Freitag, 10. Februar 2012

KW 35 – Federgeistchen und Tausendgüldenkraut


Das Schlehen-Federgeistchen...
...und das Tausendgüldenkraut. Fotos: Rücker

Liebe Leser,
glauben Sie an Geister? Gespenster vielleicht, oder wenigstens an Geistchen? Nein? Schade, es gibt sie nämlich. Ohne den Hauch von Tod und Verderben kommen sie sogar ins Haus geschwebt. Beispielsweise das Schlehengeistchen. Außerdem in dieser Phänomene-Folge: das Tausendgüldenkraut, ein Enziangewächs. Die beiden Geschöpfe haben zwar nichts miteinander zu tun, jedes allein hätte aber nicht genug Zeilen geliefert. Sozusagen eine Zweckgemeinschaft, aber hoffentlich doch unterhaltsam.
Und es gibt sie doch! Sogar gar nicht wenige und in etwas verwirrenden Verwandtschaftsverhältnissen, aber all die Geistchen, von denen heute die Rede ist, reihen sich in die große Gruppe der Schmetterlinge ein. Beispielsweise das Schlehen-Geistchen, auch Schlehen-Federgeistchen genannt. Leicht und luftig sieht es aus, oder ist es etwa zerfranst und defekt? Nein, nein, es ist ein typischer Vertreter seiner Familie, den Federgeistchen, wissenschaftlich Pterophoridae. Typisch, weil bei ihm die Flügel in meist fünf federartige Lappen unterteilt sind. Der Falter ist sogar mit rund drei Zentimetern Flügelspannweite ein großes Exemplar der Federgeistchen, von denen bundesweit laut dem Lehrbuch „Brohmer, Fauna von Deutschland“ mehrere Gattungen mit rund 60 Arten schwirren.
Dass die Einreihung eines Geistchens ins zoologische System alles andere als einfach ist, mag nicht verwundern. Denn normalerweise befasst sich die Wissenschaft mit Fakten und nicht mit Geistern. Bei den Verwandtschaftsverhältnissen herrschen je nach Quelle sehr unterschiedliche Meinungen. In der Internet-Enzyklopädie Wikipedia wird das Schlehen-Federgeistchen zur Familie der Federmotten gestellt. Wobei die Federmotten mit ihren jeweils sechsfach gespaltenen Flügeln wirklich eher aussehen wie Motten und unser Geistchen doch in der Tat ein zarter Geist ist.
 Pterophorus pentadactyla, so heißt das Schlehen-Geistchen wissenschaftlich, hat seinen deutschen Namen wohl nicht wirklich verdient. Die Raupen bevorzugen nicht die Schlehe als Futterpflanze. Rosen, Klee und vor allem Winden sollen ihnen munden. Von Mai bis September gaukeln die weißen Schmetterlinge dann herum. Vor allem in den Abendstunden gehen die Weißen auf die Pirsch nach einem Partner. Hierzu fliegen sie langsam umher. Am Tag ruhen sie meist in Bodennähe aus. Die Beine der Falter sind mit langen Spornen besetzt, woran die Tiere zusätzlich identifiziert werden können. Die erwachsenen Falter saugen Nektar. Es überwintert die Juvenilform. Der helle Flattermann sitzt häufig in der Zimmerecke fest, nachdem er nachts dem Schein des Lichtes gefolgt ist. Dann kann er ja behutsam wieder nach außen bugsiert werden, um dort weiter sein Unwesen zu treiben.
Unser Geschöpf Nummer 2 kommt heute aus dem Pflanzenreich. Ein eher seltener Anblick, der den den Spaziergänger auf Vaihinger Markung an manchen Stellen seit einiger Zeit erfreut: das Tausendgüldenkraut. Es gehört zur Familie der Enziangewächse, die der schwäbische Flachlandtiroler eher in der Bergwelt wähnt. Alle Arten stehen in Deutschland unter Schutz und dürfen nicht aus der Natur entnommen oder zerstört werden. Das ist besonders für private Kräutersammler wichtig zu wissen, denn das äußerst hübsche Pflänzchen zählt zu den Heilpflanzen. Verschiedene Bitterstoffe, wie sie typisch für die Enzianfamilie sind, regen die Verdauung an. Medizinisch verwendet wird dabei der oberirdische Teil der Pflanze. Manche Vertreter der Gattung Tausendgüldenkraut, wissenschaftlich Centaurium, besiedeln gerne sandige Böden und können daher beim Urlaub an der See bewundert werden. Andere, wie der Vertreter auf dem Bild, bevorzugen sonnige, halbtrockene Wiesen, wie es sie auch im Schwabenland gibt.
Bis zu 50 Zentimeter kann das Echte Tausendgüldenkraut, Centaurium erythraea, groß werden. Im Jahr 2004 hat es sich den Namen „Heilpflanze des Jahres“ mit der Schafgarbe geteilt. Seine Blüten öffnet das hübsche Ding nur bei Sonnenschein, dann gehen die Insekten ihrer Aufgabe als Bestäuber eifrig nach. Schon in der griechischen Mythologie sollen schlecht heilende Wunden mit dem Kraut versorgt worden sein. Auch als Bierwürze werden die Blätter der ein- bis zweijährigen Pflanze empfohlen. Bei uns wird die Heilpflanze unter anderem aus den Balkan-Ländern importiert oder im Bio-Anbau gezüchtet. Mit ein wenig Glück soll der Hobby-Gärtner das Kraut sogar im eigenen Garten ziehen können. Als Bachblütenessenz steht das Tausendgüldenkraut für die Themen Durchsetzungskraft und Identität.
 Um nun wenigstens zum Schluss den Bogen zwischen den zwei Wesen zu spannen, folgender Tipp: Bei der nächsten Halloween-Party könnten Sie sich doch als Federgeistchen verkleiden und mit diesem Identitätswechsel ihre Durchsetzungskraft als Gespenst testen – am besten durch die Bachblütenessenz Tausendgüldenkraut gestärkt.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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