetzt einfach mal. Denn die Welt um uns herum wird immer mysteriöser: milliardenschwere Rettungspakete, milliardenschwere Abweichungen von Kostenkalkulationen und zeitgleich schlagen Weltbank und Vereinte Nationen Alarm. Eine Meldung der Wirtschaftswoche gestern: „Die Finanzkrise stürzt weltweit Millionen Menschen in Existenznot. Die Europäische Union debattiert daher heute über eine Sonderhilfe von einer Milliarde Euro gegen den Hunger.“ Eine satte Milliarde Euro! Irgendwie auch alles zum Heulen. Deshalb mein Rat: Gehen Sie doch mal wieder ins Kino oder ins Fußballstadion und heulen Sie Rotz und Wasser. Gemeinsames Weinen verbindet. Manager können davon sicherlich ein Lied singen. Und so könnte, zur Bindungsstärkung und als Mutmacher, ein kollektives Klagelied über der Nation angestimmt werden, am besten der alte Schlager „Tränen lügen nicht“.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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