KW 3 – Beißerchen der Säuger
Liebe Leser,
zeig' mir deine Zähne, und ich sage dir, was du frisst – und wer du bist. Die Klasse der Säugetiere beißt sich mit einer Vielfalt von Zähnen und Gebissformen durchs Leben. Die Zahnformel erlaubt sogar eine Einordnung des Wesens ins zoologische System.
Von der Fledermaus bis zum Meeressäuger, vom Tiger bis zur Kuh, sie alle zählen zu den Säugetieren, den Mammalia. Obwohl diese Tiere sich auf den ersten Blick nicht unbedingt ähneln, haben sie doch alle einige Merkmale gemeinsam. Beispielsweise das Haarkleid, das wenigstens embryonal zum Vorschein kommt. Ebenso typisch sind das Säugen und „neue“ Gehörknöchelchen, die im Laufe der Evolution ins Mittelohr gewanderte Teile von Kiefer- und Kiemenbögen darstellen.
Außerdem finden sich die am höchsten entwickelten Zahn- und Kieferformen bei den Säugetieren. Die Beißerchen der Säuger sind mit einer knochenähnlichen Hartsubstanzen, dem Dentin, gefestigt und werden daher auch als „echte Zähne“ oder Dentin-Zähne bezeichnet. Von außen her schützt der Zahnschmelz die Konstruktion, die härteste bekannte Substanz der Lebewelt, mit den Mineralien Calcium und Phosphor. Darunter schlummert jenes Zahnbein, Dentin genannt, das den inneren Bereich des Zahnes, das Zahnmark, wissenschaftlich die Pulpa, umschließt. Im Wurzelbereich wird das Dentin von Zahnzement umschlossen. Im allgemeinen besteht solch ein Zahn aus einer gut sichtbaren Zahnkrone und der im Kieferknochen verankerten Zahnwurzel, dazwischen liegt der Zahnhals. Mit diesen Kauwerkzeugen zerkleinert der Großteil der Säuger seine Nahrung, setzt sich gegen Rivalen und Feinde zur Wehr oder nutzt die Zähne als Werkzeug. Beim Menschen spielt das Gebiss außerdem eine soziale Rolle und ist bei der Lautbildung wichtig. Kein steiler Zahn ohne schöne Zähne. Und bei der Artikulation des Wortes „Soßenkasper“ erleichtern die Zähne die Aussprache immens.
Bei den meisten Säugetieren kommt es zu einem einmaligen Zahnwechsel, bei dem die Milchzähne unter anderem als Platzhalter für das bleibende Gebiss fungieren. Die meisten Säuger tragen ein heterodontes Gebiss zur Schau, bei dem sich in aller Regel Schneide- und Eckzähne sowie die Backenzähne Prämolaren und Molaren unterscheiden lassen. Von diesen Backenzähnen erscheinen die Molaren erst, während sich das Milchgebiss schon wieder verabschiedet. Überraschenderweise haben auch Milchzähne ursprünglich eine Wurzel. Diese wird aber von den körpereigenen Fresszellen gevespert, bevor die Zähnchen ausfallen. Recycling, das im Körper Resorption genannt wird. Übrig bleibt nur die Milchzahnkrone. Einige Tiere entwickelten sekundär ein homodontes Gebiss mit nahezu gleichförmigen Einheitszähnen, beispielsweise viele Zahnwale.
Schon ganz früh in der individuellen Entwicklung fangen aus der Zahnleiste so genannte Schmelzglocken an zu knospen. Beim Mensch geschieht das beim zwei Monate alten Embryo. Rund drei Monate später wird im embryonalen Kiefer mit der Anlage der bleibenden Zähne begonnen. Einer der Gründe, warum Baby-Eisbären unwiderstehlich niedlich sind, ist wohl das noch fehlende Gebiss. Was war der Knut doch knuffig, als sein unbezahntes Bärengesicht vom Bildschirm strahlte. Spätestens in dem Moment, als die Raubtierzähne in Knutchens Maul blitzten, zog das Kindchenschema bei mir jedenfalls nicht mehr.
