KW 18 – Jetzt zilpt und zalpt der Zilpzalp
Liebe Leser,
vor wenigen Tagen schlug die große Stunde: Bei einer Wanderung trug ein Vögelchen sein Lied vor. Das Tier ist derart einfach zu identifizieren, dass selbst der Laie mit naturkundlichem Halbwissen prahlen kann. Wie schrecklich für meine armen Wanderfreunde, die sogleich einen Vortrag über sich ergehen lassen mussten! Die Truppe hatte aber Verständnis dafür, dass sich der Naturfreund ab und an einfach nicht zügeln kann. Besonders dann, wenn der Zilpzalp sein Liedchen trällert.
Die Wanderer, ausschließlich Frauen, sind gut im Tritt. Wohl gelaunt wird gelaufen und nebenbei – wie könnte es beim Weibsvolk anders sein – geschwätzt. Leider hatten die Damen einen Fehler gemacht: Sie hatten mich mitgenommen. Auf einer Lichtung im Alb-Wald dringt es an mein Ohr, das monotone Lied des Zilpzalps. „Hört ihr, der Zilpzalp singt seinen Namen“, rufe ich begeistert und bringe damit meine Wanderfreunde und den Vogel zum Schweigen. Wenige Sekunden dauert die Stille an, in denen sich Mensch und Tier belauern. Wer wird als erster wieder plaudern? Natürlich fangen alle, inklusive der Gefiederte, gleichzeitig zu schnattern an. Den Rest der Strecke versuche ich mich zu beherrschen und hüpfe nur vereinzelt kreischend um einen Schmetterling oder eine Blume herum. Man sollte es sich schließlich nicht ganz mit seinen Freunden verscherzen.
Der Zilpzalp lädt aber einfach zum Dozieren ein. Er trägt seinen Namen so monoton und deutlich vor, dass man ihn laut begrüßen muss: „Hallo Zilpzalp, du alter Ohrwurm-Sänger!“ Auch der „Neue Kosmos Vogelführer“ bescheinigt die Unverkennbarkeit: „Gesang langsame, taktfeste Folge scharfer, klarer einsilbiger Töne zilp zelp zelp zalp zilp...“ Und, wer das einmal bewusst erkannt hat, der kann sich diesem Sound nicht entziehen. Ganz anders steht es dagegen um die Federpracht des recht kleinen, nur rund zwölf Zentimeter großen Singvogels. Sein Äußeres ist bescheiden: die Oberseite graubraungrün, die Unterseite schmutzigweiß, niedlich zwar, aber völlig unspektakulär. Obwohl der Vogel quasi pausenlos im Geäst herumschlüpft und Insekten, Krabbeltiere und zur Not auch mal eine Beere vertilgt – wenn er gerade nicht zilpt und zalpt – bekommt man ihn daher nur selten zu Gesicht. Doch selbst wenn er sich sehen lässt, kann ohne die gesanglichen Lautäußerungen kaum mit Sicherheit behauptet werden, wer dort sitzt, denn der Zilpzalp hat einen Zwilling.
Diese Schwesternart aus der gemeinsamen Gattung der Laubsänger, der Fitis, sieht ihm zum Verwechseln ähnlich. Beide Arten gehören zur Familie der Grasmücken, auch Zweigsänger genannt. Der Zilpzalp heißt wissenschaftlich Phylloscopus collybita. Wobei collybita im griechischen „Kollibystes“ seinen Ursprung hat, was soviel bedeutet wie Geldwechsler. Der Gesang kann als munteres „zahl Zins, zahl Zins“ interpretiert werden oder wie das Klimpern von Kupfermünzen klingen. Ähnlich wie bei Kuckuck und Uhu handelt es sich um einen onomatopoetischen Namen, eine Lautmalerei. Das wird auch beim englischen Namen Chiffchaff oder beim niederländischen Tjiftjaf deutlich.
