KW 30 – Freude über ein Blutströpfchen
Liebe Leser,
hurra, hurra, nach langer Zeit endlich wieder eins gesehen! Auf Vaihinger Markung saß es auf einer Blüte herum, das Widderchen, auch Blutströpfchen genannt. Die kleinen Nachtfalter haben es heutzutage schwer und sind zum Insekt des Jahres 2008 gekürt worden.
Insekten, Pflanzen, Pflanzen, Insekten – die letzten Folgen unserer Phänomene konnten den Eindruck vermitteln, die Lebewelt bestehe ausschließlich aus Blümchen und Insekten. Aber ich bin guter Hoffnung, dass Ihnen das ebenso wenig ausmacht wie mir. Außerdem ist es einfach so, dass geschätzte 80 Prozent aller Tiere nun mal Insekten sind. Das rechtfertigt allemal, die Sechsbeiner entsprechend zu würdigen. Weiterer wichtiger Aspekt: Sie kommen einem relativ häufig vor die Linse. Heute nun eine Familie der Schmetterlinge, die zu den Nachtfaltern gezählt wird, allerdings nur bei Sonnenschein fliegt. Sie brauchen das nicht zu verstehen, ich tu’s auch nicht. In der zoologischen Systematik ist die Einteilung „Nachtfalter“ vor allem traditioneller Natur und hat praktische, keine wissenschaftlichen Gründe.
Widderchen oder Blutströpfchen, wissenschaftlich Zygaenidae, sind in Mitteleuropa mit rund 30 Arten vertreten. Beim Großteil der Falterfamilie handelt es sich um relativ kleine Tiere mit einer Flügelspannweite von bis zu drei Zentimetern. Überraschenderweise zeigen nicht alle Blutströpfchen die typischen roten Tupfen auf den Flügeln. Vertreter der Unterfamilie der Grünwidderchen schimmern beispielsweise – wer hätte das gedacht? – grün-golden in der Sonne. Die Kategorie Unterfamilie, Subfamilia, ist vielleicht vergleichbar mit der Sippe eines entfernten Verwandten, die zwar den selben Namen trägt wie man selbst, sich aber ansonsten deutlich von der eigenen Familie abhebt. Hier liegt auch der Reiz dieses Begriffs: Im zwischenmenschlichen Bereich klingt er irgendwie gemein. Begrüßen Sie doch ungeliebte Anverwandte das nächste Mal mit: „Hallo Subfamilie!“
Jedenfalls gehört unser Widderchen auf dem Bild zur Unterfamilie der Rotwidderchen. Die Art des kleinen, eher trägen Fliegers ist dagegen nicht leicht zu bestimmen. Die Flattermänner sehen sich mitunter verteufelt ähnlich, vor allem, wenn sie schon etwas älter und eine Menge Flügelschuppen abgewetzt sind. Aber, wagen wir einen Bestimmungsversuch: Es könnte sich um ein Beilfleckwidderchen handeln. Zygaena loti, so der wissenschaftliche Name, besitzt nämlich fünf rote Flecken auf jedem Vorderflügel. Die beiden Flecken an der Flügelspitze sind zu einem einzigen, roten „Beil“ verschmolzen. Außerdem sind die Beine weiß beschuppt. Stimmt, finde ich, aber vielleicht habe ich ja auch Schuppen auf den Augen. Der kleine Kerl ist sehr wärmebedürftig und auf Trockenrasenvegetation angewiesen. Die grünen Raupen mit den schwarzen und gelben Punkten brauchen Hufeisenklee und Bunte Kronwicke zum Vespern. Auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten gilt die Art als gefährdet.
Und damit ist sie nicht allein. Die europäischen Vertreter der Familie mit den dicken Knubbelfühlern sind fast ausnahmslos gefährdet. Denn der Lebensraum der Tiere schwindet. Seien es Trocken- oder Feuchtbiotope. Da nützt den plumpen Gesellen auch ihre Warntracht nichts. Denn sowohl die Raupe, als auch das adulte Insekt enthalten diverse Substanzen, die Fressfeinden den Appetit verderben. Darunter auch Blausäure.
Daher wird auf manchen Internetseiten davor gewarnt, Falter oder Raupen in den Mund zu nehmen. Ja, pfui Kuckuck, wer macht denn so was? Okay, Kinder haben manchmal in der Tat merkwürdige Einfälle...
Das leidige Thema „Lebensraumverlust“ kommt manchem vielleicht schon zu den Ohren heraus, doch beim Insekt des Jahres, dem Krainer Widderchen, auch Esparsetten-Widderchen genannt, zeigt sich die Dramatik deutlich: „Die Magerrasen, in denen die Raupen leben, werden weniger, da verbaut und aufgeforstet wird. Am Kaiserstuhl wichen die Magerrasen Weinbergen und damit sind die Falter dort sogar ganz verschwunden“, ist im Wissensmagazin scinexx zu lesen. Das Krainer Widderchen, unserem Exemplar ähnlich, aber mit weiß umrandeten Punkten, liebt als Raupe die schöne Blume Esparsette. Sie ist eine historische Futterpflanze, die sich leider auch nicht mehr so häufig im Gäu blicken lässt. Die Falter saugen mit ihrem Rüssel an diversen Blüten den Nektar. Wichtig für die Widderchen ist, dass die kleiner werdenden und in ihrer Anzahl schwindenen Biotope erreichbar bleiben. Es sei besonders wichtig, so Biologe Dr. Boris Kreusel in einer Untersuchung von Populationen auf der Schwäbischen Alb, dass den relativ standorttreuen Widderchen die Möglichkeit des Genaustausches erhalten bleibt. Dies könne durch Metapopulationen, in denen Falter von einer Biotopinsel zur anderen „hüpfen“ können, erreicht werden. Dazu darf der Abstand dieser Inseln nicht zu groß sein.
Widderchen überstehen die kalte Jahreszeit in der Regel als Raupe. Erst im Hochsommer fliegen die fertigen Falter und beschäftigen sich mit – alte Phänomene-Hasen ahnen es – Sex und Fressen. Schon kurz nach dem Schlupf beginnen die Tiere mit der Partnersuche. „Die Begattung kann bis in die Morgenstunden des folgenden Tages andauern“, ist im Faltblatt zum Krainer Widderchen des Kuratoriums Insekt des Jahres zu lesen. Doch damit nicht genug, der Akt wird auch noch laufend wiederholt. In ihrem nur rund zwei Wochen dauernden Fliegerleben verschmähen sie kaum einen Partner. Nachts suchen sie die Nähe der anderen und bilden Schlafgemeinschaften, bei denen sich gerne ein Weibchen mit vielen Männchen an eine Pflanze kuschelt. Über dem Warum grübeln Experten. Ist doch klar: In der Nacht ist das Weib nicht gern alleine. Egal, ob mit oder ohne Blausäure.
An dieser Stelle verabschieden sich die Phänomene in einen zweiwöchigen Urlaub. Danach kommt die Serie wieder frisch geschrieben auf den Tisch. Also: bis bald. Keine Falter essen und immer schön kuscheln!
Sabine Rücker
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