KW 25 – Bläulinge und Experten auf Roter Liste
Liebe Leser,
einer meiner ausgesprochenen Lieblinge hat es zum Schmetterling des Jahres gebracht: der Argusbläuling. Sie erinnern sich vielleicht von einer früheren Phänomene-Folge her: Bläulinge – kleine elfenartige Wesen. Unschuldig flattern sie dahin, die meisten von ihnen in ihrem Bestand bedroht. Und auch um die Zunft der Spezialisten, die sich mit schwierigen Organismengruppen wie den Bläulingen auskennen, ist es nicht gut bestellt.
Bläulinge gelten als relativ harter Brocken – zumindest, was die Bestimmung der Arten angeht. Denn einige der 40 mitteleuropäischen Arten sehen sich verteufelt ähnlich. Der diesjährige Schmetterling des Jahres, der Argusbläuling, Plebeius argus, ist ein ausgesprochen hübsches Wesen. Die Männchen erscheinen frisch geschlüpft in einem knalligen Blau, die Flügeloberseite der Weibchen schimmert in einem gedeckten Braun. Auf der Unterseite der Flügel blinken bei beiden Geschlechtern neckische Silberflecken auf. Wer sich allerdings sicher sein möchte, welche Schmetterlingsart er vor sich hat, hat beim Anblick der Silberflecken noch nicht gesiegt. Denn noch zwei weitere Bläulingsarten schmücken sich mit den reflektierenden Punkten. Im Bestimmungsbuch „Die Tagfalter Deutschlands“ wird bei Unsicherheit die „Anfertigung eines Genitalpräparates“ empfohlen.
Wer unter Biologen als furchtbar verstaubt gelten will, der befasst sich am besten mit solch Fitzelkram: Genitalien präparieren, Pflanzen herbarisieren, Wimpern, Beine und Borsten zählen. Es sind die Biosystematiker, die sich vor allem der Bestimmung und Benennung von Lebewesen widmen. Böse Zungen betiteln sie als Borsten- und Beinchenzähler. Denn häufig muss dieser Feld-Wald-Wiesen-Biologe seine Funde mit Vergrößerungshilfen beäugen. Und dann mitunter eben Beinchen und Borsten zählen, um eine Tierart von der anderen unterscheiden zu können. Jedenfalls konnte – bis vor kurzem jedenfalls – nahezu nichts als hinterwäldlerischer gelten, als ein solcher Systematiker. Begehrt und angesehen waren und sind dagegen Experten der Molekularbiologie, Mikrobiologie und Gentechniker. Der Wanzenspezialist oder Wurmjäger, der Weichtierexperte und Käfersammler wurde allenfalls als ebenfalls aussterbende Art wahrgenommen und milde belächelt.
Doch das böse Erwachen ließ nicht allzu lange auf sich warten. Die Disziplin der Taxonomie, diese Lehre der Einordnung der Organismen ins System, sei an deutschen Universitäten systematisch ausgeblutet worden, schreibt Matthias Glaubrecht, Biosystematiker und Evolutionsbiologe, in der „Zeit online“ 2007. „Taxonomische Kenntnisse fehlen inzwischen bei Lehrenden wie Lernenden der Biologie“, so Glaubrecht weiter. Dabei sei „auch die wirtschaftliche Bedeutung einer Bestimmung der Arten nicht zu unterschätzen, sei es bei invasiven Arten, die Millionenschäden verursachen, oder bei der Nutzung von Substanzen aus Lebewesen“. Aktuell zeigt sich der Bedarf an Spezialisten unter anderem durch das rätselhafte Auftreten einer riesigen Weberknechtart. Die Tiere mit einer Beinspannweite von bis zu 18 Zentimetern, rotten sich teilweise zu Hunderten zusammen und tauchten auch schon in Deutschland auf. Bis jetzt weiß keiner, um welche Tierart es sich handelt und woher sie kommen könnte. Weberknechtspezialisten sind rar. Die beruhigende Nachricht: Weberknechte sind generell ungiftig und völlig ungefährlich.
Spätestens seit die Staatengemeinschaft regelmäßig über den Schwund der Artenvielfalt philosophiert, wandelt sich das Bewusstsein langsam. Denn genau diese Artenvielfalt muss durch Spezialisten zunächst einmal erfasst werden. Die Bestandsaufnahme der Lebewesen unserer Erde birgt aber noch jede Menge Geheimnisse. Bis zu 100 Millionen Tierarten werden auf unserem Globus vermutet. Beschrieben sind seither dagegen nur an die 1,8 Millionen Tierarten.
Seit kurzem wird sogar in Heller und Pfennig errechnet, was uns der Verlust von Arten und Lebewelten kosten würde. Das Vorhaben, die volkswirtschaftlichen Kosten, den Verluste der biologischen Vielfalt nach sich ziehen, weltweit zu ermitteln, ist ein Ergebnis des Treffens der G8+5 Umweltminister in Potsdam im letzten Jahr.
Die Zwischenergebnisse stellte Projektleiter Pavan Sukhdev auf der Bonner Uno-Konferenz zum Schutz der Artenvielfalt vor. Demnach dürfte bei ungebremster Entwaldung das Bruttoinlandsprodukt bis 2050 weltweit um sechs Prozent niedriger ausfallen als bei einem Erhalt der Wälder - das entspräche zwei Billionen Euro, berichtet Spiegel Online. Auch das Geo-Magazin recherchierte in seiner Ausgabe vom Mai den „ökonomischen Wert einiger Tier- und Pflanzenarten“.
So hat ein „Forscherteam der Cornell University den Bienenbeitrag zur amerikanischen Obst- und Gemüseproduktion vom Apfel bis zur Zuckerrübe“ mit einem Betrag von 2,5 Milliarden Euro beziffert. Wieviel der Argusbläuling in Euro und Cent wert ist, steht meines Wissens noch nicht fest. Wer den kleinen Kerl mit der Flügelspannweite von rund 20 Millimetern kennt, der schätzt ihn auch ohne knallharte Fakten und Zahlen. Zum Schmetterling des Jahres wurde er gekürt, „weil er auf bedrohte und seltener werdende Heidelandschaften, Hochmoore und Magerrasen angewiesen ist. Der auch Geißklee-Bläuling genannte Falter gilt nach der Roten Liste in Deutschland als gefährdet“, schreibt der Naturschutzbund Deutschland. Um den Argusbläuling dauerhaft zu erhalten, übernehmen Landschaftspfleger und Naturschützer oft die frühere Rolle der Bauern. Sie mähen und entfernen den Gehölzaufwuchs und sorgen für Beweidung sowie für offene Bodenstellen. Die Raupen des Bläulings suchen sich ihre Helfer selbst. Sie lassen sich von Ameisen beschützen und pressen zu deren Belohnung eine zuckerhaltige Lösung aus ihrem Körper. Ab Anfang Juni lässt sich der Schmetterling in seinem Lebensraum blicken. Bei optimalem Flugwetter schwingt er sich nach einer Nacht in hoher Vegetation, umringt von Artgenossen, in die warme Luft.
Die Bemühungen um die Erhaltung der kleinen Falter lassen hoffen. Und auch dem Schwund der Spezialisten soll ein Riegel vorgeschoben werden: Zehn Stiftungsprofessuren sollen das Aussterben der heimischen Taxonomen verhindern. Noch gibt’s für die Beinchen- und Borstenzähler genug zu entdecken.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999
