Samstag, 04. Februar 2012

KW 33 – Kleine Egel an den Füßen


Ringen um den Körpersaft: Schnecke und Egel. Foto: Krueger-Krusche
Ringen um den Körpersaft: Schnecke und Egel. Foto: Krueger-Krusche

Liebe Leser,
endlich haben wir uns wieder! Der Urlaub ist Geschichte – und in gewisser Weise ist das auch gut so. Sie können sich die Euphorie meiner Lieben nicht vorstellen, als wir uns aufmachten zu unserem Feriendomizil: einem Biobauernhof im Unterallgäu. Als Phänomen der Natur blieben dort Egel an mir haften, um die es, neben der Dynamik innerhalb der Urlaubsgesellschaft, heute geht.
Kinder im Teenageralter und Mütter am Rande der Wechseljahre sind eine explosive Mischung. Häufig entlädt sich die Energie dieser Mixtur in der schönsten Zeit des Jahres, nämlich in den Sommerferien. Als Kulisse für derartige Vulkanausbrüche eignet sich hervorragend das Unterallgäu. Am Meer puffern Sonne, Strand und Meer etwaige Meinungsverschiedenheiten ungleich effektiver ab. Jedenfalls kehrten wir – zwei Jugendliche, zwei Erwachsene, ein Hund – nach wenigen Tagen aus diversen Gründen dem Voralpenland vorzeitig den Rücken. Das lag zum einen am Alter der urlaubenden Personen... vielleicht auch an deren Hormonstatus. Zum anderen barg die grüne Idylle vor der Bergkulisse einige Überraschungen. So vergnügte sich just in unserer Urlaubswoche nur wenige Meter vom Ferienhäuschen entfernt die katholische Jugend in einem Zeltlager. Mit Inbrunst wurden dabei Gitarren, Stimmbänder und Blasinstrumente bis in die frühen Morgenstunden hinein strapaziert. Wenige Stunden später riss ein Trompetensolo die zeltlagernden Schäfchen und uns aus dem Schlaf. Auch das Gebläse, das während unserer Urlaubszeit das Heu in der Scheune trocknete, trug rund um die Uhr zu einem gleichmäßigen Geräuschpegel bei.
Aber es gab auch Highlights in diesem kurzen Urlaub, der dann im Einvernehmen aller Beteiligten vorzeitig beendet wurde. Die Hofbesitzer waren ausgesprochen nett. Richtig Spaß hatten Teenager und Mitvierziger beim Volleyballspielen auf dem Hofgelände und beim Baden im Schwimmteich machte Bruno, unser Hund, sozusagen den Freischwimmer. Das war nicht einfach, denn der Vierbeiner ging freiwillig nicht über die Bauchgrenze hinweg ins kühle Nass. Also lockten Herrchen und Frauchen schwimmend und mit dem geliebten Ball, die Kinder feuerten das Tier von außen an. Es half alles nichts – nur Brachialgewalt.
 Letztendlich wurde Bruno vom Steg aus mit starken Armen ins Wasser gehievt. Woraufhin der drei Jahre alte Rüde zunächst unterging wie ein Stein, was den Zuschauern kurz den Atem verschlug. Dann tauchte er wieder auf, suchte das Ufer und dann das Weite und ward am Schwimmteich nicht mehr gesehen. Womit sich unsere Hoffnung, dass der Hund gerne schwimmt, wenn er erst mal weiß, dass er das kann, als falsch erwies.
Nach dieser Aktion musste sich Muttern, also ich, sofort unter die Dusche schwingen, da eine Algenallergie mich sonst oberflächlich betrachtet in einen Streuselkuchen verwandelt. Unterm Wasserstrahl widersetzte sich ein kleines, bräunliches Blatt der Spülkraft. Als dieses Blättchen anfing, sich zu bewegen, wurde ich misstrauisch. Als das Blättchen sich als Egel mit Saugnapf entpuppte, wurde ich hysterisch. Zum meiner Schande muss ich gestehen, dass ich auch die weiteren Exemplare, die sich an meinen Füßen festgesaugt hatten, nicht für intensivere Untersuchungen abgezupft und aufbewahrt habe. Nein, typisch „Weibchen“, rannte ich laut kreischend durch die Gegend, klaubte die Tiere von meiner Haut und kümmerte mich nicht weiter um deren Schicksal. Blöd! Jetzt hätte ich die zu den Ringelwürmern, wissenschaftlich Annelida, gehörenden Gesellen zu gerne mit der Stereolupe betrachtet.
