Freitag, 10. Februar 2012

KW 42 - Identifiziert: Weißer Klumpen in der Wiese


Was liegt da in der Wiese rum? Foto: Rücker
Was liegt da in der Wiese rum? Foto: Rücker

Liebe Leser,
Spaziergänger haben derzeit gute Chancen, etwas Spektakuläres in den Wiesen unserer Heimat zu sehen. Dem einen oder anderen schießt bei diesem Anblick aber erst einmal der Blutdruck in die Höhe, weil es sich bei dem weißen Klumpen im wuchernden Grün um Abfall handeln könnte. Oder um einen ausgedienten Ball, der achtlos liegen gelassen wurde. Wer sich an die Kugel heranpirscht erkennt: es ist etwas komplett anderes.

Gut, diese Erkenntnis hilft uns nicht unbedingt weiter. Wie ist das Gebilde im System der Lebewelt einzuordnen? Nach Pflanze sieht es nicht unbedingt aus und auch in der Tierwelt würde der Bollen deplatziert wirken. Es handelt sich um einen Pilz namens Riesenbovist. Richtig zubereitet soll er lecker schmecken und ist obendrein glücklicherweise nicht giftig. Ein wichtiger Aspekt, wenn man bedenkt, dass man jeden Pilz essen kann... zumindest einmal. Haha.
Zu unserem Prachtexemplar schreibt „Der große Pilz-Atlas“: „Der Riesenbovist ist nur jung essbar, solange das Fleisch noch festmarkig und weiß ist. Der sehr ergiebige Pilz eignet sich für gigantische Schlemmereien.“ Auf die außerordentlichen Dimensionen weist auch der wissenschaftliche Name des Pilzes hin: Langermannia gigantea, neuerdings auch Calvatia gigantea. Im Botanik-Wälzer Strasburger wird das ganze Ausmaß der Fruchtbarkeit des Pilzes deutlich: Der Fruchtkörper könne einen Durchmesser von bis zu 50 Zentimeter erreichen und bis zu 7,5 Billionen Sporen enthalten. Mit Millionen und Milliarden kennen wir uns dank Stuttgart 21 und Finanzkrise schon aus, aber Billionen sind noch eine Kategorie heftiger. Eine Billion besitzt immerhin zwölf Nullen. „Würde sich jede Spore zu einem Fruchtkörper entwickeln, dann würde bereits in der 21. Tochtergeneration eine Pilzmasse erzeugt, die 800-mal so groß ist wie die Erde“, so der Strasburger. In den 80er Jahren konnte sich angeblich ein Pilzsammler in Kanada über ein Exemplar des weißen Riesen freuen, das sagenhafte 22 Kilogramm auf die Waage brachte und einen Umfang von 2,64 Metern erreichte. Über den Bestand des Riesenbovistes konnte leider nicht viel in Erfahrung gebracht werden, nur ein Buch vermeldete bei der Häufigkeit der Art: selten.
Pilze sind generell etwas ganz Besonderes in der Lebewelt unseres Planeten. Weder Fisch noch Fleisch, sozusagen. Sie werden nicht mehr in das Reich der Pflanzen, Plantae, gestellt und auch dem Reich der Tiere, Animalia, werden sie nicht zugeordnet. In der Biologie steht ihnen ein eigenes Reich, Fungi, zu. Im Gegensatz zu den Tieren besitzen die Zellen der Pilze Zellwände, wodurch sie sich von ihnen abgrenzen. Diese Zellwände bestehen aber nicht wie bei Pflanzen aus Cellulose, sondern aus Chitin, das sich sonst in den Panzern von Käfern, Krebsen und Co. findet. Auch die Ernährungsweise rückt die Pilze ein wenig näher in den tierischen Formenkreis, sie sind heterotroph. Das heißt, sie ernähren sich von organischen Substanzen. Im Gegensatz dazu sind die meisten Pflanzen dank der Fotosynthese autotroph. Trotzdem hatten und haben die Fungi ihren traditionell angestammten Platz in den Lehrbüchern der Botanik.
Von den zur Zeit rund 100000 bekannten Pilzarten machen die so genannten „Höheren Pilze“ rund 90 Prozent aus. Bei ihnen lebt zwar der Großteil des Organismus verborgen im Boden oder im Substrat, doch hin und wieder weisen Fruchtkörper auf das Leben in der Tiefe hin. Diese Fruchtkörper werden, im Gegensatz zum unterirdischen Myzel, von den meisten Menschen als Pilz wahrgenommen. Unser kugeliger Riesenbovist unterscheidet sich aber offensichtlich von der üblichen Gestalt eines „Schwammerls“. Trotzdem gehört er zu den Hutpilzen, der artenreichsten Klasse unter den Ständerpilzen. Innerhalb der Hutpilze wiederum reiht er sich in die Ordnung der Blätterpilze ein, und landet schließlich in der Familie der Stäublingsartigen. Der mächtige Fruchtkörper des Riesenbovist, der sich von Juni bis Oktober auf Wiesen, Weiden und in lichten Wäldern zeigt, bildet mit der Alterung die Sporenmassen. Mit kleineren Verwandten wie dem Flaschenbovist hatte ich schon als Kind meinen Spaß. Beim Pilzesammeln mit den Eltern wurden die reifen Exemplare so lange mit dem Schuh malträtiert, bis die Sporenwolken flogen.
