KW 10 – Feuersalamander lebe hoch!
Liebe Leser,
er sieht aus wie die Mischung aus einer verhunzten Wespe und einem Relikt einer längst vergangenen Zeit. Viele von uns hat er durch die Kindheit begleitet: entweder als plattes, totes Etwas auf der Fahrbahn klebend oder als Lurchi vom grünen Heftchen her grüßend. Der Feuersalamander ist unser treuer Begleiter und ein echtes Erlebnis, wenn er einem lebendig vor die Augen kommt.
Es ist mal wieder Zeit für eine redaktionsinterne Umfrage: „Kennt ihr Lurchi?“ quake ich in den Raum. „Ja!“, schallt es aus allen Ecken zurück. Klingt fast wie „Salamander lebe hoch!“. Der Sympathieträger des Schuhfabrikanten reißt Sportredakteurin Eva Wirth zu Begeisterungsstürmen hin: Sammelbände hat sie, „die Büchla!“. Von der Mutter eines und jüngere Exemplare, und ach, was sind die doch „voll toll!“. Da hat sich der Kornwestheimer Schuhbekleider in den 30er Jahren einen klasse Werbeträger angelacht.
Der Schwanzlurch aus der Klasse der Amphibien hatte nicht immer einen derart guten Ruf: Seit dem Mittelalter brachte der Mensch das Tier mit Feuer in Verbindung. Es wurde geunkt, dass sein giftiges Hautsekret Feuer löschen könne, weshalb die bis zu 20 Zentimeter langen Tiere ins Feuer geworfen wurden. In der antiken und mittelalterlichen Welt glaubten die Menschen, der Salamander lebe im Feuer. Jahrhunderte später entwickelte sich ein Salamander genanntes Trinkritual mit brennendem Schnaps und Tisch-Geklopfe. Vielleicht seit dieser Zeit, spätestens aber seit der Erfindung des mutigen Lurchis der Schuhfabrikanten hat der vierbeinige Jäger viele Freunde unter den Menschen gefunden.
In nahezu ganz Europa kriecht unser größter heimischer Lurch herum, allerdings zeigen sich einige Verbreitungslücken, beispielsweise Irland und Nordosteuropa und auch regionale Aussparungen wie das südwestliche Bayern. Durch die Rhön verläuft die Verbreitungsgrenze einer westlichen, gestreiften Unterart, Salamandra salamandra terrestris. Im Osten sind die Tiere gepunktet (Salamandra salamandra salamandra). Jeder Lurchi hat sein individuelles Muster auf dem Rücken, das ihn kennzeichnet. Die Art stellt einige Ansprüche an ihren Lebensraum, unter anderem liebt sie den Laub- und Mischwald, besonders die Buche, schätzt als Winterunterschlupf Höhlen jeder Art, auch alte Gemäuer und benötigt für ihre Sprösslinge möglichst reine Gewässer. Steigen die Temperaturen über den Gefrierpunkt und die Luftfeuchtigkeit auf ein bestimmtes Maß, schütteln die Amphibien die Winterstarre aus dem Körper und werden aktiv. Momentan beginnt die Zeit, in der „trächtige“ Salamanderweibchen sich auf die Suche nach einer geeigneten Kinderstube machen. Die erwachsenen Feuersalamander verlassen tagsüber nur bei Regen ihren Unterschlupf. Normalerweise verbergen sie sich unter Totholz, Felsstücken oder im feuchten Boden, bis die Nacht anbricht. Vom Lebensraum Wasser sind die Adulten weitgehend unabhängig. Abends kommen sie heraus und gehen auf Beutefang. Vor allem Dank guter Nachtsicht, aber auch aufgrund des ausgeprägten Geruchssinns, findet der Räuber Schnecken, Insekten, Regenwürmer und frisst so ziemlich alles, was er fangen und vertilgen kann.