Weltweit schlagen sich rund 300 Egel-Arten, meist als Blutsauger und Parasiten, durchs Leben. In Mitteleuropa piesacken immer noch rund 36 Arten ihre Mitlebewesen. Typisch für die Tiere und nicht zur Beruhigung potenzieller Opfer geeignet ist das Anheften mit einem Saugnapf. Auch meine kleinen, rund einen Zentimeter langen, Besucher hatten sich schon festgesetzt. Igitt! Vor lauter Ekel über die Egel ging meinem Hirn aber völlig durch die Lappen, dass die Tierchen sich mit ihrem After-Saugnapf festgesaugt hatten, der Mund mit den Kiefern folglich noch nicht zum Einsatz kam. Entwarnung also. Wieder im herrlich stillen Aurich angekommen, wurde zuerst mal in den Büchern geblättert. Vermutlich hatte es sich bei meinen bräunlichen Freunden um Kleine Schneckenegel, Glossiphonia heteroclita, gehandelt. Nun gut, als Auricher Schnecke war mein Leib und Leben vielleicht schon gefährdet, denn die Ektoparasiten saugen an Schnecken. Menschenblut steht nicht auf ihrem Speiseplan.
Obwohl die Tiere nicht zu den Sympathieträgern gehören, weiß fast jeder, wie man sich den klassischen Egel vorzustellen hat. Typisch ist das spannerraupenartige Kriechen, je ein Saugnapf an Vorder- und Hinterende und die Ringelung. 33 Segmente verbergen sich unter den Ringeln, wobei die letzten sieben Segmente zu der hinteren, großen Haftscheibe verschmolzen sind. Gemeinsam mit den Regenwürmern tummeln sich die Egel, Hirudinea, im zoologischen System in der Klasse der Clitellata. Bezeichnend für diese Tiergruppe ist das Clitellum, ein Drüsengürtel, der eiweißreiches Sekret für die Kokonwandbildung produziert. In diesen legen die zwittrigen Wesen ihre Eier ab. Der Großteil der Egel lebt und liebt im Süßwasser, das einige der Geringelten behende durchschwimmen können. Nur wenige Arten leben an Land oder im Meer. Bei der Paarung der Zwitter herrscht Arbeitsteilung: Es werden nicht etwa wild durcheinander Geschlechtszellen ausgetauscht, sondern anscheinend fungiert immer der eine Partner als Männchen und der andere als Weibchen. Nach der inneren Befruchtung der Eier werden die Eikokons meist an Substrat oder Pflanzen geheftet.
 Manche Egelmütter betreiben allerdings Brutpflege. Sie hüten ihre Eikapseln und sorgen für sauerstoffreiches Wasser am Gelege. Oder sie tragen die Eier mit sich herum und nach dem Schlüpfen saugen sich die Jungtiere zunächst an der Mutter fest. Die lieben Kleinen als Blutsauger, das gibt’s auch bei Zweibeinern.
Egel häuten sich regelmäßig. Besonders nach reichlicher Nahrungsaufnahme, nach der die Ringelwürmer bis zu einem Jahr lang hungern können. Je nach Art können mehr oder weniger viele Augen am Körpervorderende ausgemacht werden. Mit fünf Augenpaaren äugt beispielsweise Hirudo medicinalis, der Mediznische Blutegel, durch die Gegend. Ausgewachsen schafft er es, mit seinen drei Kiefern à zirka 80 Kalkzähnchen die menschliche Haut zu durchsäbeln. Bis zu 15 Zentimeter lang und bis zu 20 Jahre alt kann der Blutsauger werden. Allerdings steht es um ihn nicht sonderlich gut: Sein therapeutischer Einsatz in der Medizin machte ihm fast den Garaus. Unzählige Exemplare wurden in der Natur gesammelt, um sich an Patienten zu laben. Dies und der Verlust geeigneter Lebensräume wie amphibienreiche moorige Weiher und Seen dezimierten den hübsch grün und gelb gezeichneten Burschen derart, dass er heute unter Naturschutz steht. Mittlerweile werden die kleinen Vampire in Zuchtfarmen vermehrt, denn ihr Einsatz in der Medizin ist wieder in und manche Mitmenschen preisen den beweglichen Wirbellosen als unterhaltsamen Aquarienbewohner.
Insgesamt gesehen kann der Mitteleuropäer froh sein, nicht in den Tropen zu leben. Denn dort, so das Lehrbuch „Systematische Zoologie“, „sind die Landblut-egel, die selbst durch kleine Öffnungen an den Körper vordringen können, oft sehr lästig“. Wie egelig!
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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