Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 39 – Wurmfortsatz machte Ärger


Wehe, wenn die Appendix zürnt. Illustration: p
Wehe, wenn die Appendix zürnt. Illustration: p

Liebe Leser,
böse Zungen behaupten, dass das Schreiben mir hin und wieder den Therapeuten erspart. Stimmt ja gar nicht! Ungeachtet dieser Frotzeleien widmen wir uns jetzt lieber dem Schreck, verusacht durch den Blinddarm. Dieser kam über meine Familie wie eine Heimsuchung, obwohl oder gerade weil keiner auch nur eine Sekunde an ihn gedacht hatte.

Blinddarmdurchbruch – das klingt dramatisch! Die Konsequenzen eines solchen sind es auch. Doch die Symptome dieses lebensbedrohlichen Zustands sind nicht immer so klar zu deuten, wie man sich das wünschen würde. Und so kam mein Töchterchen Lilli vor kurzem mit eben diesem Blinddarmdurchbruch unters Messer. Erst dabei stellte sich definitiv heraus, dass der Zustand im Bauchraum alles andere als rosig war. Die Krankheitszeichen im Vorfeld waren nicht unbedingt typisch. Bedenklich: Die Mutter – ihres Zeichens Arzthelferin und Biologin – hatte keine Sekunde lang an den Blinddarm gedacht. Noch bedenklicher: Der erste Arzt, dem der Teenager vorgestellt wurde, hatte ebenso wenig die Blinddarmentzündung erkannt. Das hätte ganz böse enden können. Zum Glück schlug die mütterliche Intuition an: Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung mit dem Kind. Also: Ein weiterer Arzt wurde konsultiert. Der erkannte die Ursache sofort. Einweisung ins Krankenhaus und eine Blinddarmoperation waren die Folge.
Immerhin ist die Blinddarmentzündung „die häufigste akute Darmkrankheit, etwa 80000 Menschen erkranken pro Jahr in Deutschland daran“, meldet die Ärztekammer Baden-Württemberg. Ursache für das Krankheitsbild der Blinddarmentzündung ist nicht der Blinddarm. Der ist nämlich das blind endende Anfangsstück des Dickdarms. Vielmehr sorgt dessen wurmförmiges Anhängsel, der Wurmfortsatz, wissenschaftlich die Appendix vermiformis, häufig für Ärger.
Dieser zwei bis zehn Zentimeter lange Zipfel hat es in sich. Schon über seine Daseinsberechtigung scheiden sich die Geister, doch dazu später mehr. Noch kniffliger wird’s, wenn es um die Diagnose Appendizitis, also Blinddarmentzündung, geht. Der Wurmfortsatz macht es den Ärzten nicht immer leicht. Haufenweise Differentialdiagnosen – also Krankheiten, die ähnliche Beschwerden verursachen – stehen zur Wahl, wenn es heißt, die Symptome richtig einzuordnen. Schmerzen im Oberbauch können, gefolgt von Erbrechen, den Auftakt einer Appendizitis bilden. Im günstigsten Fall verlagern sich die Bauchschmerzen in den rechten Unterbauch, was die Ursachenforschung erheblich erleichtert. Doch manchmal treibt der Zipfel auch Schabernack und versteckt sich hinter unklaren Beschwerden. Alle Altersklassen sind betroffen, am häufigsten trifft es aber junge Menschen.
Das Anhängsel reagiert nun mal gerne gereizt, beispielsweise wenn sich Festkörper in seinem Inneren verfangen. Einen Knick nimmt der Wurmartige ebenfalls krumm und entzündet sich. Der Verlauf einer solchen Blinddarmentzündung kann sehr unterschiedlich sein. Hat sich noch kein Eiter in dem zürnenden Würmchen gebildet, kann die ganze Sache ausheilen. Es kann allerdings auch zur Eiterbildung und im schlimmsten Falle zu einem Durchbruch des Appendixgewebes kommen, bei dem sich Eiter in den Bauchraum ergießt. Töchterchen Lilli war nur knapp einer noch größeren Katastrophe entgangen. Davon zeugen auch die postoperativen Komplikationen. Der unruhige Zipfel ist also nach wie vor nicht zu unterschätzen, so schreibt ein Roman Schmid in seiner Dissertation aus dem Jahr 2002: „Trotz der heutigen Frühdiagnosemöglichkeiten ist die Appendizitis eine der gefährlichsten Abdominalkrankheiten geblieben.“ Wer hätte das gedacht. Und gerade deshalb soll an dieser Stelle an den Wurmfortsatz erinnert werden.
Schon im 16. Jahrhundert wurde das Anhängsel des Blinddarms nach der Sektion von Leichen beschrieben. Im 17. und 18. Jahrhundert drängte sich verschiedenen Ärzten der Verdacht auf, dass ein vereiterter Wurmfortsatz Ursache für den Tod dieser Patienten darstellte. Die Gefährlichkeit der Erkrankung drang somit mehr und mehr ins Bewusstsein der Mediziner. Traditionell wurde mit Diäten, Klistier, Blutegeln und Aderlass therapiert, unter anderem weil die Chirurgie und Anästhesie noch in weiter Ferne lag beziehungsweise in den Kinderschuhen steckte. Das bedeutete für die Kranken häufig den Tod.
Im Jahre 1886 belegte der amerikanische Pathologe Reginald Heber Fitz anhand von zahlreichen Obduktionsergebnissen, dass ein vereiterter Wurmfortsatz für das Ableben jener Patienten verantwortlich war. „Er prägte die Bezeichnung Appendizitis und forderte in flammenden Reden alle Chirurgen der Welt auf, bei typischer Symptomatik die Appendix frühzeitig radikal zu entfernen“, so die Zeitschrift Ärztewoche. Bis sich diese Appendektomie genannte Operationstechnik durchsetzte, sollten nochmals Jahre ins Land gehen.
 Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts spielt neben dem konventionellen Verfahren die laparoskopische Operationstechnik („Schlüssellochtechnik“) eine Rolle. Die gute Nachricht: Patienten, bei denen der Eingriff erfolgreich verlaufen ist, gelten in der Regel als geheilt.
Über Sinn und Zweck des Darmanhängsels grübeln nach wie vor die Wissenschaftler. Während der Wurmfortsatz früher als recht überflüssige Gewebeansammlung und als Relikt alter Zeiten galt, legen neuere Forschungen eine ganz andere Theorie nahe. In dem blind endenden Säckchen sollen die guten Darmbakterien erhalten bleiben, wenn beispielsweise eine Durchfallerkrankung den Rest der Darmflora aus dem Körper spült. Außerdem besitzt die Appendix zahlreiche Lymphfollikel, die bei der Immunabwehr wichtig sein könnten und ihr den Namen Darmtonsille – vergleichbar mit der Rachenmandel – eingebracht haben.
Im Tierreich sind neben dem Menschen noch die Menschenaffen im Besitz des kleinen Darmzipfels, der sich auch bei diesen entzünden kann. Die Erkrankung raffte beispielsweise 1935 das Gorillamännchen Bobby, das Wappentier des Berliner Zoos, dahin.
Teenager Lilli wird noch eine Weile mit den Nachwirkungen des vereiterten Darmanhängsels zu tun haben. Rückblickend bleibt zu sagen, dass Krankenhäuser von außen am schönsten sind. Die Quintessenz des Ganzen für Lilli: „Ich geh’ nie wieder freiwillig ins Krankenhaus!“ Die Moral von der Geschicht’? Immer der Intuition vertrauen. Und: Der zipfelige Querulant muss zwar nicht im Bauch, sollte aber im Hinterkopf bleiben.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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