Wenn es dem Feuersalamander richtig gut geht, wie ein Exemplar aus einem Terrarium bewies, erreicht der Kurzbeinige ein Lebensalter von satten 50 Jahren. Auch bei der Paarung bevorzugt der urtümliche Geselle festen Boden unter den Füßen. Ein „ausgiebiges Balzspiel“ gehe dem Vorgang, der wohl am besten mit dem Wort Petting beschrieben werden kann, voraus. Das Männchen verfolgt seine Auserwählte und stupft sie mit dem Kopf an. Für einen, der nicht zu den geistigen Überfliegern der Tierwelt gehört, ist das doch wirklich nett. Letztendlich schiebt sich das Männchen unter das Weibchen – Rücken an Bauch, wohlgemerkt – und umfasst deren Vorderbeine. Dann folgt nicht etwa eine leidenschaftliche Kopulation, aber immerhin ein inniger Körperkontakt, bei dem die Körper aneinander gerieben werden. Der Lurch-Mann kann die Sache relativ stressfrei angehen und einfach nur schmusen. Er macht, was der zweibeinige Schürzenjäger verspricht: „Nur spielen.“ Kein unartiger Schwellkörper, der den Dienst versagt, kann ihn in Panik versetzen, da er seine Spermien einfach als Paket auf dem Boden absetzt. Diese Spermatophore wird dann vom Weibchen in die Kloake aufgenommen, von wo aus die Spermien ihre Reise zu den Eizellen antreten. Die Befruchtung erfolgt somit im mütterlichen Körper.
Hauptpaarungszeit sind die Sommermonate. Auch Frau Lurchi hat mit dem „Sex“ keinen Stress, denn eine Ladung Spermien bleibt über Jahre hin in ihrem Körper hin brauchbar. Nach der Befruchtung dauert es erstaunliche acht bis zehn Monate, bis die kleinen Larven aus dem Mutterleib schlüpfen. Und das muss im Wasser passieren. Die werdende Mutter, die erheblich an Gewicht und Umfang zunehmen kann – ein Phänomen, das auch beim Menschen zu beobachten ist – , wandert zum Gewässer, um dort die Larven zu „gebären“. Kurz vor dem Verlassen des mütterlichen Leibes platzt die Eihülle, wodurch die Lurch-Larven das Licht der Welt unverhüllt erblicken. Biologen nennen diese Form der Fortpflanzung larvipar oder ovovivipar. Auf der Internetseite von www.feuersalamander-dvd.de ist das Spektakel zu sehen.
Die schwarz-gelbe, manchmal auch ins Rötliche gehende, Zeichnung des Salamanders gilt im Tierreich als klares Zeichen für: Stopp, rühr mich nicht an! Die Warnung an Fressfeinde ist durchaus berechtigt, denn die gedrungene Amphibie besitzt neben kleineren Drüsen auf dem Rücken zwei mächtige Ohrdrüsen. Mit diesen kann Salamanadra salamandra in höchster Not sogar sein Gift namens Samandarin bis zu einem Meter weit spritzen. Katzen und Hunde werden sich kein zweites Mal an einem Salamander vergreifen. Entweder, weil sie etwas gelernt haben, oder, weil sie tot sind. Auf den Internetseiten der Universität Zürich wird dem starken krampfauslösenden Gift bescheinigt, einen sechs Kilogramm schweren Hund ins Jenseits befördert zu haben: „Der Hund starb 1,5 Stunden, nachdem er einen Salamander gefressen hatte.“
Die Schwanzlurche sind folglich in der Lage, ihren potenziellen Fressfeinden Paroli zu bieten. Doch vor allem der Mensch macht es den Lurchen schwer. Dezimierungen durch Biotopverluste und den Fahrzeugverkehr katapultierte die Art auf die Vorwarnliste der Roten Liste der bedrohten Tiere. Schade, Lurchi ist nämlich ein richtiger Hingucker, wenn er im urigen Passgang durch die Gegend stolziert. Wenn schon der Schuhfabrikant dem Schwabenland den Rücken kehrt, dann soll wenigstens der echte Lurch uns treu bleiben. Salamander lebe hoch!
Sabine Rücker
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