Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 40 – Hornissen als Mitbewohner


Mitbewohner im Fledermauskasten. Foto: Rösler
Mitbewohner im Fledermauskasten. Foto: Rösler

Liebe Leser,
Hornissen haben in Relation zu ihrem wahren Naturell einen äußerst schlechten Ruf. Die beeindruckenden Insekten schwirren in vielen Köpfen immer noch als angriffslustige Wespen herum. Dabei sind sie harmlos – wenn man sich richtig verhält.

Wenn mein Vater Rasen mäht, dann gibt es kein Halten. Da wird das Wettergeschehen analysiert, der Rasenmäher auf Vordermann gebracht und los geht’s. Die Pflege des Grüns ist nun mal Chefsache und eine ebenmäßiger Teppich aus Grashalmen füllt den Auricher mit Stolz. Dass bei einer dieser Pflegemaßnahmen einige Hornissen in eine nahe gelegene Baumhöhle aus- und einflogen, wurde nebenbei registriert. Dass die Tierchen empfindlich reagieren, wenn man ihnen mit dem knatternden Rasenmäher zu nahe kommt, hat Rücker-Senior im Eifer des Arbeitseinsatzes verdrängt.
Wer mit dem lauten Gerät zur Rasenpflege der Behausung des Hornissenvolkes zu dicht auf die Pelle rückt – Sicherheitsabstand zirka zwischen zwei und drei Meter –, der läuft Gefahr, die Gemeinschaft der Hautflügler in Aufruhr zu versetzen. Immerhin kann so ein Hornissenvolk bis Mitte September auf 700 Tiere angewachsen sein. Hornissen sind die größten Vertreter der Wespen. Die deutsche Hornisse, wissenschaftlich Vespa crabro, fliegt in zwei Farbvarianten durch die Lüfte, eine davon rötlich angehaucht. Die Königin der üblicherweise schwarz-gelben Hornisse kann die beachtliche Größe von vier Zentimetern erreichen. Männliche Tiere und Arbeiterinnen sind immerhin noch um die drei Zentimeter groß. Das alles würde die Menschen nicht weiter belasten, doch die Tiere können stechen. Besser gesagt: Nur die Weibchen sind wehrhaft, da sich bei ihnen im Laufe der Evolution der Legebohrer für die Eiablage in einen Stachel verwandelt hat. Der Volksmund sagt, drei Hornissenstiche töten einen Erwachsenen. Das ist Quatsch, vorausgesetzt die Person leidet nicht an einer Allergie. Hornissenstiche sind sogar weniger giftig als die ihrer kleinen Verwandten, aber trotz allem schmerzhaft.
Der lebende Beweis für die weitgehende Unbedenklichkeit ist wiederum mein Vater. Er verursachte mit seiner Höllenmaschine beim Mähen zu dicht beim Volk im Baum Radau – der Angriff der Flieger folgte auf dem Fuß. Zwei Hornissenstiche waren die Bilanz, die der schaffige Senior ohne Komplikationen hinter sich gebracht hat. Telefonanruf: „Sabine, du hast doch da mal was über Wespen geschrieben. Was soll man bei Stichen nochmal machen?“ Ach herrjemine. Keine Ahnung – Zwiebel, kühlen, irgendwas. Kaltes Essigwasser war schließlich das Mittel der Wahl und anscheinend nicht verkehrt.
Jedenfalls ist das Hornissenvölkchen ein dynamischer Haufen, bei dem immer etwas los ist. Momentan fällt die alte Königin in der Gunst ihre Untertanen, wird nicht mehr gebührend versorgt und verlässt letztendlich das sinkende Schiff und stirbt. Vorher sorgt sie aber noch für das Fortbestehen ihrer Nachkommen. Sie legt in dieser Phase Eier, aus denen männliche Drohnen oder junge Königinnen heranwachsen. Die Eier, aus denen Jungköniginnen schlüpfen sollen, werden kurz vor der Ablage mit Spermien befruchtet. Diese Spermien hat die Adlige in der Jugendphase ihres rund einjährigen Lebens für diesen Moment in einem speziellen Körpergefäß gehortet. Aus den unbefruchteten Eiern schlüpfen die männlichen Geschlechtsgenossen. Über diese Drohnen steht auf den Internetseiten „Hornissenschutz“ recht unschmeichelhaft zu lesen: „Obwohl als unnütze und faule Fresser verrufen, beteiligen sie sich doch hin und wieder an den anfallenden Arbeiten.“ Toll! Ansonsten ist die Hauptaufgabe dieser Männchen: Sex. Kein Neid, liebe Leser, der Preis für dieses lockere, wenige Wochen währende Leben ist immerhin ein früher Tod.
