Samstag, 04. Februar 2012

KW 37 – Großfamilie Rüsselkäfer


Der Rüsselkäfer, der aus der Wäschetrommel kam. Foto: Rücker
Der Rüsselkäfer, der aus der Wäschetrommel kam. Foto: Rücker

Liebe Leser,
Hausarbeit, das heißt vor allem putzen, wienern und waschen – und das macht selten Spaß. Aber manchmal eben doch. Seit meine Waschmaschine mit einem Spezialreiniger von Mief und Muff befreit wurde, riecht die Wäsche endlich wieder frisch. Ja, über so etwas kann man sich auch freuen! Und neulich plumpste als weiteres Schmankerl noch ein Rüsselkäfer aus der Trommel.
Ob das Tier nach dem Waschgang an einem Schleudertrauma leidet, bleibt unklar. Fest steht, dass der Vertreter der Familie Curculionidae, Rüsselkäfer, auf nur fünf Beinen durch sein neues, rein gewaschenes Leben krabbelte. Ein Bein zollte er wohl der Waschmaschine als Tribut. Jedenfalls schien der bräunliche Käfer erst mal bedient und saß steif und starr auf dem Haufen feuchter Kleidung. Aber schon kurze Zeit später kehrte Leben in den Chitinpanzer zurück und das Insekt wurde nach draußen verfrachtet. Vermutlich handelt es sich bei den Rüsselkäfern um die artenreichste Familie überhaupt – global gesehen. In Deutschland kreuchen rund 950 Arten, die sich mitunter ziemlich ähnlich sehen. Viele der Käfer können nur von Experten richtig zugeordnet werden. Da ich kein solcher bin, nur der vorsichtige Vorschlag zur Identität des Exemplars aus der Waschmaschine: vielleicht ein Gefurchter Dickmaulrüssler.
Namensgebend für die Familie ist das Rostrum, der Rüssel, das sogar die Körperlänge überragen kann. Es verleiht den meist bis zu 0,5 Zentimeter, maximal bis zu sieben Zentimeter langen Tierchen mitunter ein albernes Aussehen. Und auch die deutschen Trivialnamen der Rüsselkäfer tragen zur Erheiterung bei: da gibt es den Knotigen Uferrüssler, den Borstigen Holzrüssler und den Blauen Kleinrüssler, nicht zu vergessen den Großen Trägrüssler.
Liebe Damen, das sind doch mal wieder Inspirationen für Kosenamen, sage ich da nur! Sollte Ihr Göttergatte einmal Ihre zarten Hinweise wie „Schatz, trag doch bitte mal den Müll raus“, oder „Liebling, hast du schon den Wasserhahn repariert?“ überhört haben, eignen sich die Rüsselkäfernamen für die nächste Stufe der Kommunikationsform. Ein „Großer Trägrüssler, wie wär’s mit Staubsaugen?“, verfehlt seine Wirkung sicherlich nicht. Nach entsprechendem Alkoholkonsum reagiert der Liebste möglicherweise aber besser auf die Anrede „Blauer Kleinrüssler“.
Faszinierend sind viele der Arten schon aufgrund ihres Aussehens: Schillernde Chitinpanzer, skurrile Körperformen. Doch die Familie ist noch aus einem ganz anderem Grund von Interesse: Etliche der Käfer gelten als gefürchtete Schädlinge. Einige Autoren zählen gar die berüchtigten Borkenkäfer als Unterfamilie der Rüsselkäfer auf, die wir hier aber einfach mal außen vor lassen, da sie vielerorts als eigenständige Familie geführt werden.
Die Käfertypen mit dem Rüssel bringen in der Regel Pflanzenliebhaber zum Schwitzen. Hier nun exemplarisch einige der Arten: Eine Rüsselkäferart mit einer bewegten Geschichte ist der Kornkäfer. „Mumifizierte“ Exemplare seinesgleichen wurden schon in Grabbeigaben ägyptischer Pharaonen nachgewiesen. Bei dem nur etwa vier Millimeter langen, braunen Getreideschädling ernährt sich sowohl die Larve als auch der Vollkerf von Getreidekörnern. Von den schmackhaften Samen bleibt nur ein ausgehöhlter Rest übrig. Sitophilus