Freitag, 10. Februar 2012

KW 23 – Wilde Skorpionsfliegenmännchen


Spektakuläres Skorpionsfliegenmännchen. Foto: Rücker
Spektakuläres Skorpionsfliegenmännchen. Foto: Rücker

Liebe Leser,
böse Zungen nennen es Dummenglück. Ich behaupte, es war Vorsehung. Sozusagen aus Versehen kam mir ein außergewöhnliches Insekt vor die Linse – ein Skorpionsfliegenmännchen. Das Tierchen sieht fast kriminell aus und in gewisser Weise ist es das auch. Nur Menschen brauchen vor dem Wesen mit dem furchterregenden Hinterleibsanhang keine Angst haben.
Jetzt ganz langsam und nur nicht zu schnell bewegen. Mein kleiner Fotoapparat nähert sich dem Schmetterling auf der Blüte. Erstaunlich, das zarte Wesen bleibt sitzen. Und, hurra, daneben sitzt die Skorpionsfliege. Die wird auch gleich abgelichtet. Die Überraschung offenbart sich dann am Bildschirm: Mit seinen ausgeprägten Mundwerkzeugen macht sich der Fliegenmann an einem toten Insekt zu schaffen. Dem Betrachter dieser Szene drängen sich mindestens zwei Fragen auf: Was, um Himmels Willen, soll dieser „Skorpionsstachel“? Und: Hat der Verdächtige sein Mahl womöglich aus einem Spinnennetz geklaut?
Aber jetzt mal eins nach dem anderen. Die Skorpionsfliege mit dem beängstigenden Körperanhang ist an genau jenem als Männchen zu erkennen, denn der aufgekrümmte Hinterleib mit dem deutlich verdickten Genitalsegment, spielt bei der Paarung eine wichtige Rolle. Bei den Weibchen sitzt an dieser Stelle des Körpers eine unauffällige Legeröhre für die Eier.
Panik vor dem Männchen müssen höchstens die Weibchen haben. Denn stechen kann der Insektenmann mit dem namengebenden Körperteil nicht, aber „vergewaltigen“. Insgesamt können die Tiere aus Sicht des Zweibeiners wirklich als harmlos gelten, denn sie treten auch nicht als Pflanzen-Schädlinge hervor. Doch, wie gesagt, mit der gewaltigen Zange bringt das Männchen schon mal ein Weibchen in seine Gewalt.
Im allgemeinen becircen die Skorpionsfliegenmänner ihre Auserwählte aber sehr ausgiebig, denn: Die Weibchen dieser Insekten lassen sich umso lieber auf Sex ein, je mehr und besseres Futter ein Freier ihnen zu Füßen legt. Ein toter, ordentlicher Grashüpfer beispielsweise oder ein leckeres Speichelpaket sind der männlichen Attraktivität sehr zuträglich. Das Weibchen erliegt dem materiellen Charme und lässt sich von den Hinterleibszangen des Männchens packen. „Minderbemittelte Männchen hingegen zwingen Weibchen zum Sex. Wenn Menschenmänner zu Vergewaltigern werden, liegen laut Thornhill und seinem Co-Autor Craig Palmer oft ähnliche Lebensumstände vor – etwa niedriger Sozialstatus oder geringes Bestrafungsrisiko“, heißt es in einem Artikel der Zeitschrift „Der Spiegel“. In der Insektenwelt konnten die Forscher die „Verbrecher“ anscheinend leicht umerziehen: „Als Thornhill vergewaltigenden Skorpionsfliegen Hochzeitsgeschenke zusteckte, machten die sich gewaltlos an Weibchen heran. Wer Vergewaltigung unter Menschen ausrotten möchte, muss demnach sozioökonomische Ungleichheiten beseitigen. Das mag schwer sein“, so der Spiegel-Artikel weiter.
