Montag, 06. September 2010

KW 2 – Ansichten mit Speichelsauger


Hier grunzt der Patient. Foto: p
Hier grunzt der Patient. Foto: p

Liebe Leser,
ich sage nur: „Zahnarzt“? Na? Herzrasen, Schweißausbrüche, Fluchtgedanken? In den letzten Wochen hatten unsere Kauwerkzeuge allerhand zu tun. Schoko-Weihnachtsmänner, Marzipan-Kugeln und Lebkuchenherzen sind der Zahngesundheit nicht gerade zuträglich. Es folgen Ansichten eines Patienten aus dem Behandlungsstuhl der Zahnarztpraxis und eine nicht ganz ernst gemeinte Suche nach Zahn-Alternativen im Tierreich.
Der Absaugschlauch gurgelt. „Also...“, setzt mein Zahnarzt – übrigens ein überaus netter Mensch – an. Er erzählt und erzählt. Die allermeisten Dentisten haben zwei Dinge gemeinsam. Erstens: Sie sind aufgrund ihrer Berufswahl irgendwie suspekt. Zweitens: Die interessantesten Themen wälzen sie laut und deutlich, während der Patient mit einem gurgelnden Schlauch im Mund zum Schweigen verurteilt ist. Zugegeben: Beim letzten Zahnarztbesuch habe ich es selbst provoziert. Vor der Behandlung – wie blöde! – habe ich dem Spezialisten einige Fragen für meine Zahn-Phänomene gestellt. Nachdem die Helferin den Speichelsauger positioniert hatte und mein Körper im Stuhl in eine ziemlich waagrechte Position gelegt wurde, fiel dem Mann mit den schrecklichen Gerätschaften eine Menge Sinnvolles ein.
Kopfüber lag ich im Behandlungsstuhl und brachte meine Gedanken durch lautes Grunzen und Röcheln zum Ausdruck. Zahnarztpatienten in Behandlung tun ihre Gefühle notgedrungen mit Wortfetzen und Augenzuckungen kund. Vermutlich muss jeder Zahnmedizinstudent im Grundstudium die Vorlesung „Grunzlaute verstehen und deuten“ oder „Was sagen die Patientenaugen?“ besuchen. Jedenfalls hat er das Gestammel und Gezucke wohl verstanden, wie Zahnärzte das halt so tun. Das menschliche Gebiss, sagte der Mediziner dann über das Kreischen einer grässlichen Fräse hinweg, sei ursprünglich sicherlich nicht für die heutige Lebenserwartung geschaffen. Trotzdem dürfe keineswegs von einer Fehlkonstruktion die Rede sein. Und dann geriet der Dentist ins Schwärmen: diese Beißkraft, diese Funktionalität und das – eine perfekte Zahnstellung vorausgesetzt – das effektive Abbremsen der aufeinander zurasenden Kiefer. „Wieso“, quengel ich, vom Stuhl befreit, „können wir nicht das Revolvergebiss der Haifische haben?“ Naja, so seine Antwort, das sei ja wohl auch eine Frage der Taktilität, also des Tastempfindens. Soll heißen, dass der Hai halt reißt und schlingt, unsereiner aber ungleich filigraner mit den Speisen im Mund agieren kann. Da muss ich dem Arzt wirklich recht geben.
„Und der Haifisch, der hat Zähne“, schrieb schon Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper. Tiere haben jede Menge unterschiedlicher Beiß- und Kauwerkzeuge: Schnecken besitzen im allgemeinen zähnchenartige Strukturen auf ihrer Raspelzunge. Doch damit lässt sich nicht sehr viel mehr ausrichten als Algenteppiche abzuschaben. Diese Beißwerkzeuge könnten nicht einmal Spätzle mit Soß’ zerkleinern – keine Alternative zu meinen Zähnen! Also lassen wir den Blick weiter schweifen und richten unsere Aufmerksamkeit zu den