KW 4 – Blaumeisen: Akrobaten mit Unterhaltungswert
Liebe Leser,
heute möchte ich die Vorfreude auf den Frühling schüren. Das fällt nicht schwer, denn er liegt in der Luft. Das liegt nicht nur an den größtenteils moderaten Außentemperatur, sondern auch an dem Vogelgezwitscher, das an das Hörorgan dringt. Die besonderen Lieblinge vieler Hobby-Gärtner sind wohl unsere Meisen. Bald werden sie wieder die Nistkästen bevölkern und mit ihrem Familienleben uns Menschen entzücken.
Eine Jugenderinnerung ist ganz deutlich: Papa Rücker, wie er einen Nistkasten vom Baum angelt. Wir Sprösslinge hatten mit gebührender Andacht und mucksmäuschenstill zu warten, bis der Vater die Heimstätte der Vögelchen durch die laue Frühlingsluft vor unsere Nase transportiert hatte. Dann war kollektives Luftanhalten angesagt, denn das Dach der Nisthilfe wurde entriegelt und zur Seite geschoben. Jetzt durfte jeder Stielaugen machen und Vaters ganzen Stolz beäugen: Gerade so, als wäre es der eigene, wohl geratene Nachwuchs, präsentierte mein Vater eine Handvoll kleiner Meisen. Feder an Feder kauerten sie in ihrem engen Nestchen. Es sah immer ein wenig so aus, als hätte jemand die Kleinen mit einem Kraftakt in die künstliche Bruthöhle gequetscht. Trotzdem sahen sie fidel aus. Jahr um Jahr jagte eine Rekordzahl an Nestlingen die andere. Mit einem ehrfurchtsvoll vom Publikum gehauchten „wie süüüß“ betrachtete mein Vater die Show als beendet. Die Vögelchen wurden samt Behausung wieder an ihren Ursprungsort gehängt und Mama Meise setzte sogleich ihre Fütterungsaktionen fort.
Meisen, das sind „kleine, lebhafte, recht kurzschnäblige Singvögel“, beschreibt der Kosmos-Vogelführer. Neun ursprünglich im Wald lebende Arten der Gattung Parus führt das Bestimmungsbuch auf. Als besonderer Liebling kann wohl die Blaumeise gelten, die in keinem Garten fehlen darf. Bei der Gartenvogelzählung des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) erreichte die kleine Meise im letzten Jahr immerhin den fünften Platz bei der Rangliste der häufigsten Vögel um Haus und Garten. Parus caeruleus ist ein kleiner Hampelmann mit einer Maximalkörperlänge von zwölf Zentimetern. Emsig sucht das Vögelchen mit der „blauen Baskenmütze“ kopfüber und kopfunter Zweige und Äste nach tierischen Leckerbissen ab. Dem kleinen Akrobaten kommt dabei sein nur rund zehn Gramm betragendes Gewicht zugute. Er kann sich auch an dünnen Halmen noch behende durchfuttern. Sehr zur Freude der Gärtner, die in dem kleinen Singvogel einen treuen Verbündeten im Kampf gegen unliebsame Insekten haben. In den kargen Wintermonaten futtern die Vögel auch Samen und Früchte, weshalb sie sich in unseren Gefilden gut durchschlagen.
Für das menschliche Augen sehen die Männchen und Weibchen der Blaumeise fast gleich aus. Für das Blaumeisen-Weibchen zeigt sich im UV-Licht der Sonne allerdings, welcher Vogelmann der wirklich tolle Hecht ist. Je kräftiger der Meisen-Macho im ultravioletten Licht schimmert, umso besser die genetische Ausstattung des Traumprinzen. Vielleicht sind die blauen Zwerge bei uns so beliebt, weil sie dem geneigten Betrachter als Vogeleltern eine innige monogame Beziehung vorgaukeln. Doch die „Ehepartner“ tun gar Unanständiges, nämlich das, was für das Bestehen ihrer Nachkommen anscheindend das Beste ist: sie gehen fremd. Und das nicht nur ein, sondern viele Male. Forscher vom Max-Planck-Institut (MPI) für Ornithologie in Seewiesen fanden bei Untersuchungen heraus, dass die Weibchen sehr wohl nur einen sozialen Partner wählen. Er verteidigt das Territorium und hilft bei der Jungenaufzucht. Im Gegenzug lässt sich die Vogeldame von anderen Männchen begatten. Dies zeigten Vaterschaftstests an Jungvögeln aus einem Gelege.
