KW 36 – Freud und Leid mit der Rosskastanie
Liebe Leser,
jeder kennt sie und – das kann einfach unterstellt werden – jeder liebt sie: die Rosskastanie. Kindern liefert sie Bastelmaterial in Massen, Erwachsene freuen sich an Blüten und Wuchs und Bestäuber schätzen die Leckereien des bis zu 25 Meter hohen Baumes. Was den Liebhaber des Gehölzes daher um so mehr schmerzt, sind die Krankheitszeichen, die sich an vielen Exemplaren in Form von Blattverfärbungen zeigen. Wer macht dem schönen Baum das Leben schwer?
Baum des Jahres 2005, Arzneipflanze des Jahres 2008 – Titel hat die Rosskastanie schon einige eingeheimst. Doch das wichtigste Verdienst der Rosskastanien ist sicherlich, dass sie in Bayern früher dafür sorgten, die Bierkeller kühl zu halten. Über diesen wurden sie ursprünglich als Schattenspender gepflanzt, um anschließend zum Biergartenbaum par excellence zu avancieren. Weißwurstfrühstück unter Rosskastanien klingt doch fast so gut wie Urlaub unter Palmen, oder etwa nicht?
Die Gewöhnliche Rosskastanie unserer Breiten mit dem klangvollen wissenschaftlichen Namen Aesculus hippocastanum gehört der Familie der Seifenbaumgewächse an und ist mit der Esskastanie nicht näher verwandt. Die Esskastanien oder Maronen reihen sich in die Buchengewächse ein.
Die Rosskastanie könnte, wenn sie das entsprechende Bewusstsein hätte, auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Vor der letzten Eiszeit, also vor rund 10000 Jahren, soll die Baumart in deutschem Boden gewurzelt haben. Doch die Kälte drängte den Laubbaum bis in die Gebirge der Balkanhalbinsel zurück. Ein derart spektakuläres Gewächs konnte der restlichen Welt aber nicht verborgen bleiben. Von Konstantinopel aus sollen im 16. Jahrhundert die ersten Kastanien nach Prag vermittelt worden sein. Der bekannte belgische Botaniker Carolus Clusius legte daraufhin die ersten Exemplare in Wiener Boden, und die Baumart startete ihren Siegeszug durch Mitteleuropa. Einige Jahrhunderte später wiederum stellten erstaunte Botaniker fest, dass die Pflanze nicht nur – wie vorher vermutet – in Kleinasien beheimatet ist, sondern eben auch beispielsweise in den Gebirgen Griechenlands.
Wie so oft mogelte sich die „exotische“ Pflanze schließlich von botanischen Gärten und Biergärten aus in die Herzen der Allgemeinheit. Per Definition handelt es sich bei ihr um einen so genannten Neophyt, der erst nach Ende des 15. Jahrhunderts durch menschliche Hilfe bei uns Fuß fassen konnte. Aufgrund dieser relativ kurzen Etablierung in unseren Gefilden ist die Rosskastanie zwar von den Beißwerkzeugen vieler heimischer Insekten verschont geblieben. Einige Schädlinge setzen ihr aber doch ganz schön zu. Aesculus hippocastanum bietet am Straßenrand und im Park immer häufiger Grund zur Sorge. Braune eingerollte Blätter zeugen schon im Sommer davon, dass das Gehölz leidet. Allen voran macht ein Kleinschmetterling, der die Baumart bis nach Mitteleuropa verfolgt hat, der Kastanie das Leben schwer. 1984 wurde die Rosskastanien-Miniermotte, Cameraria ohridella, erstmals in Mazedonien nachgewiesen. Im August 1993 nagte die winzige Raupe des Falters erstmals an einem deutschen Baum, nämlich im bayerischen Passau. Der Schmetterling ist mit seinen fünf Millimetern Länge ein Winzling, der kurz vor und während der Rosskastanienblüte ausschwärmt. Bis zu 100 Eier legt die Motte nach der Begattung an der Blattoberseite ab. Bald danach beginnt das große Fressen des Jungvolks: Frisch geschlüpfte Larven mampfen sich durch das Blattinnere, wodurch die Fraßgänge, sogenannte Minen, entstehen. Die Tierchen verpuppen sich im Blatt, das mitunter, braun und verfärbt, schon im August abgeworfen wird. Über Winter schlummert die Gefahr dann im Laub am Boden, von wo aus sich im Frühjahr die neue Faltergeneration in die Luft in Richtung Blattgrün schwingt. Als beste Waffe gegen den Minenbohrer eignet sich das Einsammeln und Vernichten der herabgefallenen Blätter.
Aber die prallen Blätter sind auch im Reich der Pilze beliebt. Rosskastanienblattbräune heißt die Krankheit, die der Pilz Guignardia aesculi verursacht. Ist er am Werk, dann werden die Blätter an den Hauptnerven entlang braun, typischerweise mit gelbem Rand und rollen sich über kurz oder lang ein. Auch hier bietet das Falllaub dem Pilz ideale Überwinterungsmöglichkeiten und sollte entfernt werden. Übrigens eine Methode, die die Landesanstalt für Pflanzenschutz Baden-Württembergs ebenfalls empfiehlt. Auch Streusalz, Hitze und Nährstoffmangel setzen den Gehölzen zu.
Doch bei all den Hiobsbotschaften gibt es auch Positives zu berichten: Die rotblühende Rosskastanie scheint von der Miniermotte verschont zu bleiben. Und insgesamt sollen ansonsten gut gewachsene, ältere Bäume sich vom vorzeitigen Blattverlust relativ gut erholen. Theoretisch kann der Baum bis zu 300 Jahre alt werden. Substanzen aus Rinde, Blätter, den Blüten und Früchten werden in der Medizin und Kosmetik eingesetzt.
Hoffentlich bleiben die Rosskastanien uns erhalten. Immerhin sprechen sie schon mit ihren Bestäubern: Ist eine Blüte noch jung und mit Nektar und Pollen bestückt, weisen gelbe Saftmale Bienen und Hummeln den Weg. Sobald der Futternapf ausgeschöpft ist, färben sich die Male rot. Umwerfend schön ist die Blütenpracht so oder so.
Sabine Rücker
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