KW 41 – Eine Ode auf den Haushund
Liebe Leser,
beim Blick in die Zeitung lassen Geschichten über Hundekot und gerissenes Wild dem Hundefreund mitunter das Herz bluten. Diese Berichte sind richtig und wichtig. Aber heute ist es Zeit für eine subjektive Ode auf unseren haarigen Freund, den Haushund. Die Nerven, die uns diese Freundschaft kostet, bleiben dabei schlicht und ergreifend unerwähnt.
Er weiß es. Bruno, unser Mischling, sitzt auf seinem weiß-schwarzen Hintern und starrt mich an. Er kann nicht lesen, aber irgendwie hat er von der Berichterstattung Wind bekommen. Der Vorwurf, der aus den bernsteinfarbenen Augen blitzt, schmerzt. „Wann“, fragt dieser Hundeblick, „kommt endlich mal was Nettes über mich und meine Kumpels im Lokalteil der VKZ?“ Also gut. Sie haben es ja auch verdient, die treuen Vierbeiner, die uns bei Wind und Wetter in der Wildnis in und um Vaihingen begleiten.
Seit sehr langer Zeit sind sich die domestizierten Ahnen der Haushunde und Menschen schon nahe. Wann diese Annäherung stattfand, darüber gibt es unterschiedliche Hypothesen. Vermutlich schlossen die Vorfahren der Vier- und Zweibeiner mehrmals unabhängig voneinander „Freundschaft“. Als erwiesen gilt zumindest, dass der Urvater von Bello und Hasso der Gemeine Wolf, Canis lupus lupus, ist. Der Haushund heißt wissenschaftlich Canis lupus familiaris. Gemeinsam mit Rotfuchs, Kojote und vielen anderen Arten tummeln sie sich in der Raubtier-Familie der Hunde.
Wie nun fand das Team aus Hund und Mensch zusammen? Während die einen Forscher vermuten, dass sich schon vor mehr als 100000 Jahren Wölfe an die Lagerstätten der Neandertaler pirschten um sich dort an Fleischabfällen zu laben, verwerfen andere diese Theorie. Der Wolf, so ihre Argumentation, hätte sich keineswegs freiwillig dem Zweibeiner angeschlossen. Durch sein natürliches Jagdverhalten könne er sich gut selbst ernähren. Vielmehr, so diese zweite These, hätten sich die Menschen Wolfswelpen als Nahrungsquelle gehalten. Dabei habe sich im Lauf der Zeit herauskristallisiert, dass helle Tiere sanftmütiger waren als dunkle Varianten. Die hellen Exemplare konnten sich schließlich auch in der Gefangenschaft vermehren und wurden über Generationen zum Haus- und Hoftier des Menschen.
Wie die Domestikation auch stattgefunden haben mag: Sie war derart erfolgreich, dass mittlerweile rund fünf Millionen Haushunde in Deutschland ihr Leben mit ihren Menschen teilen. Sie sind somit nach den Katzen die Stars unter den Haustieren. Die Anzahl der unterschiedlichen Rassen geht inzwischen in die Hunderte. Bruno, wie gesagt, ist kein Rassehund. Immerhin sieht er, mit etwas gutem Willen, aus wie ein stattlicher Jagdhund. Allerdings: Unser Bruno ist noch weniger als gar nicht schussfest. Und – man muss es einfach mal so sagen – er ist vermutlich auch nicht der Hellste. Das mag böse klingen, ist aber wahr. Wenn andere Hunde ihren Frauchen an den Lippen hängen, jedes Kommando freudig erregt befolgen und vor lauter Spieltrieb und Lernfreude nicht zu bremsen sind, steht Bruno dumm herum. Um dieses Tier aus der Reserve zu locken, braucht es mehr als ein paar Leckerli und einen Ball. Augenkontakt mag der dreieinhalb Jahre alte Rüde nicht so gerne halten, da ihm sonst ja der Himmel auf den Kopf fallen könnte.
