Freitag, 10. September 2010

KW 29 – Alte Heilpflanze Mädesüß


Liebt feuchte Füße: das Mädesüß. Foto: Rücker
Liebt feuchte Füße: das Mädesüß. Foto: Rücker

Liebe Leser,
heute geht’s um eine Pflanze, die trotz ihrer beachtlichen Größe kaum auffällt. Immerhin bis zu zwei Meter hoch wird das Echte Mädesüß, das sich mit cremefarbenen kleinen Blüten in Zurückhaltung übt. Dem tagträumenden Spaziergänger wird das Kraut daher nicht unbedingt ins Auge springen. Dabei handelt es sich um eine altbekannte Heilpflanze, die schon von keltischen Druiden geschätzt wurde.
Wer sein Riechorgan in die mit kleinen Blüten übersäten Trugdolden von Filipendula ulmaria steckt, der kann dem Zusatz „süß“ im deutschen Pflanzennamen unterstreichen: der Duft ist lieblich und schwer. Der Namen Mädesüß rührt indes nicht von niedlichen Mädels, sondern vermutlich vom Einsatz des Krautes bei der Herstellung alkoholischer Getränke her, nämlich dem Süßen und Aromatisieren von Wein und Met. Möglicherweise spielte der Vertreter der Familie der Rosengewächse auch eine Rolle beim Bierbrauen.
 Dass Wissenschaft nicht immer knochentrocken sein muss, bewiesen im letzten Jahr zwei irische Archäologen. Billy Quinn und Declan Moore wollten das Rätsel tausender flacher Erdhügel aus der Bronzezeit, die in Irland aus dem Boden ragen, lösen. Wie spiegel online meldet sind rund 4500 dieser Erdhügel auf der grünen Insel bekannt, die meisten von ihnen stammen aus der Zeit von 1500 bis 500 v. Chr. Thesen zum Sinn und Zweck der mysteriösen Anhöhen gibt es genug: In den grasbedeckten Hügeln, die eine Grube oder einen Trog in der Mitte haben, soll mit Hilfe von Steinen Fleisch gekocht worden sein, so eine Theorie. Andere behaupten, dass in den kleinen Pools gebadet oder gefärbt, geschmiedet und gegerbt wurde. Quinn und Moore tendierten zum Vorschlag, dass darin Bier gebraut wurde. In einem selbst gebastelten Erdhügel in Quinns Garten brachten die beiden Archäologen Wasser mit Gerste zum Sieden. Mädesüß fügten sie in Mullsäckchen als Geschmacksverstärker dazu. Hefe wurde zugesetzt und nach drei Tagen ergoss sich das Gebräu in die Kehlen durstiger Partygäste. „Die Leute tranken das Bier gleich literweise“, staunten die Jungbrauer. Wenn sie nicht gerade Bier brauen, graben sie Knochen aus, was „ziemlich langweilig“ ist, wie Quinn einräumt.
Mädesüß hat es in alter Zeit auch in die Gemächer des Adels geschafft. So soll das Schlafzimmer von Königin Elisabeth I. von England mit Mädesüß ausgestreut worden sein. Nicht nur Blaublütige legten die Blütenstände mit dem schweren Duft in ihren Stuben aus. Auch das normale Fußvolk schätzte süßliche Duftschwaden. Sobald die Pflanzen vertrocknet waren, kehrte man sie aus. Der Geruch blieb den Bewohnern erhalten.
Bienen scheinen der Duftnote ebenfalls zu verfallen. Imker reiben bisweilen Bienenstöcke mit dem Kraut aus, damit ihre Immen sich noch wohler in ihrer Behausung fühlen und gesund bleiben. Denn Filipendula ulmaria enthält unter anderem in den Blütenknospen Salizylsäure, einen Ausgangsstoff der Aspirin-Tablette. Die mehrjährige Staude ist eine Art Schlaraffenland für Insekten, bietet sie doch jede Menge Pollen. Besonders wohl fühlt sich die Pflanze auf nassen Standorten und ist dort gerne mit dem Echten Baldrian vergesellschaftet. In Sachen Verbreitung hat das Kraut einige Strategien entwickelt. Die kleinen Samen, Nussfrüchte, können vom Wind verstreut werden, bleiben aber auch im Fell von Tieren gerne hängen. Durch den hohen Luftanteil in der Frucht sind die Verbreitungseinheiten zudem schwimmfähig und lassen sich per Seefracht an neue Orte verdriften.
Den Druiden soll die Pflanze heilig gewesen sein. Gemeinsam mit der Mistel, der Wasserminze und dem Eisenkraut gehörte sie zu den wichtigsten Druidenkräutern.
Auch heute noch werden die Blätter als Soforthilfe bei Stich- oder Schnittwunden gepriesen, „man kann die Pflanze einfach am Wegesrand pflücken und die betroffenen Stellen mit den zerquetschten Blättern einreiben“, rät das Bayerische Fernsehen.
Die kleine Schwester des Rosengewächses, das Kleine Mädesüß, Filipendula vulgaris, fühlt sich neben nassen auch auf gelegentlich trocken fallenden Standorten wohl. Es unterscheidet sich von der größeren Art unter anderem durch die Wuchshöhe von „nur“ 60 Zentimetern und dadurch, dass es seltener ist. Diverse Formen der Spiersträucher kann der Hobby-Gärtner unter der Bezeichnung Scheinspiere im Fachhandel erstehen und sich in seinem Garten dann darüber freuen. Besondere Freude macht der Mensch mit dem grünen Daumen dabei Insekten, vor allem einigen Schmetterlingsarten. Beim Echten Mädesüß jubilieren Raupen, die sich von dem Kraut ernähren. Darunter der prominente Kaisermantel, der Zimtbär und der Mädesüß-Perlmuttfalter.
An Trivialnamen mangelt es der Staude mit der Blütezeit von Juni bis August nicht. Von der Mahdsüße, dem süßen Duft des Mähgutes, kann Mädesüß noch abgeleitet werden. Andernorts ist von der Wiesenkönigin oder vom Federbusch die Rede. Mein persönlicher Favorit bezieht sich auf die heilende Wirkung bei Durchfallerkrankungen. Deshalb heißt die Pflanze in einigen Regionen „Stopparsch“.
Sabine Rücker
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1999


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