Freitag, 10. Februar 2012

KW 27 – Sperber flitzt durch die Kernstadt


Wie gemalt: das Sperbermännchen. Foto: Warner
Wie gemalt: das Sperbermännchen. Foto: Warner

Liebe Leser,
wow! Mehr braucht man zu dem Bild unten eigentlich fast nicht sagen. Ralf Warner aus Vaihingen gelang der Super-Schnappschuss des Greifvogels – und zwar keineswegs in einer Greifvogelwarte, sondern mitten in Vaihingen. Das Tier ließ sich auf dem Balkongeländer in der Kernstadt nieder. Ein Sperbermännchen, vermutet Warner. Was zu überprüfen wäre. Aber: Was treibt der Vogel eigentlich in den Häuserschluchten Vaihingens?
Neulich, bei der Familienfeier: Ein Gast zückt ein Bild. Das habe er vor wenigen Wochen geschossen. Sei wohl ein Sperber, der auf seinem Balkongeländer in Vaihingen sitzt, vermutet Hobby-Fotograf Ralf Warner aus Vaihingen. Natürlich wird der Ärmste gleich bequatscht. Das Foto darf den VKZ-Lesern auf keinen Fall vorenthalten werden. Nun bleibt allerdings die Frage zu klären, um welches Tier es sich handelt. Greifvögel sind nicht einfach zu bestimmen – vor allem in freier Natur und hoch am Himmel. Doch der Warner’sche Greif ist ausgesprochen gut abgelichtet und lässt einige Merkmale erkennen. Für ein Sperbermännchen sprechen in der Tat einige Gründe. Zunächst einmal die Größe. Beim Sperber, Accipiter nisus, erreichen die Männchen eine Körperlänge von 29 bis 34 Zentimeter, von der Schnabel- bis zur Schwanzspitze, sie sind kleiner als die Weibchen. Die Größenangabe entspricht dem, was der Vaihinger Fotograf seinem Fotomodell zugesteht.
 Die Größe würde passen, was fällt noch auf? Die Augen, die „Storchenfüße“ und die Gefiederzeichnung. Also: Der Vogel auf dem Bild hat eine gelb-orange-farbene Iris. Das haben einige Greifvögel. Viele von ihnen kommen natürlicherweise aber gar nicht in Deutschland vor. Der Sperber schon. Bei anderen passen andere Merkmale nicht. Beispielsweise beim Habicht, der unter gewissen Umständen dem Sperber sehr ähnlich ist. Äußerst verwechslungsträchtig sind zum Beispiel das Sperberweibchen mit dem Habichtmännchen. Wobei diese beiden, im Gegensatz zu unserem Exemplar, eine grau-weiße, quer verlaufende Brustzeichnung zeigen und um einiges größer sind. Außerdem hat der Habicht laut Kosmos Vogelführer „breite Hüften“. Der Bursche auf dem Geländer ist dagegen eher schmächtig gebaut. Die Wangen und die Brust sind rostrot gebändert, wie sich das für ein Sperbermännchen gehört. Allerdings, schränkt das Bestimmungsbuch ein, können die Farben bei den Geschlechtern mitunter variieren, so dass das Weibchen rötlich und das Männchen graubraun sein kann. Sehr verwirrend, diese Vogelwelt. Ein weiteres Indiz: „Aufrecht stehend zu bestimmen an vergleichsweise kleinem Schnabel, dünnen Beinen und schlankem Hinterkörper“, so das Kosmos-Bestimmungswerk. Passt doch!
Nun gut, als weiteres Pro-Sperber-Argument sei erwähnt, dass zwar sowohl Habicht als auch Sperber ausgesprochene Waldliebhaber sind, dass sich aber vor allem, beziehungsweise ausschließlich, der Sperber in menschliche Siedlungen wagt. Internetenzyklopädie Wikipedia: „In den letzten Jahrzehnten zeigt auch diese Greifvogelart eine starke Tendenz zur Verstädterung und bewohnt nun auch Parks, Friedhöfe und ähnliche Grünanlagen in vielen Städten Europas.“
 Zur Untermauerung der Sperber-These: Das gefiederte Fotomodell wurde von den Anwohnern bei einer dramatischen Jagd beobachtet. Der Greifvogel wollte sich einen Spatz packen, der zwischen Gießkannen herumlungerte. Dazu sind knackige Flugmanöver nötig. Das ist genau sein Ding. Sperber sind wendige Jäger, die vornehmlich kleineren Vögeln nachstellen. Dazu flitzt der Greif gerne blitzartig aus seiner Deckung, manchmal rasen die Jäger im Verfolgungsflug sogar durch Futterhäuschen. Beute werden in aller Regel Vertreter der Vogelart, die am häufigsten vorhanden ist. Die Opfer werden mit den langen Krallen der Fänge (Füße) getötet.
Wer ein Sperbernest sucht, sollte sich am am Boden umsehen. Dort liegen die Federn der gerupften Beutetiere verstreut am Boden, was offensichtlicher ist als das Nest im unteren Bereich der Baumkrone. Ab März beginnt das Sperberpärchen mit dem Nestbau. Nach der Paarung legt das Weibchen vier bis sechs Eier. Die Brutdauer beträgt bis zu fünf Wochen. Für das Männchen eine harte Zeit, in der es seine Partnerin und anschließend die Jungen mit Futter versorgt. Hierzu übergibt der Sperber-Mann die Beute an jenem Übergabe- bzw. Rupfplatz.
Dabei, und das ist doch irgendwie drollig, sucht der gefährliche Jäger schnell wieder das Weite: „Männchen vermeiden möglichst den direkten Kontakt mit dem viel größeren Weibchen, meist verlässt das Männchen die Übergabestelle unmittelbar bevor das Weibchen dort auf der Beute landet“, steht in Wikipedia. Wenn die Kleinen gewachsen sind, haben beide Eltern Mühe, deren Hunger zu stillen. Immerhin vertilgt ein Jungtier pro Tag Futter, das zwei bis drei Spatzen entspricht.
Nach rund 30 Tagen verlassen die Jungvögel das Nest. Nicht selten, um selber Beute zu werden. Habicht, Marder und Waldkauz lassen sich ein Sperberhäppchen nicht entgehen. Richtig gefährlich wurde dem kleinen Greifvogel aus der Familie der Habichtartigen allerdings der Mensch. Mitte der 50er Jahre wurde der Bestand durch die Auswirkungen des Pflanzenschutzmittels DDT dezimiert. Mittlerweile ist das Pestizid verboten und die Population hat sich erholt. Der älteste bekannte Ringvogel erreichte ein Lebensalter von 16 Jahren. Insgesamt gilt die Art in Mitteleuropa heute als nicht mehr gefährdet. Als Teilzieher verbringt ein Teil der Vögel den Winter bei uns, andere verabschieden sich kurzzeitig gen Süden. Falls sich bei der nächsten Winterfütterung ein Sperber unter die niedlichen Singvögelchen mischt, geraten Sie nicht in Panik. Letztendlich haben Sie ja einen prächtigen Vogel dazugewonnen.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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