Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 14 – Insekten: Zeigt her eure Füße


Der Tatzenkäfer lebt auf großem Fuß. Foto: Rücker
Der Tatzenkäfer lebt auf großem Fuß. Foto: Rücker

Liebe Leser,
die Natur quetscht sich aus Ritzen und Knospen, schüttelt den Mief des Winters ab und breitet sich in der Landschaft aus. Flora und Fauna drängen ins Bewusstsein der Menschen. Wer nun hier und dort mit seinem Fotoapparat einen Schnappschuss wagt, hat gute Chancen, die frische Lebenslust zu verewigen. Auch der behäbige Tatzenkäfer (Bild) spaziert bei Wohlfühl-Wetter durch die Gegend.
Unser Hund, das ist – mit Verlaub – manchmal eine ziemlich arme Sau. Nicht genug damit, dass das Tier von diversen Ängsten geplagt wird, was seiner und unserer Lebensfreude bisweilen gehörig zusetzt. Nein, da muss der Vierbeiner auch noch unter der Naturbegeisterung seines Frauchens leiden. Auf der einen Seite kommt Bruno, der Mischling, so zwar in den Genuss langer Spaziergänge. Auf der anderen Seite beginnt jetzt im Frühling aber wieder eine gewisse Leidenszeit für
das Tier. Sobald es grünt, blüht und flattert wandert nämlich meine Kamera mit uns mit. Das hat zur Folge, dass der Vierbeiner mit diversen Zwangsstopps leben muss, was für uns beide extrem nervig ist. Für mich, da der Hund, wenn ich regungslos mit der Kamera vor einem Insekt harre, traditionell an der Leine ruckt. Für ihn sowieso, denn in eine Hundenase steigen pausenlos wichtige Düfte, deren Ursache ein anständiger Rüde auf den Grund gehen muss. Natürlich darf Bruno, der Hund, auch mal ohne Leine springen. Da der Vierbeiner jedoch nur so gut oder so schlecht gehorcht wie die meisten seiner Artgenossen, sollte der Freigänger argwöhnisch beobachtet werden – was sich nicht mit fotografischer Arbeit koordinieren lässt. Ein arges Hundeleben eben.
Erstaunlicherweise wirft die Kombination aus Expedition ins Tierreich und Gassigehen aber hin und wieder einigermaßen brauchbare Bilder ab. Und so kam es, dass dieser schwarzviolette Klops verewigt wurde, der – wie könnte es anders sein – im schönen Kreuzbachtal in Aurich behäbig über den Feldweg krabbelte. Dass es sich dabei um einen Käfer handelt, sieht sogar der Laie. Schwierig kann es allerdings werden, wenn ein solches Insekt bis zur Art bestimmt werden soll. Dann muss der Insektenkundler, der Entomologe, mitunter zum Leichenfledderer werden und Kopulationsorgane der Tiere unter die Lupe nehmen. Mir war das Glück hold: Das Exemplar ist derart außergewöhnlich, dass sein Name ohne Schnippeleien ermittelt werden kann. Auf so großem Fuß lebt in der heimischen Käferwelt nur der Tatzenkäfer, wissenschaftlich Timarcha, aus der Familie der Blattkäfer. Das ist besonders erfreulich, da die Käfer die größte Ordnung aus der Klasse der Insekten sind und die Familie der Blattkäfer wiederum eine große Familie unter den Käfern.
 An den Fußsohlen fast aller sechsbeinigen Krabbeltiere befinden sich wundersame Strukturen. So auch an den besonders großen Füßen des Tatzenkäfers. Da jedoch besagter Käfer selten ist und der Wissensdurstige diese Füße daher in natura kaum jemals zu Gesicht bekommen wird, sind die Internet-Seiten von www.arthropods.de eine echte Alternative. Die meisten Insekten, viele Spinnen, einige Frösche und der Mauergecko brillieren mit einer erstaunlichen Haftfähigkeit. Mit Hilfe von Mikrostrukturen an den Fußsohlen können sich diese Wesen an den unterschiedlichsten Materialien auch kopfüber festhalten. Forscher des Max-Planck-Instituts (MPI) für Entwicklungsbiologie in Tübingen stellen Insekten auf harte Proben. Beim „Insekten-Karussell“ schafft es beispielsweise eine Käferart, sich