Freitag, 10. Februar 2012

KW 17 – Von Birnenblüten und Politikern


Eine Schönheit: die Birnenblüte. Foto: Rücker
Eine Schönheit: die Birnenblüte. Foto: Rücker

Liebe Leser,
was haben Altkanzler Helmut Kohl, die US-Außenministerin Condoleezza Rice und Schnaps gemeinsam? Richtig: Eine Affinität zur Birne. Pyrus, die botanische Gattung der Birnen, ist eben für so manche Überraschung gut.
Dass Altkanzler Helmut Kohl, wohl aufgrund seiner prägnanten Kopfform, recht bald den Spitznamen Birne weghatte, daran erinnern wir uns vermutlich alle noch. Was hat aber Condoleezza Rice mit dem Kernobstgewächs zu tun? Die Auflösung: Vor wenigen Wochen meldete Spiegel online, dass die US-Politikerin, die seither den wenig schmeichelhaften Beinamen „Stahlmagnolie“ trägt, mit einem neuen Titel bedacht wurde. Der US-südkoreanische Freundschaftsverband übergab Rice eine Namensurkunde mit dem Namen „Ra I Su“, was so viel heißt wie „Birnenblüte von unvergleichlicher Schönheit“. Da muss man den Südkoreanern uneingeschränkt zustimmen. Zumindest, was die Schönheit der Birnenblüte  betrifft.  Denn der Birnbaum entfaltet in diesen Tagen und Wochen seine Pracht. Vielleicht ist die Birne sogar das hübscheste unserer heimischen Gehölze. Abgesehen von Apfel und Kastanie, nicht zu vergessen die Quitte und den Ahorn und... – ist ja auch egal. Das Rosengewächs brilliert jedenfalls mit fünf meist reinweißen Kronblättern und den neckisch roten Staubbeuteln, welche unter anderem kennzeichnend für die Birne sind. Das gesamte Arrangement sieht aus, als sei es von Könnerhand aus Porzellan geformt.
 Wer sich für die Anmut der Blüten der bis zu 20 Meter hohen Bäume nicht begeistern kann, den versetzt vielleicht der Obstbrand Williams Christ und der Nachtisch Birne Helene in freudige Erregung. Beim Williams-Christ-Schnaps lassen manche Hersteller eine Birne gleichen Namens in die Flasche wuchern und füllen diese Komposition anschließend mit rund 40-prozentigem Williamsbirnen-Brand auf. Eine echte Alternative für Früchtemuffel, dieser Obstler.
Der Birnbaum ist ein alter Kumpel des Menschen. Schon unsere Vorfahren der Jungsteinzeit haben in ihren Pfahlbauten am Bodensee und in Höhlen der Alpen an der Birne genagt. Vor allem in China wird die Birne seit rund 3000 Jahren kultiviert. Für Botaniker birgt die Birne anscheinend noch eine Menge Rätsel. Schon bei der Anzahl der Arten schwanken die Angaben zwischen 20 bis über 70 Birnenarten, die in Europa, Nordafrika sowie West- und Ostasien beheimatet sein sollen. Auch bei den Birnensorten kursieren unterschiedliche Zahlen, teilweise bis zur Größenordnung von 5000. Die Birne spielte schon in der Mythologie eine Rolle. Im alten Griechenland erhielt der Peloponnes, als wichtiges Anbaugebiet der Frucht, den Beinamen Apia, was so viel heißt wie Birnenland.
 Die Urmutter der europäischen Kulturformen ist, da scheinen sich die Experten einig, die Wildbirne. Dann geht der Hickhack aber wieder los, denn manche Autoren nennen die Wildbirne auch Holzbirne. Andere separieren die beiden als getrennte Arten. Wir halten uns daran, dass die Wild- auch die Holzbirne ist und wissenschaftlich Pyrus pyraster heißt. Durch Einkreuzung mediterraner und asiatischer Birnenarten entwickelte sich unsere Kulturbirne, Pyrus communis, eine sortenreiche Linie.
 Man mag es kaum glauben, aber die Wildbirne gehört zu den seltensten heimischen Bäumen. Möglicherweise ist die Art schon ausgestorben, da sie einer ständigen Bastardisierung durch die Kulturformen unterliegt. „Eingewandert“ ist die Baumart ursprünglich vermutlich in einer Wärmezeit nach der letzten Eiszeit, einige Tausend Jahre v. Chr. Unsere Vorfahren im Mittelalter warfen die Früchte der Wildbirne vor allem den Schweinen zum Fraß vor.
 Das kann man den Leuten der finsteren Epoche nicht verdenken. Denn die urtümlichen Früchte waren alles andere als schmackhaft, sondern herb und sauer und wurden daher auch als Würgebirne tituliert. Außerdem waren die ursprünglichen Früchte vollgestopft mit Steinzellen. Die festen Körnchen, eine Art Steinzellennester, landen auch beim Genuss moderner Birnen vereinzelt im Mund. Sie bestehen aus so genannten Sklereiden, abgestorbenen Zellen des Festigungsgewebes mit extrem verdickten Zellwänden. Aus diesen Bollwerken bilden Pflanzen auch Nussschalen. Doch das züchterische Geschick bescherte den Früchten glücklicherweise ein samtigeres Fruchtfleisch und süßes Aroma.
Während selbst die Kulturbirne sich rar macht in unserer Landschaft, ist die Wildbirne so gut wie verschwunden. Zu erkennen gibt sie sich unter anderem durch Sprossdornen und fast runde Früchte. Der sparrig verzweigte Baum mit schlanker Krone blüht, zur Freude der Insekten, früh im Jahr und entwickelt spät im Jahr eine lebhafte Herbstfärbung. Vor zehn Jahren wurde sie zum Baum des Jahres gekürt. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zum Vorkommen: „Die Wildbirne ist im gesamten Bundesgebiet vertreten, in Süd- und Mitteldeutschland stärker, in Norddeutschland seltener.“ Das Gehölz liebt warme, sonnige Standorte und ist frostempfindlich. Schätzungen nach könne die Anzahl der Wildbirnen in Deutschland bei 2000 liegen. Wobei Birnbaumholz zu den Kostbarsten einheimischen Hölzern gehört: Es ist ein hartes Holz mit warmer Tönung, das sich trotz allem gut bearbeiten lässt und als Blockflöte, Möbel oder Parkett endet. In einigen Ländern, darunter auch in Deutschland, laufen Anstrengungen, ein Überleben der Wildbirne zu sichern.
Das wäre schön, denn die innige Verbundenheit mit dem Baum und dessen Frucht zeigt sich deutlich im Sprachgebrauch: Wer dauernd Äpfel mit Birnen vergleicht, hat vielleicht etwas an der Birne. Und wer die Birnenblüte nicht hübsch findet, der ist möglicherweise ein bisschen hohl oder weich in der Birne. Und über der Frage, ob eher Stahlmagnolie oder Birnenblüte auf Condoleezza Rice zutrifft, darf die Birne schon mal rauchen. Eins steht fest: Ein Hutzelweible ist die US-Außenministerin noch lange nicht.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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