Seit ungefähr 100 Millionen Jahren beißen sich die höheren Säugetiere durchs Leben, anfangs mit 44 Zähnen. Inzwischen ist die Gebiss-Vielfalt unter den Fellträgern ebenso groß wie deren Lebensräume und -gewohnheiten. Von Natur aus nachträglich zahnlos gewordene Arten wie die Ameisenbären kreuchen ebenso durch die Wildnis wie Säugetiere mit mehr als 200 Zähnen im Maul, wie einige Delfinarten. Ein Vertreter der Nagetiere, der Biber, kann mit wurzellosen Schneidezähnen auftrumpfen, die bis zu 1,2 Meter im Jahr nachwachsen sollen. Natürlich nutzt der Burgenbauer seine Werkzeuge, die nur an der Vorderseite mit Schmelz bedeckt sind, normalerweise bei seinen Rodungsarbeiten ab.
„Die Bezahnung der einzelnen Säugetiere ist ihrer Lebensweise aufs genaueste angepasst“, schreibt das zoologische Lehrbuch „Kükenthal“. Kein Wunder also, dass in der Ordnung der Raubtiere viele Tierarten einen mit Fangzähnen das Gruseln lehren können. Dabei handelt es sich um die Eckzähne, die zum Beispiel bei Tigern und Löwen beeindruckend vergrößert sein können. Als weiteren Gruselfaktor besitzen die räuberischen Carnivoren Reißzähne in jeder Kieferhälfte, die zum Zerstören der Beuteknochen dienen. Katzen und Hundebesitzer können das Raubtiergebiss am gähnenden Exemplar ganz prima bewundern. Wer daheim lieber seine Kaninchen hegt, der kümmert sich ja ohne Frage ebenfalls um ein Säugetier aber, nebenbei bemerkt, nicht um einen Vertreter der Nagetiere, sondern um einen der Ordnung der Hasenartigen. Allerdings mit einer ganz anderen Zahnformel, in der die Zahnart und -häufigkeit je Kieferquadrant beschrieben wird. Insgesamt vier „Nagezähne“ geben den Fellknäueln ihr typisches Aussehen. Im Oberkiefer steht dem „Nagezahn“ jeweils ein kleiner Stiftzahn zur Seite. Alle Zähne der Kaninchen sind wurzellos und wachsen zeitlebens. Bei manchen Hoppelhäschen muss der Tierarzt regelmäßig die Zähne stutzen, denn wie beim Menschen kann es auch bei Tieren zu erworbenen oder angeborenen Zahnproblemen kommen. Bei Meerschweinchenartigen, die zu den Nagetieren gehören, sollte der Besitzer aus dem selben Grund ebenfalls die Zähne der kleinen Schützlinge ab und an unter die Lupe nehmen.
Stoßzähne sind ebenfalls wurzellose, ständig wachsende, herausragende Exemplare des Säugergebisses. Elefanten und Narwale tragen beispielsweise derart beachtliche Zähne im Gesicht. Lange Zeit lag der Sinn und Zweck des gewundenen bis zu drei Meter langen Narwal-Schneidezahnes im Dunkeln. Mittlerweile gehen einige Wissenschaftler davon aus, dass der mit Millionen von Nervenenden kommunizierende Zahn als Sensor für Umweltbedingungen dient.
Der Mensch beißt und kaut in seinen jungen Jahren mit 20 Milchzähnen, die von 32 bleibenden Zähnen ersetzt werden. Rund 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen werden laut der Uniklinik Düsseldorf in Deutschland kieferorthopädisch behandelt, wobei Umwelteinflüsse und Erbanlagen je zur Hälfte als Ursache für die Anomalien gelten. Egal, wie gut oder schlecht es Mutter Natur mit unseren Zähnen gemeint hat. Wichtig ist natürlich eine gesunde Ernährung und die regelmäßige Pflege. Denn weh tun die Löcher in den Zähnen allemal, auch wenn sich die Experten noch nicht einig sind, wie das überhaupt funktioniert. Es wird vermutet, dass die Reizleitung im harten Zahnbein über flüssigkeitsgefüllte Dentinkanälchen vor sich geht. Apropos Zahnschmerz: An dieser Stelle nochmal ein herzliches „Hallo!“ – in Speichelsaugersprache „ööörch“ – an meinen netten Zahnarzt in Ensingen. Ein wenig Honig um den Bart schmieren ist jetzt angebracht, denn der alljährliche Kontrolltermin steht an.
Der Zahn der Zeit nagt nun mal überall, da hilft auch das Zähne zusammenbeißen nicht. Also legen wir einen Zahn zu und denken beim Dentisten an das Zitat des Kabarettisten Werner Finck: „Lächeln ist die eleganteste Art, einem Gegner die Zähne zu zeigen.“
Sabine Rücker
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