Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 11 – Opa wegen Heide anrufen...


Prima Bienenweide, die Heide. Foto: Rücker
Prima Bienenweide, die Heide. Foto: Rücker

Liebe Leser,
ein kleiner Zettel grüßt vom Küchentisch: „Mama, Opa wegen Heide anrufen.“ Aha. Nachtigall, ick hör' dir trapsen! Dass es dabei nicht um eine Frau namens Heide geht, ist mir gleich klar. Die Winterheide im Vorgarten meines Vaters steht in voller Blüte. „Das wäre doch etwas für die Phänomene“, meint Herr Papa etwas genant (schwäbisch: schinant). Recht hat er.
Sie ist klein und wirkt zart, doch ihre Blüten trotzen sogar einer Schneedecke. Sie ist ein Tiefstapler des Pflanzenreichs, scheint verletzlich und sensibel, aber die Winter- oder Schneeheide, Erica carnea früher Erica herbacea, versteigt sich bis ins raue Klima des Gebirges hinauf und fasst auf kargem Boden Fuß. Die immergrüne, beliebte Gartenpflanze hat ihre Heimat in den Gebirgen Europas. Bis in Höhen von 2700 Meter erklimmt der Zwergstrauch die Alpen und ist im Tal, Garten und auch auf dem Berg einer der ersten Nahrungsspender im Jahr für hungrige Insekten.
Die nährstoffarmen Böden seiner Standorte erschließt sich die zu den Heidekrautgewächsen gehörende Pflanze mit Hilfe eines Partners: An und in ihren Wurzeln lebt ein Pilz. Bei dieser Symbiose, Mykorrhiza genannt, umschmiegt der Pilz das Feinwurzelwerk der Pflanze. Viele Pflanzen bauen auf die Zusammenarbeit mit den Pilzorganismen. Bei den Heidekrautgewächsen wagen sich Pilzhyphen sogar in die Zellen der Partnerpflanze hinein, was als Endomykorrhiza bezeichnet wird. An diesen Kontaktstellen gibt der Pilz Nährstoffe, die er besser aus den armen Böden lösen kann, an die Heide ab. Im Gegenzug erhält er von der Pflanze synthetisierte Kohlenhydrate. Aufgrund dieser Symbiose sollte der Gartenfreund seinen neuen Heide-Schatz immer mit der anhängenden Topferde einpflanzen.
Zur großen Familie der Heidekrautgewächse, wissenschaftlich Ericaceae, gehören über den gesamten Globus verteilt 3000 bis 4000 Pflanzenarten. Bei dem Großteil dieser Pflanzen sind die Blütenkronblätter verwachsen, was ihnen ein glöckchenartiges Aussehen verleihen kann. Verwandte aus dem Familienkreis der Schneeheide sind beispielsweise die Rhododendren, die Heidelbeere und die Preiselbeere, auch der mediterrane Erdbeerbaum reiht sich hier ein. Nicht zu vergessen die Strauch- oder Besenheide, Calluna vulgaris. Sie ist sozusagen eine Cousine der Schneeheide und sieht dieser sehr ähnlich, blüht aber erst im Sommer und hat keine nadel-, sondern schuppenförmige Blätter. Alle Familienmitglieder verlassen sich bei der Besiedlung meist saurer und nährstoffarmer Böden auf die Hilfe der symbiotischen Pilze.
Der Gartenbesitzer kann sich von Dezember bis April/Mai über die Blüten seiner winterharten Schnee- oder Winterheide freuen. Auf den Internet-Seiten der Gartendatenbank wird dem kleinen Zwergstrauch bescheinigt, zu den beliebtesten Winterblühern zu gehören, „die als Dauerblüher oft monatelang in voller Blüte stehen“. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Verwandten bevorzugt die bis zu 30 Zentimeter große Schneeheide in der wilden Natur kalkhaltige Böden. Sonnig bis halbschattig sollte ihr Plätzchen sein, wo sie besonders in „Rudeln“ gut zur Geltung kommt. Züchter haben sich dem kleinen Gehölz angenommen und eine Farbpalette von weiß über rosa bis rötlich-lila steht dem Hobby-Gärtner inzwischen zur Auswahl. In England finden sich Heide-Liebhaber in so genannten „Heather-Societies“ zusammen und auch in Deutschland geben „Heidefreunde“ Tipps im World-Wide-Web. Die Schneeheide gilt in der Roten Liste der gefährdeten Pflanzen für Deutschland als ungefährdet. In Sachsen allerdings, wie das Regierungspräsidium Chemnitz mitteilt, wird der Zwergstrauch als stark gefährdet eingestuft, was auf Immissionsbelastungen und Versauerung des Bodens zurückzuführen sei.
Wer von der Heide spricht, meint vielleicht weder Frau noch Strauch, sondern einen Landschaftstyp. Dazu, schreibt die Universität Potsdam, können Küstenbereiche von Nord- und Ostsee, Wacholderheiden, Waldheiden und auch Zwergstrauchheiden zählen. Bekanntestes Beispiel für eine Heide ist wohl die Lüneburger Heide im Nordosten Niedersachsens. Nährstoffarme und saure Böden lassen dort nur eine typische Vegetation zu. In der Jungsteinzeit (zirka 5000 bis 2000 v. Chr.) ist dieses Landschaftsbild durch Überweidung von Traubeneichenwäldern entstanden. Durch die Beweidung wurde eine Verjüngung des Waldes verhindert und die Sandböden dort sind geprägt durch die beweidungsresistente Besenheide, Calluna vulgaris. Diese Kulturlandschaft wird mittlerweile vor allem durch die sehr genügsame Schafrasse der Heidschnucken offen gehalten und gepflegt.
„Heiden enthalten eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt, von der der flüchtige Beobachter allerdings kaum etwas bemerkt“, so die Uni Potsdam. Die Kleintierfauna sei auf 2500 Arten zu veranschlagen, „überwiegend hochspezialisierte Insekten wie Wildbienen, Käfer und Schmetterlinge. Durch die spezielle Lebensweise, Schutztrachten, Nachtaktivität fallen sie dem normalen Beschauer aber nicht ins Auge“. Allein 300 Arten seien auf das Heidekraut, sprich die Besenheide, angewiesen. Also, ehrlich gesagt, konnte ich der Pflanze früher nicht viel abgewinnen. Mit zunehmender Lebensweisheit und bei diesen schlagkräftigen Argumenten finde ich sie aber mittlerweile auch sehr hübsch. Calluna vulgaris wird laut Uni-Meldung rund 25 Jahre alt und stirbt dann ab. Im Boden schlummern allerdings bis zu 800000 Samen pro Quadratmeter für bessere Zeiten. Schafe und emsige Gärtner führen durch ihre Pflegemaßnahmen jedoch zu einer Lebensverlängerung der Besenheide. Das ist die gute Nachricht für Papa Rücker, denn seine Besenheide, die zwischen der Schneeheide wurzelt, feiert dieses Jahr 25. Geburtstag. Aber natürlich schnippelt der rüstige Rentner regelmäßig an seinen Heidepflänzchen herum. Das kontrollierte Abbrennen durch offizielle Behörden ist eine Pflegemaßnahme, die auf lange Sicht die Heidelandschaft am Leben erhält. Durch den Rauch sollen Nährstoffe ausgetragen und der Boden für die Calluna-Pflanzen ausgehungert werden.
Summa summarum muss ich meine Abneigung der Heide gegenüber über Bord werfen. Sie ist robust, hübsch und heimisch. Und wenn die Sonne lacht, dann brummt's im Heidegarten schon im Winter vor Unmengen von Bienen.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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