KW 34 – Starke Brummer auf der Hauhechel
Liebe Leser,
beim Schreiben dieser Phänomene-Folge wurde zwar nicht eine Mücke zum Elefanten, aber ein anfängliches Problemchen zu einer Kurzexkursion. Zum heutigen Thema, der Pflanze Hauhechel, war nämlich recht wenig Information aufzutreiben und diese teilweise etwas rätselhaft. Daher stattete ich den Pflänzchen nochmal einen Besuch ab und war entzückt. Die Blütenbesucher lieferten eine richtig gute Show.
Mitten in Aurichs „Schlagkurve“ in der Hirsauer Straße, auf der Wiese an der großen Eiche, wächst in Gesellschaft bunter Blumenkollegen die Hauhechel, wissenschaftlich Ononis. Vermutlich handelt es sich um die Kriechende Hauhechel, Ononis repens, einer Verwandten der alten Heilpflanze Dornige Hauhechel. Die Gewächse nehmen es allerdings nicht so genau mit den Artgrenzen und neigen zur Bastardisierung.
Wie dem auch sei, die 30 bis 60 Zentimeter hohe, teilweise kriechend wachsende Hauhechel entzückt den Betrachter mit ihren hübschen Blüten. Rosarot winken sie dem Besucher. Der Blütenaufbau ist so typisch, dass selbst der unbedarfte Blumenfreund die Familienzugehörigkeit der Exemplare erkennt: es sind Schmetterlingsblüten. Die Pflanzenfamilie oder, je nach Definition, Unterfamilie, sind die Schmetterlingsblütler. Der Name ist vielleicht etwas irreführend, denn Schmetterlinge können zumindest an der Hauhechel nichts erhaschen. Um an die Leckereien der Blume zu kommen, braucht es schon eine richtige Wuchtbrumme – doch dazu später mehr.
Die Schmetterlingsblütler heißen so, weil ihre Blüten an die buntflügeligen Falter erinnern. Häufig ist das obere der fünf bunten Kronblätter relativ groß und nach oben gebogen, es wird Fahne genannt. Die beiden unteren Blütenblätter sind miteinander verwachsen oder verklebt, in ihnen befinden sich die Staubblätter und der Griffel. Diese Konstruktion wird Schiffchen genannt. Die beiden seitlichen Kronblätter heißen Flügel und dienen, wie im Falle der Hauhechel, als Landeplatz für Insekten. Es handelt sich um typische Bienenblumen, der Fachausdruck für die Bestäubungsvorliebe lautet Melittophilie, was, nebenbei bemerkt, nichts mit Kaffee oder Melitta zu tun hat. Viele der Schmetterlingsblütler und Bienen haben sich im Laufe einer sogenannten Co-Evolution optimal aneinander angepasst. Bei der Hauhechel soll die Bestäubung in einer Art Pump- und Klappmechanismus vor sich gehen. Schwarz auf weiß beschrieben ist der Vorgang eine etwas schwer verdauliche Kost, etwas rätselhaft eben. In einem Pumpvorgang soll das Insekt bei der Bestäubung die Staubblätter quasi aus der Verwachsung des Schiffchens locken. Sobald die Biene ihre Arbeit beendet hat, flutschen die Pollenträger wieder in den Schaft des Schiffchens. Aha.
Da alle Theorie grau ist, wird das Geschehen nochmal direkt an der Blume beobachtet. Das war etwas peinlich, denn das Wiesle liegt, wie gesagt, an der Hauptstraße im Ort und die Autos fahren in einer großen Kurve um einen herum. Aber: Was tut man nicht alles und außerdem – es war so schön! Was sich auf den paar Quadratmetern alles tummelt! Das emsige Treiben wirkt im ersten Moment chaotisch, folgt aber einem System und lässt die neugierigen Blicke der Autofahrer vergessen. Manche Bienen lassen sich beispielsweise nur von der lila blühenden Flockenblume locken und stochern mit ihren Rüsseln im reichlich dargebotenen Nektar herum. Bläulings-Schmetterlinge flitzen über die grüne Insel. Sie bevorzugen den gelben Hornklee, ebenfalls ein Schmetterlingsblütler. Und einige Bienen und Hummeln haben es eben ganz wichtig mit der Hauhechel. Ihr bleiben sie bei der Patrouille über die Wiese treu und fallen sozusagen von einer Hauhechelblüte in die nächste. In einer Art Kopfstand steckt ihr vorderes Körperende dann in der Blüte, was erstaunlich ist, denn die Hauhechel gilt als nektarlos. Vielleicht gibt es im Blüteninneren Baumaterial, auf das manche der Hautflügler scharf sind? Oder diese Kopfstandstellung hilft bei dem Kraftakt, der beim Pollensammeln nötig ist. Zunächst drückt der massige Körper der Hautflügler – Wuchtbrumme halt – auf den Landeplatz, die Flügelblättchen der Blüte, und das Schiffchen.
Hektisch trampelnd
zum Erfolg
Dann beginnt die eigentliche Arbeit. Hektisch trampelt das Insekt herum und öffnet so mit purer Muskelkraft die verwachsenen Blütenblätter des Schiffchens. Der Pollen kommt zum Vorschein. Das Insekt reibt eifrig mit seinen vielen Beinen herum, um die Pollenkörner am Körper zu sichern.
Die Kriechende Hauhechel gilt in Baden-Württemberg als nicht gefährdet. Von Juni an ist die Blütenpracht hier und dort an eher trockenen Standorten zu bewundern. Drüsen und Haare überziehen die Pflanze. Eine besondere Mischung aus Gut und Böse findet sich in der eng verwandten Dornigen Hauhechel wieder. Einer ihrer deutschen Namen lässt nichts Gutes ahnen: Weiberkrieg. Die Pflanze ist auf Weiden nicht gerne gesehen, da sich die Tiere an den Dornen schmerzhafte und schlecht heilende Wunden zuziehen können. Doch als Heilpflanze ist die Dornige Hauhechel wiederum gern gesehen. Hierbei werden Extrakte der Wurzel als harntreibende Mittel eingesetzt.
In die Familie der Schmetterlingsblütler reihen sich eine Menge attraktiver und schmackhafter Vertreter ein: von Ziergehölzen wie dem Blauregen und der Robinie über Bohnen und Erbsen bis zu den Blümchen auf der Wiese wie Rot- und Weißklee. Die Familienmitglieder können mit Hilfe von speziellen Bakterien an den Wurzeln Stickstoff aus der Luft binden und für die Pflanzen verfügbar machen. Das macht sie einerseits zu beliebten Gründüngern. Sollen die Böden aber mager bleiben, sind die Stickstoffsammler nicht so gern gesehen.
Eine Insektenart, die den Hauhechel zum Fressen gern hat, ist der gleichnamige Bläuling, Polyommatus icarus. Dieser Hauhechel-Bläuling wird als häufigster heimischer Vertreter der Schmetterlingsfamilie angesehen und deshalb auch Gemeiner Bläuling genannt. Neben anderen Schmetterlingsblütlern zählt auch Ononis zu den Raupenfutterpflanzen des kleinen Schmetterlings.
Abschließend noch eine Bitte in eigener Sache: Falls sie irgendwo eine merkwürdig gekrümmte Gestalt herumstehen sehen, denken sie nicht gleich das Schlimmste. Vielleicht bin’s nur ich, auf Hauhechel mit Wuchtbrumme fixiert.
Sabine Rücker
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