„Oin'r isch emmer d'r Arsch“ könnte der Schwabe nun denken, doch auch die Männchen entfliehen für so manches Schäferstündchen dem heimischen Nest und geizen nicht mit Spermien. Folglich handelt es sich um eine Art Arbeitsteilung der vielen Väter: fütterst du mein Kind, fütter' ich deins. Die Jungen der außerpaarlichen Kopulationen haben, so die Wissenschaftler, offensichtlich den Vorteil einer besseren genetischen Ausstattung. Besonders fitte Junge bringt ein Seitensprung hervor, der mit einem auswärtigen Partner stattfindet. Denn umso geringer scheint der Verwandtschaftsgrad der Vögel zu sein. Bitte ahnen Sie nun nicht gleich Böses, wenn ihr Liebling weit draußen in der Weltgeschichte herumreist. Er (oder sie) ist ja schließlich keine Meise, obwohl er (oder sie) vielleicht eine hat...
Je unterschiedlicher jedenfalls die Gene waren, die die jungen Blaumeisen in sich vereinten, umso lebenstauglicher waren sie auch. Ein großer Vorteil, wenn man bedenkt, dass von den durchschnittlich elf Vogelkindern im Schnitt nur zwei den nächsten Frühling erleben, so die Wissenschaftler vom MPI. Die Lebenserwartung der Tiere wird unterschiedlich mit zwischen zwei und fünf Jahre angegeben. Der Bestand beträgt bundesweit laut Nabu 1,6 bis 4,2 Millionen Brutpaare.
Um uns herum fangen die kleinen Kobolde an warmen Tagen inzwischen an, ihr Gezwitscher vorzutragen. Bei der Balz, deren Beginn vom Nahrungsangebot abhängig ist, können die Partner schmetterlingsartig umeinander herum flattern. Ab Februar wird eine Höhle oder gerne auch ein Briefkasten als Behausung auserkoren, ab Mitte April legt das Weibchen bis zu 13 Eier in das mit Moos, Haaren, Grashalmen und Federn ausgepolsterte Nest. Teilweise wird sogar von 17 Eiern berichtet, was die Blaumeise zu einem Rekord-Eierleger unter den Nesthockern macht. Nach rund 14 Tagen schlüpfen die Jungen, für die die Eltern bis zu 1000-mal pro Tag Futter anschleppen. Kotballen werden von den Altvögeln aus dem Nest entfernt. Zirka drei Wochen später werden die Jungen flügge. Die Federbällchen werden danach auch außerhalb des Nestes noch rund zwei Wochen von den Eltern versorgt. Wer in Not geratene Jungvögel angefasst hat, kann diese zurück ins Nest, beziehungsweise in die Nähe der Altvögel setzen. Denn im Gegensatz zu Säugetieren nehmen Vögel ihre Jungen auch mit „Menschengeruch“ wieder an.
Der Unterhaltungswert der Blaumeise ist hoch: Sie sieht extrem niedlich aus und ist ohne Pause in waghalsige Manöver verstrickt. Außerdem traut sich der winzige Kulturfolger in unmittelbare menschliche Nähe. Besonders, falls dort entsprechende Nistkästen mit einem Durchmesser des Einflugloches von 26 bis 28 Millimeter auf ihn warten. Dass sich die blauen Meisen-Vertreter zu einer Plage entwickeln können, mussten Milch trinkende Briten in den 20er Jahren feststellen. Sobald der Milchmann die Milchflaschen vor die Haustüre stellt, bliesen die Meisen zum Angriff, pickten die wachsüberzogenen Papp-Deckel auf und labten sich am weißen Saft. Von England aus breitete sich dieser Brauch unter den Blaumeisen nach Schottland, Irland und Schweden aus. Jahre später wurden die Flaschen mit Aluminium-Deckel gesichert, auf die obendrein zur Abwehr beispielsweise Steine gelegt wurden. Doch die Piepmätze hüpften auf und zupften so lange an den Schutzvorrichtungen herum, bis sie trotzdem an ihre geliebte Milch kamen und wohl immer noch kommen. Die Engländer sehen es den Vögelchen nach.
Wer wäre auch so wahnsinnig, einer Blaumeise etwas zuleide tun zu wollen? Vor allem, weil der vorlaute Zwerg sogar Menschen mit zeternder Stimme verschimpft. Hut ab vor den wackeren kleinen Kerlen! Brütet, was das Zeug hält! Wir freuen uns – egal, wie viele Väter mitgemischt haben.
Sabine Rücker
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