Bruno ist nämlich ein Angsthase mit einer großen Portion Müdigkeit in sich. Unter uns gesagt: er gähnt den lieben langen Tag, wofür ihn unsere Familie liebt. Und genau das ist das Wunder von Bruno: Obwohl er überhaupt nicht dem Ideal des pfiffigen Vierbeiners entspricht, hat er unsere Herzen erobert. Sein Unterhaltungswert ist immens. Beneidenswert, wie dieser Köter durch bloßes Herumliegen Streicheleinheiten kassiert. Die Erheiterung, die der Schwarz-Weiße durch sein inbrünstiges Gähnen auslöst, ist erstaunlich. Mein persönlicher Favorit im bunten Strauß der Hundemimik ist die „geklemmte Lefze“. Sie entsteht als Nebenwirkung bei sinnlosem Kläffen. Dem Hund scheint häufig bewusst, dass für sein Gebelle keine Ursache in Sicht ist. Daher fällt das Maul dann etwas ratlos zu, wobei die Lefze sich verhakt und dem Hund ein selten dämliches Aussehen verleiht (siehe Bild). Falls Bruno sich dann doch einmal zum Spielen hinreißen lässt, fügen sich Schlappohren, schlingernde Beine und ein sicheres Gefühl für falsches Timing zu einem herzerfrischenden Ganzen. Einzig und allein beim Fußballtraining mit Herrchen kann der Hund punkten, zumindest, solange der Mann ohne Schuhe ist.
Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie befassen sich von Berufs wegen mit der nonverbalen Kommunikation zwischen Mensch und Hund. Sie ziehen sogar in Erwägung, dass „die Menschen durch Selektion bestimmte kognitive Fähigkeiten des Hundes beeinflusst haben oder es zu einer Koevolution der kognitiven Fähigkeiten von Hund und Mensch gekommen ist“. Hunde, so fanden die Wissenschaftler bei ihren Versuchen heraus, nutzen kommunikative Hinweise ihrer Menschen besser als Wölfe und Schimpansen.
Was Herrchen nicht weiß, macht ihn nicht heiß
Besonders nett ist dabei ein Versuchsaufbau, bei dem verbotene Leckereien so präsentiert werden, dass zwar der Hund, nicht aber der Mensch sie sehen kann. „Es hat sich dabei gezeigt, dass Hunde verbotenes Futter öfter fressen, wenn sie wissen, dass der Mensch sie dabei nicht sehen kann“, so die Max-Planck-Forscher.
Aha! Diese kleine Durchtriebenheit kann den Hunden nachgesehen werden, wenn man bedenkt, wie gut sie der menschliches Seele tun. Egal, ob in Schulen oder Pflegeheimen, Vierbeiner können als Co-Therapeuten brillieren. Jeder Gassi-Gänger weiß um das kommunikative Element „Hund“. In einigen Städten Saudi-Arabiens ist aus diesem Grund das Ausführen von Hunden verboten, da dies die Kontaktaufnahme zwischen Männern und Frauen fördere. Ein Grund zur puren Freude ist, dass schon das Streicheln des Haustieres den Blutdruck senkt. Nicht zu verachten auch der Betrag, den die Hundesteuer in Baden-Württemberg 2006 in die Gemeindekassen spülten: rund 30 Millionen Euro. Unglaublich hoch dürfte die Summe sein, die dem Gesundheitswesen durch Hundehaltung erspart bleibt. Durch Spaziergänge mit dem Vierbeiner kommt auch der Frischluftmuffel bei jedem Wetter zu seinen Trainingseinheiten.
Konsequente Tierfreunde, so eine ganz andere Meinung, sollten gar keine Haustiere halten. Vegetarisch sollte dann die Ernährung sein und idealerweise fährt der richtig echte Tierfreund auch nicht Auto. Ach je. Wie sagt die Kollegin so schön: Entweder man ist konsequent, oder man lebt. Gell, Bruno.
Immer noch der gleiche Blick. Was hat der Hund nur? Ob’s am Puddingbecher in meiner Linken liegt? Hundezungen eignen sich hervorragend dazu, Nahrungsreste rauszuschlabbern. Nach getaner Arbeit zwinkert der Rüde – will er damit etwas sagen? – bettet sich zur Ruhe und gähnt. Da geht mir gleich der Puls runter, die Augenlider werden schwer und... gute Nacht!
Sabine Rücker
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