Jedenfalls hat der Vergewaltiger mit der Hinterleibszange einen immensen Nachteil: Seine Kopulationszeit ist kurz. Denn das Weibchen lässt die Herren genau so lange gewähren, wie sie etwas zu Beißen hat. Prof. Dr. Klaus Peter Sauer von der Universität Bonn hat sich mit den Vorlieben der Weibchen unserer heimischen Skorpionsfliege Panorpa vulgaris näher befasst. „So halten Köder in Form von Insekten, je größer, desto besser, Weibchen beim Paarungsakt bei Laune“, hat der Professor bei Experimenten herausgefunden. Der Insektenkundler weiter: „Als noch effizienter erweist sich aber Speichel, den Männchen während des Paarungsaktes produzieren und den Weibchen offerieren.“ Jetzt mal ehrlich, liebe Leserinnen. Gegen materielle Liebesbezeugungen haben wir ja auch nichts einzuwenden. Aber Speichelgeschenke? Die Skorpionsfliegenweibchen finden das toll. Je mehr Speichel fließt, umso länger dauert das Liebesspiel und umso mehr Spermien kann der Insektenmann in der Samentasche des Weibchens deponieren. Damit hat der großzügige Liebhaber seine Chancen auf viele Nachkommen erhöht. Denn die Dame seiner Wahl paart sich in kürzester Zeit mit bis zu neun Partnern.
Überhaupt wird die „Hochzeit“ bei den Skorpionsfliegen, die zur zoologischen Ordnung der Schnabelfliegen gehören, ausgiebig zelebriert. Angelockt wird das Weibchen durch Pheromone aus der Hinterleibsdrüse des Männchens. Immerhin acht Meter Reichweite sollen diese Duftstoffe haben.
Beim Vorspiel pirscht sich das Männchen zunächst mit winkenden Flügeln und zitterndem Hinterleib an die Auserwählte heran. Das klingt doch wiederum sehr putzig. Die Dame ziert sich zunächst und flüchtet, lässt sich unweit vom Ausgangsort aber wieder nieder, um das Männchen mit aufreizenden Bewegungen zu locken. Im besten Fall überzeugt der Freier die Unentschlossene mit oben genannten Präsenten, worauf es zur Paarung kommt. Und jetzt die Meldung des Tages: Geschlagene 20 Minuten kann das Pärchen beim Geschlechtsakt in V-Form aneinander hängen und diesen Vorgang sogar mehrmals wiederholen. Außerdem ist es nicht außergewöhnlich, dass das Weibchen sich während des Liebesspiels über die köstlichen Präsente hermacht. Wenige Tage nach der Kopulation legt die „Geschwängerte“ bis zu 20 Eier an verschiedenen Orten in die Erde ab. Nach der Entwicklung zum geflügelten Insekt geht der Kreislauf von vorne los.
Die Skorpionsfliegen sind in Mitteleuropa mit nur fünf Arten, allesamt aus der Gattung Panorpa, vertreten. Besonders häufig ist in Mitteleuropa die Gemeine Skorpionsfliege, Panorpa communis. Sie liebt im Sommer den Aufenthalt im Schatten und treibt sich daher häufig im Gehölz herum. Der Kopf der Tiere ist rüsselartig verlängert. An diesem Rostrum sitzen die kauend-beißenden Mundwerkzeuge der Insekten. Als Nahrung bevorzugen sie tote und verletzte Insekten, naschen aber auch mal Süßes in Form von Nektar oder Honigtau von Blattläusen.
Nun zum Rätsel mit der Spinnenbeute: Tatsächlich wird von einigen Arten berichtet, dass sie die Beute von Spinnen aus den Netzen mopsen. Anscheinend können sie sich mit Hilfe ihres Darmsaftes wieder selbst von den klebrigen Spinnfäden befreien. Wieso die Diebe nicht von den Spinnen attackiert werden, scheint noch ungeklärt.
Falls sich, liebe Leserinnen, Ihr Männchen einmal mit einem Speichelkügelchen nähern sollte, werden Sie bitte nicht hysterisch. Unterstellen Sie Ihrem Liebsten nicht schlechtes Benehmen, sondern nehmen Sie das Speichelpaket als Liebesbeweis an.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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