KW 22 – Die Tupfen in der Frühlingswiese
Liebe Leser,
sie sind frische Tupfen in unseren Frühlingswiesen: die Lichtnelken. Insbesondere die Rote und Weiße Lichtnelke tun sich jetzt im Landschaftsbild hervor. Gemeinsam peppen sie Wegränder und Grünland auf und sorgen für einen Hauch Eleganz in der heimischen Blütenwelt. Außerdem bringen sie vermeintliche Pflanzenkenner um den Verstand.
Da steht sie, die Weiße Lichtnelke. Wie hübsch und edel sie vom Wegesrand winkt, diese Krautige aus der Familie der Nelkengewächse. Ha, die erkenn’ ich doch im Vorbeispringen. Mein Begleiter, Hund Bruno, hat nämlich kein Gespür für die Schönheit der heimischen Flora und drängt in Richtung Futternapf. Und während ich so vorbeiwetze registriert das Großhirn: Da stimmt doch was nicht! Dort, wo Pollen sein sollte, quillt dunkles Puder aus der Blüte. Ein zweiter Blick wäre nicht schlecht, wird aber vom Vierbeiner vereitelt. So geht ein Spaziergang um den anderen ins Land. Husch, husch ist die Lichtnelke weg. Daheim wird aber recherchiert, ob es sich möglicherweise um eine besondere Art der Lichtnelken handelt. Eine, mit dunkel-violettem Pollen.
Das wäre nichts Ungewöhnliches. Beispielsweise können Imker anhand der Pollen, die ihre Bienen herumschleppen, sehen, an welchen Blüten sie sich aufhal-
ten. Diese Pollenfarben variieren zwar meist zwischen gelb und rötlich oder braun, doch es gibt auch bläulich-lila Versionen, beispielsweise der Pollen des Weidenröschens. Folglich wird daheim nach einer Lichtnelkenart gestöbert, die dunklen Pollen produziert. Bestimmt eine ganz seltene Pflanze, oder sogar eine völlig neue Pflanzenart, frohlockt mein Unterbewusstsein. Die könnte dann wissenschaftlich Silene rückeri genannt werden, oder so ähnlich. Also wird gesucht und Seite um Seite im Internet geöffnet – ohne Erfolg. Auch die alten Bestimmungsbücher werden aus dem Regal gezerrt – ohne Erfolg. Die Verzweiflung ist groß: Welche Lichtnelke hat solchen Pollen? Antwort: Keine. Letztendlich brachte eine englische Seite im Internet die Auflösung meines ganz persönlichen botanischen Krimis. Der Täter ist entlarvt: Die Pflanze ist Opfer eines Parasiten. Es handelt sich um die ganz ordinäre Weiße Lichtnelke, wissenschaftlich Silene alba, die von einem Brandpilz befallen ist. Genauer gesagt handelt es sich um die männlichen Blüten der Pflanzenart, die unter dem so genannten Antherenbrand leiden. Bei der Weißen Lichtnelke sind männliche und weibliche Blüten auf verschiedene Individuen verteilt, die Pflanze ist somit zweihäusig, diözisch. Der Pilz aus der Gruppe der Basidiomyceten, der Ständerpilze, vereitelt die Pollenbildung. Das ist gemein und ungemein spannend. Dieser Schadpilz stiehlt den Nelken schon ein wenig die Show. Denn Brandpilze verursachen unter Kulturpflanzen einen nicht unerheblichen Schaden. Beispielsweise bringt der Maisbeulenbrand, Ustilago maydis, an seinem Opfer entstellende, schwarze Wucherungen zum Vorschein. Diese Beulen sind mit blau-schwarzen Pilzsporen gefüllt und sorgen beim Entlassen derselben für ein verbranntes Aussehen des Opfers, daher der deutsche Name Brandpilz. Der Parasit an den Nelkengewächsen ist mit ziemlicher Sicherheit der Brandpilz Ustilago violacea. Hurra, Rätsel gelöst.
Doch es gibt zum Glück an dem Standort auch noch gesunde Pflänzchen der behaarten Krautigen. Die Weiße Lichtnelke, auch Weißes Leimkraut genannt, soll ihre Blüten mit dem lieblichen Duft laut Literatur erst gegen Nachmittag öffnen. Die Auricher Exemplare halten sich aber nicht daran und breiten ihre Blüten schon am hellen Mittag aus. Der Geruch lockt Nachtfalter, die mit ihren langen Rüsseln den Nektar am Blütenboden erreichen und nebenbei für eine Bestäubung sorgen. Von Mai bis Oktober strahlt die bis zu 1,20 Meter hohe Blume auf Wegrändern, Äckern und Schuttplätzen. Den schmackhaften Nektar erreichen auf legitimem Weg nur die Schmetterlinge. Andere Insekten, beispielsweise Hummeln, bedienen sich hin und wieder der Brachialgewalt und beißen sich bis zum süß bedeckten Boden durch. Die bunte Schwester Rote Lichtnelke, auch Rotes Leimkraut oder wissenschaftlich Silene dioica genannt, lockt ebenfalls lange mit ihren knallrosa Blüten.
Von April bis Oktober setzt sie farbliche Akzente an feuchten, nährstoffreichen Standorten. Immer, wenn ich sie sehe, juckt es mich in den Fingern: Ach, was ist das Pflänzchen doch so hübsch, die würde sich ausgesprochen gut in einer Vase machen. Natürlich plagt den echten Naturfreund dann das schlechte Gewissen, schließlich zählt jede Wildblume als Futterpflanze und -spender. Andererseits fällt die Pracht vielleicht bald dem Mähbalken zum Opfer. Außerdem ist die Blume ja nicht gefährdet. Während ich so das Für und Wider des Abpflückens in meinem Geiste durchgehe, zieht der Hund weiter und wir sind vorbeigelatscht. Womit sich das Thema erst mal erledigt hat.
Die Gattung der Lichtnelken, auch Leimkräuter genannt, gehört zur Pflanzen-
familie der Nelkengewächse. Die Rote Lichtnelke sticht durch ihre rosafarbenen Blüten mit ausgeprägtem Kelch und vielen Haaren hervor. Die krautige, ein- bis mehrjährige Pflanze erreicht eine Größe von bis zu einem Meter, wodurch der Blumenfreund leichtes Spiel hat, sie zu erspähen. Sie ist ebenfalls zweihäusig und überlässt das Bestäuben auch in erster Linie Schmetterlingen – in diesem Fall Tagfaltern.
Die Wurzeln beider Pflanzenarten enthalten Saponine und wurden früher als Waschmittel benutzt. Die Samenkapseln öffnen sich bei Trockenheit und bleiben an Tieren hängen oder die Samen werden einfach durch den Wind herausgeschüttelt. Die Samen der Roten Lichtnelke wurde früher zerstoßen zur Behandlung von Schlangenbissen eingesetzt. Die Blüten können zu einer Essenz verarbeitet werden und dienen der Stärkung der Entschlusskraft. Ui! Wenn ich mich dazu entschließen könnte, ein paar Blüten abzuzupfen, dann könnte ich mir theoretisch eine solche Essenz brauen und mich leichter entscheiden. Der Ausweg aus dem Dilemma: Lichtnelken daheim aussäen. Dann kann ohne schlechtes Gewissen für die Vase gezupft werden.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (0702) 91999

