KW 1 – Hansi und der Schwarzspecht
Liebe Leser,
in der letzten Phänomene-Folge ging’s um Glücksgefühle. Jetzt verrate ich Ihnen mal, wann die Freude mich überkommt: Sobald ich einen Blick auf eine wilde Schönheit unserer Natur – wie neulich den Schwarzspecht – werfen kann, bin ich selig. Zum Leidwesen meiner Lieben...
Eine Hand grabscht nach der Jacke des Spaziergängers. „Pssst!“, raunt die Begleiterin und unterbricht somit jäh den Redeschwall ihres Liebsten. „Dort, im Wald“, nuschelt sie dem Überraschten zu. Dieser steht, von der Hand fixiert, perplex in der Gegend herum, und weiß nicht recht, was los ist. Meine Güte, ist doch klar wie Kloßbrühe: Ein Schwarzspecht hat sich in dem kleinen Wäldchen blicken lassen. Wer sich einen Naturbegeisterten als Lebenspartner auserkoren hat, der muss schon eine Portion Leidensfähigkeit mit in die Partnerschaft bringen.
Aber immerhin schwirrte unser größter heimischer Specht, Dryocopus martius, durchs schöne Auricher Kreuzbachtal. „Sagenhaft“, rief die nervige Vogelfreundin aus – bei der es sich um mich handelte – „eine Rarität!“. Das war schlichtweg gelogen. In der Euphorie kann das aber einfach mal passieren. Nach Durchforstung von Literatur und Internet zeigte sich nämlich, dass der Schwarzspecht in deutschen Wäldern keineswegs selten ist. Laut Naturschutzbund Deutschland (Nabu) wird der Bestand bundesweit auf 28000 bis 44000 Brutpaare geschätzt. Vermutlich wird der etwas plumpe Vogel oft mit einer Krähe verwechselt. Trotz seines trägen Erscheinungsbildes huscht er erstaunlich schnell durchs Unterholz. Die Größe kommt mit einer Körperlänge von bis zu 46 Zentimetern und einer Spannweite an die 73 Zentimeter den Rabenvögeln nahe. Rabenschwarz ist das Gefieder, nur den Kopf des Männchens ziert ein roter Fleck, beim Weibchen sitzt dieser, etwas kleiner geraten, am Hinterscheitel. Exotisch wirkt bei diesem großen Flattermann jedoch, wenn er sich nach Spechtmanier am Stamm der Gehölze niederlässt. Das macht keine Krähe. Und da muss der Lebensgefährte eben einmal den Schnabel halten und ehrfürchtig in den Wald glotzen. Auch wenn sich der Vogel dann natürlich nicht mehr blicken lässt.
Dem Schwarzspecht gebührt Respekt, denn als Pionier ebnet er mit seinen großen, gezimmerten Baumhöhlen den Weg für andere Höhlenbrüter. Darunter Hohltaube, Eulenarten, Siebenschläfer sowie Fledermäuse und soziale Insekten. Die Deutsche Wildtierstiftung hat ihn daher zur Schlüssel- oder Indikatorart auserkoren, die den Zustand des Ökosystems Wald anzeigen kann. Mit bis zu 17 Anschlägen pro Sekunde hämmert er seine Behausung in Baumstämme, wobei der Spechtschädel mit einer Art Stoßdämpfer vor Schaden bewahrt wird.
Der große Specht zeigt eine bei der Wahl der Bausubstanz eine ausnehmende Vorliebe für über 100 Jahre alte Buchen, aber auch Nadelbäume werden nicht verschmäht. Im Alter von einem Jahr werden die Jungspechte geschlechtsreif. Beim Zimmern der Nisthöhle im März/April herrscht Gleichberechtigung, beide Partnern schaffen mit und vertiefen auf diese Weise ihre Bindung. Das behauptet die Internetenzyklopädie Wikipedia. Die Seiten von Spechte-online schildern die Wohnungs- und Partnerfindung etwas anders: Sobald ein Männchen seine Höhle gezimmert hat, lässt es seinen Balzgesang hören. Kommt ein Artgenosse an, umfliegen sich die beiden mit lauten kwih-kwih Rufen. Handelt es sich um ein Weibchen, fliegt der Herr im Hause den Höhleneingang an und gibt diese dann zur Besichtigung frei. Rivalen werden vertrieben. Natürlich spielt auch das Trommeln bei der Kommunikation eine große Rolle. Bis zu drei Kilometer weit sind diese Trommelwirbel zu hören. Besonders ins Zeug legen sich Exemplare in voller Manneskraft: Mehrere hundert Wirbel lassen sie pro Tag vom Stapel, bis zu drei Stück pro Minute. Mit ihrer Stimme geizen die Großspechte ebenfalls nicht. Das ganze Jahr über lassen die Tiere ihren Warn- und Flugruf, ein „krrück...krrück...krrück“ hören. Beim Landen entfährt dem mächtigen Schnabel häufig ein gellendes „KLIIE-äh“, beschreibt der Kosmos-Vogelführer.
Die Ornithologen in dem Handbuch über die Charaktereigenschaft des Trommlers: „Sehr vorsichtig, aber auch neugierig, lässt sich durch Pfeifen anlocken.“ Ja, meine Damen, mein Liebster versucht das, um mich glücklich zu machen. Er scheut nicht davor zurück am Schwarzspechtwäldchen inne zu halten, den Finger abzuspreizen und mit einem „Haaaansi“ und zarten Pfiffen die Vögelchen zu locken. Hat natürlich noch nie funktioniert, ist aber sehr unterhaltsam.
Der Vogel aus der Familie der Spechte, Picidae, bevorzugt Schlaf- und Nistplätze in luftiger Höhe von bis zu 20 Metern. Seine hölzernen Röhren erreichen eine Tiefe von bis zu 60 Zentimetern. Die Konstruktionszeit beträgt rund vier Wochen. Zusätzlich zimmert sich der schwarz Gefiederte noch diverse Schlafhöhlen. Ab Mitte Mai werden die zwei bis sechs Jungvögel, die das Saisonpärchen großzieht, flügge. Eine besondere kulinarische Vorliebe hat der Schwarzspecht für Ameisen, die er entweder am Holz freilegt oder aus Baumstümpfen hackt. Gliederfüße stellen seine Hauptnahrung dar, nur ganz selten verirrt sich hier und da mal eine Beere in seinen Schlund.
Seit dem 18. Jahrhundert verhalf der Mensch dem Schwarzspecht mit seiner Hochwaldwirtschaft bei der Zunahme und Ausbreitung der Population. Inzwischen befürchten Naturschutzverbände eine Gefährdung der Tierart durch eine zu intensive Forstwirtschaft. Vaihingens Revierförster Ulrich Weik: „Wir achten darauf, dass die Bäume mit den Höhlen – sofern sie die Verkehrssicherheit nicht gefährden – als Spechthöhlen stehen bleiben.“ Dann hat mein Schatz ja noch Chancen auf einen Schwarzspecht, wenn er seinen Zeigefinger ausspreizt und liebevoll „Haaansi...“ in den Wald ruft.
Sabine Rücker
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