Seeigeln, einer Klasse aus dem Stamm der Stachelhäuter. Seeigel nehmen die Nahrung für ihren radiärsymmetrischen Körper mit der „Laterne des Aristoteles“ auf. Dabei handelt es sich um eine komplizierte Kieferkonstruktion mit fünf Zähnchen. Mit diesem Zerkleinerungsapparat können die Meeresbewohner Bewuchs abgrasen, sie sind in erster Linie Weidegänger. Bei dieser Zahnbestückung wäre es folglich Essig mit dem kraftvollen Biss in ein Schnitzel. Wobei manche Seeigel-Arten sich sogar in Stein bohren können. Trotzdem würde die kreisrunde Anordnung der Zähnchen in meinem Gesicht mein ästhetisches Empfinden doch stören. Also: Die Laterne scheidet als Alternativgebiss ebenfalls aus.
Doch, heureka, es gibt ja noch das Revolvergebiss der Haie. Das wäre sicherlich die sinnige Alternative zu unserem nervendurchsetzten Zahnapparat. Denn die Knorpelfische tragen gleich mehrere Zahnreihen hintereinander in Ober- und Unterkiefer. Das beste am Haifischgebiss: Die Zähne sind wurzellos und wenn einer ausbricht, dann sorgen Stammzellen im Kiefer dafür, dass ein neuer nachwächst. Der amerikanischen Biologin Pamela Yelick hat bei ihren Forschungen das Ziel vor Augen, aus adulten Stammzellen menschliche Zähne wachsen zu lassen. Bis das so weit ist, sind Sie und ich wohl auf jeden Fall von Natur aus zahnlos. Menschliche Zähne sind nämlich recht komplizierte Gebilde. Wie bei den meisten höheren Säugetieren sind bei uns die Beißerchen im Kiefer verankert, weisen einen bestimmten Aufbau auf und fallen bestenfalls nur ein mal im Leben aus, um dem bleibenden Gebiss Platz zu machen. Eine richtig tolle Errungenschaft dieser Zähne ist der Zahnschmelz.
 Mit einem Anteil von rund 97 Prozent Hydroxyapatit gilt er als die härteste Substanz, die in Organismen zu finden ist, härter noch als Stahl. Das ist schon mal eine Supersache. Und – im Gegensatz zum Revolvergebiss des Haies – ist es uns mit unseren nervenbesetzten, im Knochen verwurzelten, Zähnen möglich, genussvoll zu nagen und zu mümmeln und nicht nur große Fleischbrocken heraus zu reißen. Etwas Gefühl im Gebiss ist halt doch von Vorteil. „Zähne sind ein taktiles Organ“, sagt dann ein Redner bei einem Vortrag des gnathologischen Arbeitskreises Stuttgart. Tastsensoren im Kauapparat machen’s möglich. Mit ihrer Hilfe können genussvoll Köstlichkeiten ihrer Konsistenz entsprechend zermalmt werden.
Wunderbar, solange der komplexe Kauapparat problemlos funktioniert. Aber wehe, wehe, wenn nicht. Dem Himmel sei Dank gibt es heute Zahnärzte, Kieferorthopäden und -chirurgen und betäubende Substanzen. Summa summarum können wir mit unserem Gebiss doch ganz zufrieden sein. Nur einen weiteren Zahnwechsel könnte Mutter Natur noch einschieben – so ab Ende Vierzig vielleicht.
Au ja, das muss ich beim nächsten Zahnarztbesuch gleich ansprechen. Am besten sobald der Sauger im Mundwinkel hängt – dann versteht mich mein Zahnarzt erst richtig gut. Ich hoffe, Sie sehen mir nach, dass die Fakten über Zähne und das Gebiss aufgrund der Ausführungen mit dem Speichelsauger etwas zu kurz kamen. Wir fühlen dem Thema bald nochmal auf den Zahn.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


Seitenanfang