noch bei 3000 Umdrehungen pro Minute festzuhalten. Diese Fähigkeit verdanken die Haft-Künstler unter den Tieren feinen Härchen, die eine Art Bürste bilden oder winzigen Näpfchen und Bläschen an den Fußsohlen. Ein feiner Flüssigkeitsfilm unterstützt zusätzlich die Haftung am Untergrund. Die Forscher hoffen, das Know-how der Natur auf technische, insbesondere mikromechanische Konstruktionen übertragen zu können. Natürlich hat Mutter Natur ihre eigene Entwicklung schon überlistet. In der fleischfressenden Kannenpflanze verursacht eine Antihaft-Beschichtung das erbarmungslose Abschmieren der Insekten in Richtung Verdauungssaft. Wissenschaftler des MPI für Metallforschung in Stuttgart haben die Oberflächenreliefstrukturen nachgebaut. Zielsetzung ist eine Anti-Insekten-Folie, für welche inzwischen ein Patent erteilt wurde.
Ein weiteres Indiz für die Gattung Timarcha bei unserem Käfer sind die Fühler, bei denen die einzelnen Glieder wie Perlen an einer Schnur aufgereiht sind. In Mitteleuropa sollen sechs Arten dieser Gattung herumkrauchen, denn fliegen können die dicken Brummer nicht. Die harten Flügeldecken, die Elytren, sind bei ihnen verwachsen. Wie die meisten seiner engen Verwandten ernährt sich der Tatzenkäfer in allen Entwicklungsphasen monophag, das heißt von einer Pflanzenart. Der Tatzenkäfer, auch Labkrautkäfer genannt, verleibt sich am liebsten das Kletten-Labkraut ein. Laut Bestimmungsbuch „Brohmer, Fauna von Deutschland“ staksen zwei Arten durch unsere Heimat: Timarcha tenebricosa, mit bis zu 18 Millimetern Größe etwas wuchtiger als Timarcha goettingensis. Vermutlich handelt es sich bei dem Tier auf dem Foto um Timarcha tenebricosa, einen der größten einheimischen Blattkäfer. Er gilt laut Roter Liste der bedrohten Tiere als gefährdet.
Seinen Fressfeinden kann der Läufer auf dem Luftweg zwar nicht entkommen, er hat aber eine andere Strategie, sich vor hungrigen Räubern zu schützen. Natürlich bewahrt schon der Chitinpanzer vor so mancher Bagatellverletzung. Wenn’s hart auf hart kommt, quetscht das Insekt eine übel riechende Flüssigkeit aus Mund und Gelenkspalten. Einige Menschen neigen zu einer ähnlichen Sekretion. Besonders an Füßen und in Achselhöhlen strömen bei manchen Zeitgenossen Flüssigkeiten hervor, die auf Mitgeschöpfe abschreckend wirken können.
Während das Insekt bei Entwarnung die Stink-Substanz aber einfach wieder einsaugt, gelingt das den Menschen leider nicht. Bei den Tatzenkäfern gaukelt die rote Flüssigkeit Fressfeinden einen stinkenden, toten Käfer vor. Obwohl er etwas plump wirkt, ist der Kerf mit den großen Füßen der Liebe nicht abgeneigt. Nahezu das ganze Jahr über können kopulierende Pärchen aufgestöbert werden, wobei die heiße Liebesphase im Frühsommer beginnt. Das Weibchen verpackt die Eier nach der Eiablage in Pflanzenreste und schleppt sie an einen geschützten Or. Am besten in die Nähe des Labkrauts, das von den Larven angeknabbert wird. Nach der Verpuppung am Boden schlüpft der fertige Käfer wohl noch im selben Jahr und überwintert als Erwachsener. Auch die Eier können den Winter überstehen. Sehr alt scheinen die Käfer mit einer Lebenserwartung von zwei Jahren nicht zu werden.
Ach, Käferchen, hoffentlich seh’ ich dich wieder! Dann leine ich zur Feier des Tages den Hund ab und widme mich ganz dir. Und der Hund, der suhlt sich derweil in Misthäufen. Wir erfahren beide einen kurzen Moment des Glücks, ich mit dem Käfer, er mit dem Mist. Der Preis für das bisschen Freiheit: eine Hunde-Dusche, für alle Beteiligten widerlich.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999



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