granarius, so sein wissenschaftlicher Name, gilt als einer der wichtigsten Vorratsschädlinge weltweit. Er ist zwar flugunfähig, soll aber ein guter Läufer sein. Das Weibchen bohrt bei der Eiablage das Getreidekorn an, legt ein Ei hinein und verschließt die Kinderstube wieder ordentlich mit einem Sekretpfropf. Mit empfindlichen Mikrofonen kann der Mensch den Tierchen anhand der Fraßgeräusche der Larven auf die Spur kommen. Neuerdings wird gegen das gefräßige Insekt mit biologischen Waffen gekämpft: eine parasitierende Lagererzwespenart schätzt die Käferlarve als Schlaraffenland für ihren Nachwuchs. Geruchsstoffe aus dem Kot der Kornkäferlarve weisen der kleinen Erzwespe den Weg zu ihrem Opfer. In bis zu vier Metern Tiefe kann der Parasit die Kornkäferlarve ausmachen, kämpft sich zum befallenen Korn vor, pikst dieses an und legt sein Ei von außen an die Käferlarve. Der Nachwuchs der kleinen Lagererzwespe vespert letztendlich den vom Menschen ungeliebten Körnerfresser. Die Populationsentwicklung von Kornkäfern könne so um bis zu 94 Prozent unterdrückt werden, schreibt die Universität Hohenheim zu einem entsprechenden Projekt.
Haselnuss-Fans haben sicherlich schon Bekanntschaft mit einem weiteren Rüsselkäfer, dem Haselnussbohrer gemacht. Wer kennt sie nicht, die kleinen Bohrlöcher, die auf die Käferlarve im Innern der Schale hinweisen. Auch das Eichelbohrerweibchen nagt sich durch die Schale der Eichel, um ihrem Nachwuchs im Innern der Frucht ein heimeliges Plätzchen zu sichern. Der Apfelblütenstecher hingegen hat sich auf Knospen des Obstbaumes spezialisiert.
Ursprünglich aus Asien stammt ein rund drei Zentimeter großer, roter Käfer, der unter anderem Urlaubern Tränen in die Augen treibt: der Palmrüssler. Er bedroht mittlerweile im gesamten Mittelmeerraum die Palmen-Bestände. Seine Larve soll als Sagowurm bekannt sein und in einigen Regionen dieser Erde als Eiweißlieferant geschätzt und gegessen werden. Der nächste Urlaub könnte also ohne Palmen, dafür mit Sagowurm auf dem Teller ausfallen.
Furore bei Wissenschaftlern macht gerade ein weiterer Vertreter der Rüsselkäfer: der „photonische Käfer“, wissenschaftlich Lamprocyphus augustus. Das grüne Insekt verdankt seine schillerndes Aussehen nicht etwa einer Farbe, sondern Kristallen auf dem dicken Panzer. Die Struktur dieser Chitin-Schuppen reflektiert den Grünanteil des Lichts. Ein Nachbau jener Kristalle könnte als Basis für ultraschnelle optische Computer dienen, hoffen Forscher von der Universität Utah.
Einige Käfer werden gar als Retter in der Not gefeiert: „Zwei Spezies von Rüsselkäfern haben dem westafrikanischen Staat Benin mindestens 260 Millionen Dollar in den kommenden Jahren erspart. Die Käfer sind erfolgreich im Kampf gegen die Wasserhyazinthen, die sich über das gesamte Binnengewässer Afrikas ausbreiten und dort zu einer wirtschaftlichen und ökologischen Katastrophe führen“, berichtet das Wissenschaftsmagazin New Scientist. Die Käfer tun in diesem Fall genau das, was ihnen der Mensch ansonsten krumm nimmt, nämlich sich durch den Pflanzenkörper fressen.
Der Käfer aus der Wäschetrommel gilt übrigens, falls es sich um den Gefurchten Dickmaulrüssler handelt, als landwirtschaftlicher Schädling. Ich finde ihn trotzdem hübsch. Außerdem: Wer den Waschgang überlebt, der muss einfach mit Respekt behandelt werden.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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