KW 21 – Auf geht’s zum Falterzählen
Liebe Leser,
soll ich mal auf ganz hohem Niveau klagen? Ja? Also gut: „Was soll ich nur schreiben?“ Dieser theatralische Aufschrei resultiert momentan nicht etwa aus einer Schaffenskrise, sondern aus der Frühlingsfülle: Kastanienblüte, Lichtnelke, Schöllkraut, Käfer, Schmetterlinge, Vögelchen – es ist ja alles so schön hier! Eine Pressemeldung des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) vereinfacht die Qual der Wahl: Jetzt sind wieder Faltertage und alle sollen mitzählen.
Diese Phänomene-Folge könnte theoretisch hiermit zu Ende sein. Denn eigentlich ist es völlig überflüssig, für Schmetterlinge Sympathien wecken zu wollen. Wenn es etwas gibt, das alle Menschen lieben, dann sind es Schmetterlinge. Zumindest die filigranen Exemplare der Tagfalter. Und selbst absolute Naturmuffel kennen Arten wie das Tagpfauenauge oder den Kohlweißling. Aber leider rettet nicht einmal die Tatsache, dass sie äußerst beliebt sind, die Flattermänner vor dem Verderben. Rund 80 Prozent der heimischen Tagfalterarten sind mittlerweile auf der Roten Liste der bedrohten Tiere gelandet. Als Ursache gelten vor allem der Verlust der Lebensräume und Gifte aus Menschenhand.
Ein Leben ohne Schmetterlinge? Diese Vorstellung treibt selbst hartgesottenen Mitmenschen Tränen in die Augen – hoffe ich. Die Insekten mit den beschuppten Flügeln stellen eine weltweit erfolgreiche Gruppe dar, in der sich vom gefürchteten Schädling bis zur wertvollen Seidenraupe alles tummelt. Bei Ökologen erfreuen sich die leichten Wesen als Bioindikatoren großer Beliebtheit. Bioindikatoren geben durch ihre An- oder auch Abwesenheit Auskunft über den Zustand unserer Landschaft. Besonders Tagfalter eignen sich als Zeigertiere, da sie eine kurze Generationsfolge haben und schnell auf Veränderungen reagieren. Außerdem leben sie in der Regel nicht heimlich, sondern gaukeln bei passender Witterung gut sichtbar herum. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil für den Beobachter. Eine intakte Schmetterlingsvielfalt bedeutet, vereinfacht gesagt, eine Vielfalt an Lebensräumen. Bei der Volkszählung der Schmetterlinge, die an diesem Wochenende an den 4. Internationalen Faltertagen stattfindet, werden zwar „nur“ Allerweltsarten gezählt. Doch selbst diese Daten lassen Rückschlüsse auf das Vorkommen und die Populationsdichte der Tiere und Veränderungen eines Lebensraumes zu.
Während manche Falterspezialisten sich die gesamte Flugsaison über mit dem so genannten Monitoring beschäftigen, bieten sich die Faltertage auch für Schmetterlingslaien an. Auf dem Zählbogen, der im Internet auf den Seiten von www.bund.net heruntergeladen werden kann, sind zehn signifikante und häufige Tagfalter-Arten aufgelistet. Allesamt – wie könnte es anders sein – Schönheiten. Ein besonders herziges Exemplar ist der Aurorafalter, wissenschaftlich Anthocharis cardamines. Er ist ein kleines, flottes Ding mit nur rund vier Zentimetern Flügelspannweite und mindestens so schön wie Aurora, die römische Göttin der Morgenröte. Die beiden Geschlechter des Tagfalters unterscheiden sich im Aussehen deutlich, was als Geschlechtsdimorphismus bezeichnet wird. Besonders hübsch sind die Männchen, die mit orange leuchtenden Flügelenden über die Wiese flitzen. Sie verblüffen mit einer erstaunlichen Wendigkeit und sind daher der Albtraum jedes Fotografen. Der Schmetterling liebt feuchte Standorte, besonders jene mit Beständen des Wiesenschaumkrautes. Der Aurorafalter ist im Jahresverlauf einer der ersten Schmetterlinge, der schon ab März durch die Lüfte rast. Dafür muss er sich allerdings im Juni wieder vom Fliegerleben verabschieden und segnet das Zeitliche. Die Tierart überwintert als Puppe im Boden.