Diese pulverige Masse füllt über kurz oder lang den Riesenbovist aus. Spätestens dann, wenn sich das Innere zu Färben beginnt, ist der Riesenbovist nicht mehr genießbar. Überhaupt ist es so eine Sache mit den Speisepilzen. Abgesehen davon, dass manche Menschen auf Pilze allergisch oder auch mit einer Unverträglichkeit reagieren, bergen die Leckereien aus Wald und Flur ein gewisses Risiko. Essbare und giftige Exemplare sehen sich mitunter erschütternd ähnlich. Außerdem kann das Erscheinungsbild der Fruchtkörper je nach Standort doch signifikant von Bildern und Beschreibungen abweichen. Selbst vermeintlichen Experten, die sich ihrer Sache sicher sind, unterläuft mal ein Griff daneben. So zum Beispiel mir. Wie gesagt waren mir von Kindesbeinen an einige Pilzsorten gut bekannt. Mit derartig erlerntem Wissen ausgerüstet freute ich mich im zarten Alter von Anfang 20 über Schwammerl, die als Maronenröhrlinge im Korb landeten. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass wohl irgendwelche Schwarzblauen Röhrlinge den Weg in die Pfanne gefunden hatten. Was für ein Glück, dass sie gut durch waren – roh sind diese Pilze nämlich giftig. Das ging zwar glimpflich aus. Tatsache ist aber, dass ich die Schwammerl verwechselt hatte. Seitdem hält sich mein Enthusiasmus in Sachen Pilzesuchen doch sehr in Grenzen.
 Wer sich trotzdem traut, sollte seine Beute in einem luftigen Korb und nicht in einem Plastikbeutel transportieren, um den Fund daheim gleich in den Kühlschrank wandern zu lassen. Speisereste sollten schnell abgekühlt werden, einmal kann man sie dann noch, nach gutem Erhitzen, genießen.
Darf der Waldpilz
in den Korb?
 Eine spannende Frage ist, wem eigentlich die Pilze aus dem dunklen Forst gehören. Laut Paragraf 40 des Landeswaldgesetzes ist ein Sammeln in gewissem Umfang grundsätzlich erlaubt. Ernst Dittrich vom Verein der Pilzfreunde Stuttgart: „In der Verwaltungspraxis hat sich hierbei etabliert, dass von einem Kilogramm Pilze pro Person und Tag ausgegangen wird.“ Beachtet werden muss dabei, dass viele Arten, auch der beliebten Speisepilze, unter Naturschutz stehen. Dittrich: „Es bestehen durchaus Gesetze zum Sammeln, zum Schutz und zum Vermarkten von Pilzen, doch sie sind oft widersprüchlich formuliert, so dass eine Neufassung beziehungsweise Änderung der bestehenden Gesetze vonnöten ist.“ Der Verein der Pilzfreunde bietet neben Pilzführungen auch eine Pilzberatung an. Nähere Informationen im Internet unter www.pilzverein.de.
Johann Angerer, Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, berät schon seit 23 Jahren im Rathaus Ludwigsburg die Schwammerlsucher der Region. Montags von 16.30 bis 18 Uhr schaut er die Körbchen und Spankörbe von bis zu 15 Pilzfans durch, zum letzten Mal in dieser Saison am 3. November. „In diesem Jahr gibt es viele Knollenblätterpilze“, verrät der Experte. Also ist schon mal Vorsicht geboten. Nach seinem Lieblingspeisepilz gefragt antwortet der Ludwigsburger: „Je mehr Pilzarten in einem Gericht sind, desto besser ist es.“ Desto besser sollte sich aber auch der Pilzsucher damit auskennen.
Auf jeden Fall geht die Pilzsaison für dieses Jahr langsam zu Ende. Eine Alternative zu Wildpilzen ist die persönliche Pilzzucht zu Hause. Oder ich lade Sie mal zu einem Pilzgericht ein. Sie wissen ja nun: Ich kenne mich aus... Maronen- oder Schwarzblauer-Röhrling, Champignon oder Knollenblätterpilz: Egal, schmecken tun sie alle – einmal. Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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