Die meisten unserer Zilpzalpe ziehen im Oktober in Richtung Süden, in der Regel überwintern sie im Mittelmeerraum. Manche harren allerdings aufgrund der milderen Winter bei uns aus. Ab März kommen die auch Weidenlaubsänger genannten Vögelchen wieder zu uns. Interessanterweise gerade dann, wenn die Salweide blüht. Denn laut einem Beitrag der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft saugt der unscheinbare Piepmatz gerne Nektar an den weiblichen Blüten der Weide. Die Rückkehr der verwandten Fitise falle dagegen auf den Laubausschlag der Birke, die des Waldlaubsängers auf den Austrieb der Buchen. Der Zilpzalp fühlt sich sowohl in Wäldern, als auch in der Nähe des Menschen wohl. Und so trägt er sein Lied vom Waldrand aus genauso inbrünstig wie im Garten vor. Das Zilpzalp-Männchen legt in Bezug auf das andere Geschlecht von Anfang an ein gewisses Phlegma an den Tag. Die Schweizerische Vogelwarte bescheinigt beispielsweise einen „langsamen Balzflug“. Sobald sich die Partner gefunden haben, muss das Weibchen schuften. Das Männchen ist allerdings nicht gänzlich untätig – es singt. Der Nestbau wird von der Dame des Hauses unter dem Motto: „außen pfui und innen hui“ vollbracht. Denn das halbkugelige, bodennahe Nest scheint oberflächlich betrachtet nicht sonderlich ordentlich, ist innen aber mit einer dicken Lage Federchen ausgekleidet. Das Männchen begnügt sich in dieser arbeitsreichen Phase damit, seine Angetraute mit einem „hüid“-Ruf aufzumuntern. Es kommt wie es kommen muss: Auch das Bebrüten der fünf bis sechs Eier ab April ist Aufgabe der Vogel-Frau.
Während das Weibchen seine Arbeit verrichtet, vertreibt sich dessen Partner die Zeit mit – singen. Das klingt nicht nach gerechter Arbeitsteilung. Doch der werdende Papa musiziert ja nicht nur zum Vergnügen, sondern um das Revier des Paares abzustecken. Bisweilen erinnert er sich an die Brütende, gesellt sich zu ihr und flötet ihr etwas ins Ohr. Das Süßholzgeraspel verfehlt nicht seine Wirkung und so müht sich die Vogelmama, wenn die Jungen nach rund 13 Tagen geschlüpft sind, auch alleine mit dem Füttern ab – der Vogelmann der singt. Über die Sommermonate hinweg legt der Musikant übrigens eine kreative Schaffens- oder auch Erschöpfungspause ein.
Etwa zwei Wochen nach dem Schlüpfen verlassen die Jungvögel das Nest und werden von den Adulten – ja, der Herr Papa soll sogar helfen – noch geraume Zeit versorgt. Es ist in diesem Zusammenhang nicht verwunderlich, dass die Ehe des Paares nur eine Saison lang hält, aber das anscheinend monogam.
Der typische Gesang, den das Männchen hervor bringt, kann sozusagen als Frühlings- und Herbstbalz mit einer Sommerpause gedeutet werden. Vielleicht gehen die Weidenlaubsänger im Laufe der Zeit dazu über, den Winter bei uns zu verbringen. Dann wäre es ja lohnend, schon mal im Herbst die neuen Bande für die „alte“ Ehe zu knüpfen. Wobei der Zilpzalp-Mann in der Tat ein lausiger Vater ist. Außerdem berichten einige Autoren davon, dass diese kleinen Piepmätze zu allem Überfluss auch noch recht streitsüchtig sein können und wesentlich größer Arten wie Amseln scheinbar grundlos angreifen.
In Europa wird der Bestand der Tierart auf 120 Millionen Individuen geschätzt und gilt als nicht gefährdet. Der Zilpzalp zählt in Deutschland zu den zehn häufigsten Vogelarten, ist aber, wie alle einheimischen Vögel, vom Gesetzgeber besonders geschützt. Mit etwas Glück kann der Kleine mehrere Jahre alt werden. Wer in seinem Garten ein Eckchen Wildnis in Bodennähe stehen lässt, kann vielleicht ein Zilpzalp-Pärchen an Land ziehen. Wenn der Vogel dann seine typische Strophe von sich gibt, kann auch der vogelkundliche Laie sich demnächst beim Grillen vor seinem Besuch aufbauen und dozieren: „Hört zu, dort singt mein Zilpzalp.“ Wer die Lehrmeister-Masche übertreibt, der kann mangels Besuch bald nur noch mit seinen Vögeln reden. Die Menschen meiden ihn dann und denken: „Der hat ja einen Vogel.“ Aber aufgepasst! Vom 9. bis 12. Mai gilt es, genau diese zu zählen. Dann ruft der Naturschutzbund Deutschland erneut die „Stunde der Gartenvögel“ aus, Infos im Internet unter www.stunde-der-gartenvögel.de Bleibt zu hoffen, dass dann alle Vögel da sind.
Sabine Rücker
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