Die fleißigen Arbeiterinnen hingegen, die mit einer Lebenserwartung von wenigen Wochen allerdings auch nicht allzu alt werden, füttern die Brut mit eiweißreicher Beute ihrer Jagdflüge. Schließlich, an warmen Herbsttagen, bricht die Wolllust über die jungen Geschlechtstiere herein. Jungköniginnen und Drohnen paaren sich, nicht selten mehrmals, die männlichen Drohnen segnen kurz darauf das Zeitliche. Die jungen Königinnen nehmen ihr Spermienpaket im Körper mit in den Winterunterschlupf. Die Arbeiterinnen im bis zu 60 Zentimeter langen Nest sterben nacheinander weg.
 Die alte Königin ist tot, es lebe die junge Königin! Sie wird ab Anfang Mai im nächsten Jahr ihre Winterruhe beenden und sich auf die Suche nach einer neuen, schnuckeligen Baumhöhle für ihre Volksgründung machen. Da natürliche Höhlen im morschen Holz rar geworden sind, begibt sich die Aristokratin gerne in die Nähe menschlicher Behausungen, wo an Rollladenkästen und Dachvorsprüngen Ritzen und Löcher zum Bleiben einladen. Bei Markus Rösler aus Ensingen hat eine Königin den Fledermauskasten als Domizil auserkoren. Dort baute sie die ersten Waben und bestückte diese mit Eiern, aus denen ihre ersten Arbeiterinnen schlüpften. Das Nest wird stetig erweitert. Als Baumaterial dient eingespeicheltes, zerkautes Holz.
Markus Rösler, dessen Hornissenvolk sich im Kasten am Haus neben einem Fenster eingenistet hat, über seine „Mitbewohner“: „Die Bilder habe ich teils bei geöffnetem Fenster aus 50 cm Entfernung gemacht: Die Hornissen blieben ganz friedlich“ , schreibt der Ensinger und gibt noch einen drauf: „Und gestern habe ich mich mit meinem 105er-Tele und Balgen auf 30 Zentimeter Entfernung ans Nest herangewagt - keinerlei Unruhe bei den Tieren!“ Wow! Dieses vertraute Ankuscheln an den Insektenstaat soll an dieser Stelle aber ausdrücklich nicht zur Nachahmung empfohlen werden.
Hornissen sind äußerst nützliche Tiere, die sich vor allem als Jäger hervortun. Bis zu einem halben Kilo Insekten kann ein großes Volk pro Tag – und auch nachts – erbeuten. Der Großteil der eiweißreichen Nahrung wird an die Brut verfüttert. Hornissen sitzen nicht, wie die zwei lästigen Wespenarten, bei Menschen mit am Tisch. Kuchen, Schnitzel und Limo lassen sie in der Regel kalt. Sie laben sich lieber an Baumsäften, Nektar und Fallobst. Die einheimische Hornisse gilt regional in ihrem Bestand als stark bedroht, die Tiere sind per Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt.
Ein ganz anderes Kaliber ist die Asiatische Riesenhornisse, Vespa mandarinia, die ihre Heimat in Südostasien hat. Die Königin dieser Riesen wird bis zu 5,5 Zentimeter groß. Besonders Imker sind auf diese Insekten nicht gut zu sprechen. Denn: Die Riesenhornissen blasen in ihrer Heimat zum Angriff auf Bienenstöcke. Dort finden sie alles, was das Herz begehrt. Vom Fleisch der Opfer bis zum energiespendenden Honig. In einem wahren Massaker metzeln die Hornissen die Honigbienen nieder und vandalieren in deren Behausung. Aber die Östliche Honigbiene hat wiederum eine raffinierte Strategie gegen die Attacke entwickelt. Naht ein Angreifer, bläst die Honigbiene zum Gegenangriff. Hunderte Bienen heften sich daraufhin an die Hornisse und erzeugen durch Muskelzittern Temperaturen von bis zu 45 Grad Celsius. Die Hornisse stirbt den Hitzetod, die Bienen können die hohen Temperaturen kurzzeitig tolerieren. Die südostasiatischen Riesenhonigbienen wiederum schlagen nahende Hornissen sehr charmant in die Flucht: Mit einer La-Ola-Welle, die aus unzähligen zuckenden Bienenleibern besteht, schützen die Bienen ihre frei hängenden Nester.
Wie dem auch sei. Im Auricher Garten haben die Hornissen erfolgreich die vermeintlich drohende Gefahr – meinen Vater mit seinem Mäher – in die Flucht geschlagen. Der Hobby-Gärtner hatte sich ins Auto gerettet. Nachdem der erste Schreck vorbei war, die Tiere und der Mensch sich beruhigt hatten, fuhr der gestochene Mann nicht etwa erst einmal nach Hause. Nein, in den Adern meines Vaters pulsiert echtes Schwabenblut: Erst den Rasen – in respektvollem Abstand – fertig mähen, dann die Stiche versorgen.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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