Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 20 – Eine süße Schnirkelschnecke


Die Hainbänderschnecken sind ein lustiges Völkchen. Fotos: Rücker
Die Hainbänderschnecken sind ein lustiges Völkchen. Fotos: Rücker

Liebe Leser,
rufen Sie ihren Gatten „Hasi“ oder „Zuckerschnäuzchen“? Und er nennt Sie dann „Schnuckiputzi“? Die Bandbreite der Kosenamen ist lang und bunt. Ruft aber einer seine „Schnirkelschnecke“, dann kann das recht befremdlich wirken.
 Er: Physiker, sie: Biologin. Als Kosenamen bietet sich bei dieser Konstellation einiges an. Sie könnte ihn „Öhmchen“ oder „Moli“ oder vielleicht auch „Mein Plancksches Wirkungsquantum“ nennen. Ob das so ist, entzieht sich leider unserer Kenntnis. Als gesichert gilt: Er nennt sie „Schnirkelschnecke“. Nicht alle Mitmenschen verstehen auf Anhieb, dass diese Koseform nett gemeint ist. Der Physiker in unserem Fall stolperte vermutlich beim Stöbern in den Büchern der Liebsten über das gar lieblich Wort: „Schnirkelschnecke“. Wie poetisch! Und natürlich, wie könnte es anders sein, gibt es diese Tiere wirklich. Wohl jeder hat sie schon gesehen. Es handelt sich um hübsch gezeichnete, kleinere Landlungenschnecken.
Der Biologin lacht bei ihrem Anblick das Herz, denn an den zum Stamme der Weichtiere gehörenden Kriecher lässt sich allerhand Liebenswertes und Interessantes feststellen. Die Schnirkelschnecken sind eine Tierfamilie im zoologischen System der Klasse Gastropoda, Schnecken, genauer der Ordnung Pulmonata, Lungenschnecken. Eine Tiergruppe der Familie der Schnirkelschnecken mit prägnanter Zeichnung auf der Schale wird Bänderschnecke genannt.
In Mitteleuropa sind zwei Vertreter dieser Gattung häufig: Es kreucht zum einen die Hainbänderschnecke, Cepaea nemoralis, und zum anderen die Gartenbänderschnecke, Cepaea hortensis, durch die Lande. Irritierenderweise ist die Gartenbänderschnecke wesentlich seltener als ihre Schwester. Zusätzlich verwirrend ist, dass die Zeichnung der Gehäuse auf den ersten Blick keine verlässliche Zusage über die Artzugehörigkeit zulässt. Bei beiden Schneckenarten kann die Bänderung des Schneckenhauses sehr variabel sein. Von quasi ungebändert und somit hell über durch die vielen Bänder recht dunkle Schneckenhäuser. Ein Unterscheidungsmerkmal gilt aber als sicher: Die Gartenbänderschnecke, auch Weißmündige Bänderschnecke genannt, ist an der Mündung des Gehäuses hell, wohingegen die Hainbänderschnecke dort ein dunkles Band besitzt.
Auf dem Bild ist die Hainbänderschnecke in allerlei Farbvarianten zu bewundern. Diese Tierchen neigen in meiner Nachbarschaft dazu, sich zusammenzurotten. Auf Nachbars Eibenhecke scheint sich der herausragende Treffpunkt aller Hainbänderschnecken der Umgegend zu befinden. Kaum beginnt der Frühlingstag regnerisch und feucht, bevölkern sie zu dutzenden die akkurat geformte Pflanzenwand. Ob die giftigen Eibennadeln ein besonderer Genuss für die Schnecken sind oder in dieser Hecke einfach für Schneckenverhältnisse immer was los ist, bleibt ein süßes Schneckengeheimnis. An meinem Sanddorn fühlen sich die Tierchen ebenfalls zuhause. Dort hocken sie in erstaunlicher Höhe am Ast und bringen in einer Art Trockenstarre, den Schneckenhauseingang durch erhärteten Schleim geschützt, heiße Zeiten hinter sich. Den Winter überstehen sie in einer Winterstarre. Die Bänderschnecken sollen stolze fünf Jahre alt werden können – vorausgesetzt, sie erleiden keinen unnatürlichen Tod. Der lauert aber an jeder Ecke. Das Weichtier zieht nun mal bedächtig durchs Leben und dann droht ihm der Unfalltod auf dem Asphalt. Wer kennt nicht das Geräusch, wenn’s unverhofft am Boden knirscht? Nicht weniger fatal sind Gifte oder natürliche Feinde. Beispielsweise die Singdrossel. Sie ist eine Verwandte der Amsel und besticht durch lauten, variantenreichen Gesang. Wer viel singt, der hat viel Hunger. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.
Der Tod naht an der Drosselschmiede
Jedenfalls sieht der Singvogel in den Bänderschnecken kein Wunderwerk der Natur, sondern eine Art Essen in der Frischebox. Und irgendwie muss die Singdrossel an das Weiche des Weichtieres kommen. Nicht ganz einfach, da der Vogel die Kalkschale nicht mit purer Muskelkraft knacken kann. Doch die Gefiederte weiß sich zu helfen: Sie eröffnet eine Drosselschmiede. Dort haucht schließlich eine Schnecke nach der anderen ihr Leben aus, wenn ihr Haus von dem amselgroßen Vogel an einem Stein zertrümmert wird. Und dieses Sterben hat in gewisser Weise auch etwas mit dem Muster der Schneckenhäuser zu tun.
Denn je nachdem, wo die Bänderschnecke lebt, ist sie mit einem hellen Kalkkleid oder mit einer dunkleren Variante besser getarnt. Und vererbt ihr Schalenmuster, wenn sie der Drosselschmiede entrinnt, erfolgreich an die Nachkommen weiter. Je offener die Standorte, umso günstiger die helle Färbung. Im finsteren Wald kriecht sich’s mit dunkel gebänderter Schale sicherer. Den Singdrosseln ist das „Schmieden“ angeboren. Schon die Jungvögel schmettern zunächst kleine Steinchen auf einen größeren Stein und kommen auf den Geschmack, sobald ein Weichtier dabei ist.
Ob die rund drei Zentimeter großen Bänderschnecken beim Gärtner als Schädling gelten müssen ist zweifelhaft. Über die Gartenbänderschnecke wird berichtet, dass sie mit Vorliebe Algen abraspelt, was den Hobby-Gärtner nicht weiter stören sollte. Und die Hainbänderschnecke verleibt sich neben Grünzeug angeblich auch Eier von Nacktschnecken ein, was zu Begeisterungsstürmen unter den Pflanzenliebhabern führen dürfte. Am besten, jeder nimmt die hübschen Wesen einmal selbst ins Visier. Auge in Stielauge mit dem Geschöpf wird sich dann entscheiden, ob das Tierchen weiter seine Runden ums Haus herum ziehen darf. Wenn ja, kann sich das Geschöpf aus Kopf, Fuß und Eingeweidesack auch wieder der Vermehrung widmen. Das tut der Zwitter mit einem Liebespfeil. Dieser tolle Stift wird dem Partner beim Liebesspiel in den Fuß gerammt. Tiere mit so einfallsreichen Spielereien muss man einfach am Leben lassen – und sei’s nur, um die hungrige Singdrossel zu nähren.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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