KW 24 – Bachstelze rettet Schwimmer vor Erschöpfung
Liebe Leser,
Dramen begleiten unser Leben. Seien es Tränen in einer Casting Show oder verpatzte Torchancen bei der Fußball-EM. Die echten Dramen spielen sich oft unmittelbar vor unserer Nase ab. Manchmal direkt am Beckenrand des Freibads unter unseren gefiederten Freunden.
Der Schwimmer ist ein eigentümliches Wesen. Sofern es sich um einen ernsthaften Schwimmer handelt, zieht er alleine und inbrünstig seine Bahnen. Auch ich bewege mich gerne im Wasser. Schon jahrzehntelang, mehr schlecht als recht und immer heftig japsend. Da kommt mir eine Ablenkung jederzeit gelegen. Mal sind es über dem Becken kreisende Greifvögel – nein, keine Geier –, die ich bewundern kann und dabei ganz unauffällig wieder Kraft schöpfe. Dieses Jahr fehlt im Stimmengewirr des Enztalbads zwar die Nachtigall, dafür positionierten sich andere Vögelchen: die Bachstelzen. Wie zu vernehmen war, haben sich doch einige zweibeinige Wasserratten über den Singvogel mit dem überdimensionierten Schwanz gefreut. Offensichtlich hatte sich nämlich ein Pärchen der flinken Tiere einen ganz besonderen Nistplatz ausgesucht. In einem großen Pflanzgefäß am Beckenrand, mitten im Tohuwabohu des Badebetriebs, steuerten die beiden Altvögel abwechselnd ihre Jungen an. Ach Gott, was sind die Vögelchen doch putzig. Bis auf wenige Zentimeter kann man sich ihnen nähern, indem man volle Konzentration auf die sportliche Betätigung vortäuscht. Beispielsweise wenn Papa Bachstelze auf dem Draht, der das Nichtschwimmerbecken markiert, sitzt und glotzt. Der Hobby-Ornithologe schwimmt unaufgeregt heran. Oberstes Gebot bei diesen Observierungsmaßnahmen ist, einen völlig desinteressierten Eindruck zu machen. Sobald der Vogel spitzkriegt, dass er beobachtet wird, startet er durch. Also, langsam gleitend unter der Bachstelze durchschwimmen und dabei allerhöchstens aus den Augenwinkeln schielen. Wunderhübsch!
Jedenfalls haben dem Vernehmen nach einige Badegäste ihre Freude an den emsigen Eltern – gehabt. Denn letzten Sonntag, so der Mann aus dem Aufsichtsturm, soll eine Elster einen Jungvogel nach dem anderen aus dem Pflanzkübel geschleppt haben. Das ist so gemein. Für die Nestlinge der Elsterneltern ist diese Nachricht natürlich gut. Sie konnten sich an Frischfleisch laben.
Die Bachstelze, wissenschaftlich Motacilla alba, ist ein rund 18 Zentimeter großer Vogel, der mit seinem schwarz-weiß-grauen Federkleid hübsch anzuschauen ist. Die Geschlechter unterscheiden sich nur minimal. Die Aussage „sucht die Nähe von Menschen und Wasser“ aus dem Kosmos-Bestimmungsbuch ist nicht übertrieben. Denn wer sich seinen Nistplatz am Beckenrand des Freibads einrichtet, muss hart im Nehmen sein. Da ich normalerweise bei schlechtem Wetter zum Schwimmen gehe, weiß ich nicht, wie die Stelzen ihre Kleinen bei Hochbetrieb versorgt haben. Die Bachstelze ist ein äußerst umtriebiges Vögelchen. Häufig verfällt es in ein eiliges Trippeln, das ältere Semester unter uns an den Komiker Charlie Chaplin erinnern mag. Stolziert sie langsam dahin, dann ist der wippende Schwanz ein gutes Erkennungsmerkmal. Die Bachstelze ist in ganz Europa verbreitet und ihr Bestand gilt als nicht gefährdet.
Obwohl ihr Name das vermuten lässt, ist sie nicht an Gewässer gebunden. Ihre Nahrung, die in der Hauptsache aus Insekten und anderen Arthropoden besteht, findet sie im offenen Kulturraum. Als Teilzieher verlässt ein Teil der Vögel Deutschland von Oktober bis März, um im Süden zu überwintern. Ein Teil der Population bleibt auch im Winter bei uns. Ihr Nest bauen die Halbhöhlenbrüter teils an abenteuerlichen Orten. So schreibt die Schweizerische Vogelwarte Sempach, dass „Ornithologen auch des öfteren Nester, die in Nestern von Vögeln anderer Arten angelegt wurden, etwa in einem besetzten Graureiherhorst, oder die sich in Eisenkonstruktionen von Brücken und Stauwehren oder gar in Baumaschinen, finden“. Da ist ein Pflanzgefäß im Freibad ja noch vergleichsweise harmlos.
Die Schweizer berichten weiter, dass die Vögel in der Brutzeit recht wehrhaft sind. Selbst große Greifvögel werden schimpfend verfolgt. Auch Fotografen, die das geplünderte Nest mit gebührendem Abstand suchen, werden mit Schimpftiraden bedacht. Ab April widmen die Tiere sich normalerweise der Balz und der Familiengründung. Um seine Liebste zu beeindrucken, jagt das Männchen dem Weibchen hinterher. Dann nimmt es eine Imponierstellung ein, bei der der Stelzenmann den Kopf und die Flügel hängen lässt, den Schwanz aber stolz nach oben reckt. Liebe Leserinnen, ich verkneife mir an dieser Stelle eine Anmerkung.
Das Weibchen baut sein Nest im Alleingang, und bebrütet anschließend fünf bis sechs Eier. Nach zwei Wochen schlüpfen die Nestlinge, die dann wiederum rund 14 Tage lang von beiden Elternteilen, wie der Badegast sehen konnte, versorgt werden. Ein Hoffnungsschimmer für die Vogelliebhaber aus dem Enztalbad: Häufig wird nach einer Zweit- sogar eine Drittbrut gewagt.
Wenn die Bachstelze nicht von Krankheit, Feinden oder einem Unfall dahingerafft wird, kann sie anscheinend ein Lebensalter von zehn Jahren erreichen. Mit ihren albernen Körperbewegungen, dem nickenden Kopf und dem wellenförmigen Flug scheint sie ein lebenslustiges, kleines Ding zu sein. Eines kann der Tausendsassa aber nicht sonderlich gut: singen. „Gesang meist wenig kunstvoll“, schreibt der Vogelführer. Als Lockruf entlässt der Schnabel allerhöchstens mal ein tsli-WITT oder zi-ze-Litt. Interessanterweise ist die Bachstelze eine der wenigen Vogelarten, auf die es ein besonderer Brutparasit verstärkt abgesehen hat: der Kuckuck. Der wird sich aber bestimmt nicht ins Freibad wagen.
Also, dass die Bachstelzen nicht sonderlich schön singen, können wir verschmerzen, oder? Hauptsache die drollige Stelze lädt nach wie vor zu einer ornithologisch verursachten Schwimmpause im Enztalbad ein.
Sabine Rücker
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