KW 43 – Gute Nacht, Freunde: Siebenschläfer.
Liebe Leser,
es fängt an, das große Zittern. Die Temperaturen fallen und das kann ganz schön unter die Haut gehen. Da wandert der Blick schon mal neidvoll in Richtung Tierreich. Dort gibt es Wesen, die der Kälte mit einem Monate dauernden Winterschlaf trotzen. Wieso, frage ich mich bei der Gelegenheit, kann ich nicht auch ein Bilch sein?
Bei Leserin Ilse Kern geht es munter zu: „Im Dämmmaterial in unserem Niedrigenergiehaus haben wir viele Mitbewohner.“ Siebenschläfer fühlen sich dort anscheinend pudelwohl. Von Natur aus bevorzugt der grau-weiße Knilch, der ja eigentlich ein Bilch ist, Baumhöhlen und zieht sich zur Winterszeit auch in die Erde und Felsspalten zurück. In menschlicher Nähe lässt sich der von der Nasen- bis zur Schwanzspitze zirka 30 Zentimeter messende Säuger aber auch nieder. Zwangsläufig, denn natürliche Baumhöhlen sind selten. Die großen Augen, die für gute Nachtsicht sorgen, und der Puschelschwanz, der beim Balancieren hilft und in kalten Winternächten wärmt, verleihen dem Kerlchen ein niedliches Aussehen. Im zoologischen System reihen sich die Siebenschläfer, wissenschaftlich Glis glis, in die Ordnung der Nagetiere ein. Hier wiederum gehören sie zur Familie der Bilche, auch Schläfer genannt, zu der in Deutschland noch die Haselmaus, der Gartenschläfer und der sehr seltene Baumschläfer zählen.
Siebenschläfer sind teilweise gesellig und gesprächig, wobei sie pfeifen, meckern und quieken können. Das Problem daran: sie tun das nachts, denn am Tag schlafen die Bilche. Dr. Claudia Bieber von der Veterinärmedizinischen Universität Wien: „Als Trost kann man den übernächtigten Hausbesitzern nur mitteilen, dass spätestens ab Anfang November wieder Ruhe einkehrt.“ Dann fallen die Siebenschläfer in ihren Winterschlaf. Allerdings, schränkt die Expertin ein, sollte die Freude darüber nicht zu groß sein, da die Tiere sehr ortstreu sind und bis zu neun Jahre alt werden können. Für den langen Schlaf müssen gute Fettpolster angelegt werden. Das Wohl und Wehe einer Population hängt dabei eng mit der Samenbildung von Eiche und Buche zusammen. Bieber stellte sich die Frage, was der Grund für gute und schlechte Siebenschläferjahre ist – und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis. In Jahren einer sogenannten Vollmast, in denen fast alle Eichen und Buchen eines Bestandes reichlich Samen bilden, gibt es auch viele Siebenschläfer. Nach der Vollmast folgt in der Regel eine Fehlmast. Die Expertin fand heraus, dass „im Ausfalljahr kein einziger Siebenschläfer geboren wurde“. Sind Siebenschläfer folglich Hellseher? Die Erklärung liegt wohl, sozusagen, in den Hoden der Männchen. „Normalerweise schrumpfen die Hoden der Männchen aus Gründen des Energiesparens während des Winterschlafs sehr stark“, erläutert die Wissenschaftlerin. Der „Rest“ der Pracht ist nicht funktionsfähig. Im gesamten Ausfalljahr habe kein Männchen mit voll entwickelten Hoden gefunden werden können. Woher aber wissen die Tiere zur Paarungszeit im Frühjahr, wie die Mast im Herbst ausfällt? Bieber: „Es könnte sein, dass Energiegehalt oder Inhaltsstoffe in den Blüten oder jungen Früchten der Buche oder Eiche, ein wichtiges Signal für den Siebenschläfer darstellen.“ Liebe Leserinnen, bitte übertragen Sie die Erkenntnisse aus dem Tierreich nicht auf die Familienplanung im häuslichen Bereich. Soll heißen: Der Fütterungszustand eines Männchens wirkt sich beim Menschen in erster Linie auf die Laune und nicht auf die Fruchtbarkeit aus.
Beim Winterschlaf fällt die Körpertemperatur auf rund fünf Grad Celsius ab, die Herzschläge können von 300 pro Minute auf fünf reduziert sein und die Atmung setzt mitunter minutenlang aus. Im darauf folgenden Jahr werden die Nager wach, sobald es warm genug ist.
Der Bilch-Mann
ist ein Weiberheld
Ab Juli beginnt das Werben um die Weibchen, wobei die Siebenschläfermännchen ihr Revier markieren und mit Quiektönen die Damenwelt beeindrucken. Lässt sich eine potenzielle Partnerin blicken, dann wird sie so lange penetrant verfolgt, bis eine Paarung erfolgt. Danach verschwindet das Männchen, um die nächste zu begatten. Das Weibchen polstert die Schlafhöhle aus und bringt nach rund vier Wochen meist sechs Junge zur Welt. Die Wildbiologin: „Spätestens, wenn die Anfang August geborenen Jungtiere zu ersten Erkundungsgängen ihr Nest verlassen, ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Wilde Verfolgungsjagden machen den Dachstuhl zur Achterbahn.“ Normalerweise sind die Wipfel der Bäume der Aufenthaltsort der Siebenschläfer. Biebers Tipp: „Durch fehlende Klettermöglichkeiten wird das Haus als Nistplatz deutlich unattraktiver.“ Äste, die direkt ans Haus führen, sollten gekappt werden. Siebenschläfer, die sich als Untermieter eingenistet haben, zu vertreiben, ist nicht einfach. Ein Mitglied der Schutzgemeinschaft Deutsches Wild schreibt: „Da wir mitten im Wald wohnen, hat es der Siebenschläfer irgendwie geschafft, in unseren Küchenbereich einzudringen, was kein Anlass zur Freude ist.“ Tierarzt, Förster, Kammerjäger und Zoo, alle seien befragt worden. „Keiner hatte eine Lösung, doch alle wiesen darauf hin, dass die Siebenschläfer unter Naturschutz stehen.“
Bei angedachten Vertreibungsaktionen ist zu berücksichtigen, dass der Siebenschläfer in Deutschland als besonders geschützte Tierart gilt. Insofern empfiehlt es sich, vor jeglicher Aktion Kontakt zur zuständigen Behörde aufzunehmen. In der freien Natur haben es die munteren Kerlchen jedenfalls nicht leicht: Fressfeinde und Lebensraumverlust setzen der Tierart zu. Darum sind sie nicht zu beneiden – auf den Winterschlaf allerdings...
Sabine Rücker
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