KW 38 – Die Wegwarte und der Muckefuck
Liebe Leser,
heute fällt mir ein Stein vom Herzen! Denn schon vor Wochen hat sich eine Leserin mit der Anmerkung gemeldet, über die Wegwarte „könnte man gut was schreiben“. Seitdem steht die Blume unter Beobachtung, und – Hurra! – sie blüht noch.
Früher, also vor langer, langer, langer Zeit, habe ich die Wegwarte mit der Kornblume verwechselt. Beide Pflanzen gehören zwar der gleichen Familie, den Korbblütlern, an, sind aber ansonsten nicht näher verwandt. Für einfach gestrickte Gemüter wie ich es anscheinend war genügt schon, dass bei den zwei Blumen die Blütenfarbe ein auffälliges Blau ist.
Die Gemeine Wegwarte, wissenschaftlich Cichorium intybus, ist im Gegensatz zu der seltenen Kornblume ein häufiger Begleiter unserer Straßen und Wegränder. Sie ist nicht sonderlich anspruchsvoll, liebt Wärme und Trockenheit und toleriert sogar den Streusalzeintrag von den Straßen. Den ganzen Sommer über bis in den Herbst hinein erfreut sie den Betrachter mit ihren blauen Tupfen. Dabei handelt es sich um Blütenstände, die eine einzige Blüte vorgaukeln. Einzelne Zungenblüten fügen sich zu der Korbblüte zusammen, ähnlich wie beim gelben Löwenzahn. Über 1,60 Meter kann die sparrige, Milchsaft führende Pflanze hoch werden. Was sie von sich sehen lässt erweckt zwar einen etwas widerborstigen, gleichzeitig aber doch lieblichen Eindruck. Im Gegensatz dazu steht die überaus robuste Wurzel, die sich als spindelförmige Rübe selbst in härtesten Böden ihren Platz erobert. Die einzelnen Blütenköpfe sind äußerst kurzlebig, bewegen sich mit der Sonne und lassen nach nur wenigen Stunden die Köpfe hängen. Insekten lieben an der Pflanze das reichhaltige Pollen- und Nektarangebot.
Der Naturforscher Carl von Linné soll Mitte des 18. Jahrhunderts die Wegwarte in seiner Blumenuhr im botanischen Garten in Uppsala gepflanzt haben. In Form eines Ziffernblattes waren dabei in einem Blumenbeet verschiedene Pflanzen gesetzt, deren Blüh- auf die Uhrzeit schließen lässt. Die Wegwarten öffneten sich gegen 5 Uhr und und schlossen sich gegen Mittag wieder. Ein Blick aus seinem Studierzimmer genügte dem Gelehrten und er wusste, was die Stunde geschlagen hatte.
Heute wird die Gemeine Wegwarte nach wie vor als Heilpflanze geschätzt. Ihr wird eine schweißtreibende Wirkung zugesprochen, Magen-, Darm- und Lebererkrankungen wurden schon von Kneipp mit der Wegwarte behandelt. Wissenschaftlich erwiesen sei auch, so ein Beitrag des Südwestrundfunks, dass die Wegwarte Schwermetalle im Körper binden kann und verhindert, dass diese ins Blut gelangen. Außerdem erlangten zwei Abkömmlinge, die dem menschlichen Gaumen schmeicheln, einen hohen Bekanntheitsgrad: Die Gemeine Wegwarte gilt als die Urform der Wurzel- oder Kaffeezichorie, wissenschaftlich Cichorium intybus var. sativum, und der Salatzichorie, Cichorium intybus var. foliosum. Die Wurzelzichorie dürfte den älteren Semestern als Kaffee-Ersatz noch gut bekannt sein. Der Name „Muckefuck“ für das Gebräu könnte eine Verballhornung des französischen mocca faux, also falscher Mokka, sein. Über den oder die Entdecker des Kaffeearomas der gerösteten Wegwarten-Wurzel herrscht Uneinigkeit. Laut einem Kriegskochbuch aus dem 18. Jahrhundert wird Hofgärtner Timme aus Arnstadt als Erfinder eines Kaffeegetränkes aus den bis zu 500 Gramm schweren Zichorienrüben genannt. Friedrich der Große förderte den Anbau der Wegwarte in Preußen, weil er die Devisen für den teuren Bohnenkaffee sparen wollte. Der Zuckerersatzstoff Inulin in der Wurzel verwandelt sich beim Rösten zu einer Substanz, die kaffeeähnliches Aroma besitzt, allerdings frei von Koffein ist.
Die „Erfindung“ des Chichorrée wird einer zufälligen Beobachtung im 19. Jahrhundert zugeschrieben. In einem Gewächshaus bildeten im Dunkeln gelagerte Zichorienwurzeln dicke helle Knospen. Die bleichen Blättchen eignen sich zum Verzehr als Salat oder Gemüse.
Vaihinger Zichorie
für den Muckefuck
Mit dem Kaffee-Ersatz ist die Geschichte der Stadt Vaihingen eng verbunden. Im Jahre 1828 errichtete Johann Heinrich Franck in Vaihingen seine erste Zichorienfabrik. Redaktionsmitglieder erinnern sich noch an Großmütter, die mit Kaffee-Ersatz-Tabletten hantierten. Das Unternehmen siedelte nach Ludwigsburg um und von dort aus wehen auch heute noch Röstdüfte der Kaffee-Ersatzstoffe, vor allem Roggen und Gerste, durch die Ludwigsburger Bahnhofsgegend. Der Landkaffee, auch Blümchenkaffee genannt, existiert nach wie vor auf jeden Fall als Instantgetränk.
Vaihingens Stadtarchivar Lothar Behr kann Erstaunliches berichten: Bis mindestens in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein wurde auf Vaihinger Markung die Wurzelzichorie für die Lebensmittelwerke Ludwigsburg angebaut. Falsch ist dabei die Vorstellung, dass sich auf großen Feldern blaue Blümchen im Wind wiegen, denn vor der Blüte wurde das Grünzeug abgemäht.
Um die Pflanze ranken sich allerhand Legenden. Eine davon handelt von einer Prinzessin, deren Liebster ein wunderschöner, aber nicht allzu treuer Ritter gewesen sein soll. Der fesche Bursche hat eines Tages das Weite gesucht. Die Prinzessin harrte daraufhin mit ihren Hofdamen derart vehement am Wegesrand vor den Stadttoren aus, dass der Himmel ein Einsehen hatte und das Grüppchen in die hübschen Blumen verwandelte: die Prinzessin in eine weiße Wegwarte, die Hofdamen in blaue.
Tatsache ist, dass Backhausdamen das getrocknete, reisigartige Kraut heute noch zu Besen verarbeiten, um die Glut im Ofen auszufegen. Da bleibt nur zu sagen: Lieber die Wegwarte am Besen, als den Besenreiser am Bein.
Sabine Rücker
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