Ein Tagfalter, der die warme Jahreszeit gleich in mehreren Generationen hinter sich bringt, ist das Landkärtchen. Araschnia levana hat es seinen Liebhabern nicht leicht gemacht. Lange Zeit dachten die Lepidopterologen, die Schmetterlingsforscher, dass sie zwei verschiedene Arten vor sich hätten. Dabei tritt das Landkärtchen als frühe Generation auf, die sich von ihren Kindern, der Sommergeneration, frappant unterscheidet. Dieses Saisondimorphismus genannte Phänomen foppte also die Fachwelt, bis im 19. Jahrhundert mit gezüchteten Tieren der Nachweis erbracht wurde, dass es sich um ein und die selbe Tierart handelt. Doch keine Angst, auf den Zählbögen für die Faltertage sind beide Generationen von oben und unten abgebildet. Auch diese kleinen Edelfalter bewirken mit ihren drei bis vier Zentimetern Spannweite keinen Sturm – zumindest nicht am Ort des Geschehens. Als Futterpflanze ist bei den Raupen die Brennnessel sehr beliebt. Die Tiere überwintern im verpuppten Zustand.
Ein ganz anderer Bursche ist da der prominente Zitronenfalter. Er führt, für Falterverhältnisse, ein langes Leben: Vom Schlupf aus dem Ei im Sommer über die Überwinterung als erwachsener Falter, bis zum Tod rund elf Monate später. Er kann sich mit der höchsten Lebenserwartung mitteleuropäischer Falter brüsten. Und das, ohne sich in menschlichen Behausungen zu verkriechen. Ein körpereigener Gefrierschutz macht’s möglich. Der Zitronenfalter ist bei der Artbestimmung ein bisschen gefährlich. Nicht, dass er einen anfallen und einem die Lebensgeister aussaugen würde. Nein, er birgt eine Verwechslungsgefahr in sich. Zumindest das Weibchen, das nicht so prächtig zitronig gefärbt ist wie der Faltermann, kann mit dem Großen Kohlweißling verwechselt werden. Wobei der Beobachter einfach die Flügelspitzen ins Visier nehmen muss. Beim Zitronenfalter sind diese angespitzt. Mit einer Flügelspannweite von zirka fünf Zentimetern gehört der Flattermann schon zu den größeren Exemplaren unserer Schmetterlingsfauna. Die Raupen fressen am Faulbaum und anderen Gehölzen, weshalb auch der adulte Falter meist in Gehölznähe herumlungert.
Auf dem Artenmerkblatt für die Faltertage sind außerdem der Trauermantel und der Schwalbenschwanz, das Tagpfauenauge, der Schachbrettfalter, Admiral, Kleiner Fuchs und der Distelfalter abgebildet. Natürlich dürfen auch Beobachtungen, die nach diesem Wochenende gemacht werden, notiert werden. Einsendeschluss ist der 7. November. Wer seine Ergebnisse online eintragen möchte kann das unter www.faltertage.org tun.
In der Saison 2007 zählten fleißige Menschen deutschlandweit über 27000 Schmetterlinge der ausgewählten zehn Arten. Der häufgste war das Tagpfauenauge mit 21,6 Prozent, der Trauermantel bildete mit 0,6 Prozent der Meldungen das Schlusslicht. Auch in Österreich, Schweiz und Italien begeben sich die Falterliebhaber am Internationalen Faltertag auf die Pirsch nach ihren Lieblingen. Wer gar nicht zählen will – auch ok. Aber das Gucken und Staunen, das ist bei Schmetterlingen ein Muss.
Sabine Rücker
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