Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 26 – Von Baldrian und bösen Elfen


Gehört zu unseren ältesten Heilpflanzen: der Baldrian. Foto: Rücker
Gehört zu unseren ältesten Heilpflanzen: der Baldrian. Foto: Rücker

Liebe Leser,
das menschliche Bewusstsein ist etwas ganz Besonderes. Manche Dinge blendet es, aus unerfindlichen Gründen, einfach aus. Seien es Verkehrszeichen, Mitmenschen oder Pflanzen. So kann es passieren, dass Stoppschilder übersehen werden oder auch Blumen am Wegesrand. Wenn man Glück hat, geht einem irgendwann ein Licht auf. Viele Jahre hat es beispielsweise gedauert, bis ich erkannt habe: Die große Blume am Wegrain ist ein Baldrian.

Er ist in keinster Weise ein Mauerblümchen, das einfach übersehen werden könnte: Der Baldrian wird immerhin fast zwei Meter hoch. Auf nahezu jedem feuchten Fleckchen Erde reckt die Staude seit wenigen Wochen ihre Blüten in die Höhe. Bei „ Baldrian“ denken die meisten von uns nicht an Botanik, sondern an Medizin. Und tatsächlich zählt der Echte Baldrian, Valeriana officinalis, zu unseren ältesten bekannten Heilpflanzen.
Schon in der Antike verabreichten Griechen und Römer ihren Kranken einen Baldrianvertreter namens Phu. Die antiken Gelehrten sprachen der Pflanze Heilkräfte bei Brustbeschwerden, Menstruationsproblemen und zur Unterstützung des Harndranges zu, schreibt die Forschergruppe Klostermedizin der Universität Würzburg. Einige Jahrhunderte später, so die Klosterforscher, wandelt sich der Umgang mit dem Gewächs. Einerseits bürgert sich die wissenschaftliche Bezeichnung Valeriana officinalis für unseren heutigen Echten Baldrian ein. Außerdem kommen weitere Anwendungsgebiete hinzu, die vor allem den Verdauungsapparat betreffen. Im 16. Jahrhundert avanciert die Heilpflanze zum Pestmittel. Insgesamt, fassen die Kloster-Forscher der Uni Würzburg zusammen, gilt der Echte Baldrian am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit „nahezu als Allheilmittel des kleinen Mannes“. Wohlhabendere Kranke dagegen kurieren sich mit dem so genannten Theriak von allerlei Leiden. Diese Universalmedizin enthielt 60 bis 80 Substanzen, darunter Opium, Schlangenfleisch, Gewürze, allerlei weitere pflanzliche Drogen und Baldrian. Mitunter wurde das Kraut sogar garstigen Eheleuten empfohlen, um das Miteinander zu verbessern. Modernen Menschen ist der Baldrian vor allem als Beruhigungsmittel und Einschlafhilfe ein Begriff, wozu er sich erst im 18. Jahrhundert etabliert hat.
Die botanische Gattung Valeriana mit ihren rund 200 Arten gehört einer Familie an, in der sich auch eine Pflanze von kulinarischem Interesse tummelt: Zur Familie der Valerianaceae, der Baldriangewächse, gehört beispielsweise unser allseits beliebter Feldsalat, Valerianella locusta, der auch als Wildpflanze in Deutschland wurzelt. Der Großteil der Pflanzenfamilie bevorzugt gemäßigte Zonen der Nordhemisphäre. Zur Gattung Baldrian gehört unter anderem das Pflänzchen Echter Speik, das einer Seife ihren Namen gab.
Der Baldrian am Wegesrand ist eine krautige, mehrjährige Pflanze. Sie übersteht die kalte Jahreszeit mit Hilfe der im Boden liegenden Rhizome. Die kleinen, hellrosa Blüten der Blütenstände, die sich den Sommer über zeigen, verströmen einen eigenartigen Geruch. Die Nase empfängt eine Mischung aus süßem Blumenduft mit einer leichten Urinnote im Abgang, sozusagen. Unter Zweibeinern herrscht daher Uneinigkeit, ob die Blume eher riecht oder stinkt. Katzen finden das Kraut dagegen toll und werden in seiner Nähe nahezu ekstatisch. Wer den Baldrian medizinisch nutzen möchte, sollte auf gekaufte Produkte zurückgreifen, da sich in Feld und Wiese etliche Unterarten tummeln. Deren Zusammensetzung der Wirkstoffe kann variieren, daher sind Pflanzen aus Kulturen vorzuziehen.
Für Schlaflose und Nervöse verheißen Extrakte der unterirdischen Pflanzenteile Abhilfe. Eine Vielzahl an Inhaltsstoffen schlummert in diesen Organen. Die Extrakte sollen in erster Linie mit Neurorezeptoren interagieren, die hemmend auf das zentrale Nervensystem wirken. Nervosität und innere Unruhe sollen sich daher durch das Phytopharmaka bekämpfen lassen. Während im Heilpflanzenlexikon von Focus online steht, dass „die genaue medizinische Wirkung von Baldrian wissenschaftlich noch nicht belegt ist. Nur die Erfahrung zeigt: Die in Baldrian vorhandenen Valepotriate, Valerensäuren, Alkaloide und ätherische Öle beruhigen, lösen Krämpfe, fördern die Verdauung, stillen Schmerzen und senken den Blutdruck“, liest sich das beim Komitee Forschung Naturmedizin ganz anders: „Mittlerweile liegen die Ergebnisse von mehreren kontrollierten klinischen Studien aus den letzten Jahren vor, die Extrakten aus der Baldrianwurzel nicht nur eine therapeutische Wirksamkeit bescheinigen, sondern ihnen auch als eine praktisch nebenwirkungsfreie Alternative zu den synthetischen Präparaten erscheinen lassen.“
 Für die aufgeklärte Volksseele eher amüsant liest sich, dass – dem Volksglauben nach – Baldrian den Teufel, böse Geister und Hexen fernhalten kann. Getreu dem Sprichwort „Baldrian, Dost und Dill, kann die Hex' nicht wie sie will“, wurde noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts Kühen nach dem Kalben ein Sud aus diesen Pflanzen verabreicht. Wer den ultimativen Hexentest in seiner Wohnung haben möchte, der sollte sich einen Baldrianzweig ins Zimmer hängen. Wenn eine Frau eintritt, und die Pflanze sich bewegt, dann ist das weibliche Wesen ganz klar eine Hexe. Rein physikalisch betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass der Zweig wackelt. Wodurch theoretisch ein Großteil der weiblichen Bevölkerung als Hexe identifiziert werden könnte. Dies wiederum würde die Brautschau ganz erheblich erschweren. Wer dann unter den Herren tatsächlich noch eine redliche Frau fände, der sollte am Hochzeitstage Baldrianblätter in seiner Rocktasche tragen, so die Volksweisheit aus vergangener Zeit weiter. „Um zu verhindern, dass die Elfen den Bräutigam mit Impotenz schlagen“, zitieren die Würzburger Klostermedizin-Forscher.
 Hier wittert der zivilisierte Mann seine Chance, um diverse Dinge zu erklären: „Schatz, tut mir leid, aber ich hatte meine Baldrianblätter nicht bei mir.“ Typisch! Geht bei Männern mal was schief, waren es die bösen Elfen!
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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