KW 52 – Auf der Suche nach dem Glück
Liebe Leser,
die gute Nachricht: Top-Verdiener sind trotz exorbitanter Summen, die ihre Konten aufweisen, der Wissenschaft nach nicht wesentlich glücklicher als Sie und ich. Habe ich Sie mit dieser Mitteilung nicht ein wenig glücklich gemacht? Gerade jetzt zur Jahreswende wünscht man sich und den anderen jenen Zustand, über den sich Experten den Kopf zerbrechen.
„Kinder machen nicht glücklich.“ Mit dieser Aussage habe ich den Frieden an der heimischen Weihnachtstafel vor wenigen Tagen kurzzeitig bedroht. Dabei habe ich an jenem besinnlichen Nachmittag doch nur zitiert, was Glücksforscher nach der Analyse von Untersuchungsergebnissen von sich geben. Beispielsweise Soziologieprofessor Ruut Veenhoven von der Erasmus Universität in Rotterdam. Er erkennt, dass die Glückskurve frisch Verheirateter nach oben schnellt. In den folgenden Jahren fällt sie nur leicht ab – außer, Kinder werden geboren, dann rutscht sie in den Keller. Veenhoven schlussfolgert, dass Kinder einen konstant negativen Einfluss auf das Glück der Menschen und die Qualität der Ehe haben. Ab einem Lebensalter von 50, so der Soziologe tröstend, sehen die Befragten ihre Lebensqualität wieder positiver. US-Psychologe Daniel Gilbert setzt noch einen drauf: Kinder seien negativ für das tägliche Glücksempfinden und hätten die gleiche Wirkung wie eine Art Heroin.
Ach, die lieben Kleinen, dabei sind sie doch so zuckersüß. Sie bringen einem so viel Freude: Irgendwo zwischen den Phasen des Zahnens, des Trotzens, der Vorpubertät, der Pubertät und der eigenen Menopause... Außerdem sollte es nicht der Lebenszweck der Sprösslinge sein, uns glücklich machen zu müssen. Was aber bringt dann das Hochgefühl über die Menschen?
Schon vor Christi Geburt zerbrachen sich Philosophen den Kopf um das Streben des Menschen nach dem Glück. Bei Platon, einem Schüler von Sokrates, kann der Mensch nur dann glücklich sein, wenn seine drei Seelenteile im Gleichgewicht sind. Sein Schüler Aristoteles wiederum wähnt das große Glück in der Einbringung der menschlichen Fähigkeiten in die Gemeinschaft. Die Glücksphilosophie des Mittelalters hängt eng mit dem Christentum zusammen und auch die Philosophen der Moderne bewegten den Glücksbegriff in ihrem Herzen. Die Amerikaner nahmen das Streben nach Glück in ihre Unabhängigkeitserklärung auf. Die Definition von Glück ist eben einfach kein einfaches Unterfangen. Neurologen, Psychologen, Theologen und seit neuestem Ökonomen fragen sich: Wie definiert man Glück und wie kann der Mensch diesen Zustand erreichen?
Physiologisch messbar wird die Freude in unserem zentralen Denkorgan. Nervenfasern feuern, Hormone wallen. Ein Botenstoff der Vorfreude ist das Dopamin. Seine Ausschüttung im Vorderhirn lässt uns in freudige Erregung geraten: Vielleicht ist das lang ersehnte Schnäppchen in greifbare Nähe gerückt oder es steht ein Wiedersehen bevor. Holt man den heiß erwarteten Besuch dann vom Bahnhof ab, kommt der Frontallappen hinter den Augenhöhlen mit ins Spiel. Wir freuen uns, sind glücklich und schließen wir den Schatz in die Arme meldet der Lappen hinter den Augen ans Vorderhirn: Mission geglückt. Dopamin spielt auch eine Schlüsselrolle im „Hirnbelohnungssystem“ in Sachen Drogen.
Menschen, die sich Glücksmomente schaffen möchten, sollten ihre Neugierde in Schwung halten, rät Professor Gregory Berns von der Universität in Atlanta. Neue Erfahrungen regen die Dopaminproduktion an und sorgen so für eine Wohlgefühl. Prof. Dr. Willibald Ruch von der Universität Zürich ist sogar der Meinung, dass der Charakter in Bezug auf die Glücksvermehrung geschult werden kann. Optimismus, Ausdauer, Neugierde und Humor sowie Bindungsfähigkeit tragen seiner Meinung nach zur Lebensfreude bei. „Wir haben die Annahme, dass man diese Stärken trainieren und insofern selbst viel dazu beitragen kann, ein glücklicheres Leben zu führen“, so der Wissenschaftler in einem Interview mit dem duz-Hochschulmagazin. Etwas anders sieht das der Genetiker und Psychologe David T. Lykken der Universität Minnesota. Er kam nach der Befragung von Zwillingen zu der Überzeugung, dass jeder Mensch ein persönliches Glücksniveau hat. Dramatische Ereignisse wie schwere Erkrankungen oder auch ein Lottogewinn werfe die Personen zwar kurzzeitig aus der Bahn, doch unweigerlich komme das Individuum wieder in sein ganz eigenes Fahrwasser der Glückseligkeit zurück.
Einige Psychotherapeuten setzen bei der Behandlung von Patienten auch auf den so genannten Flow. Dabei handelt es sich um einen Zustand, in dem jemand derart in eine Tätigkeit vertieft ist, dass er dabei Zeit und Raum vergisst. Manche klopfen an Rostlauben, baden die Hände in Altöl. Andere joggen, stecken Lego-Steine zusammen oder legen einen Tanz aufs Parkett. Wichtig für einen Therapieerfolg ist dabei, Aufgaben bewältigen zu können, die weder zu schwer, noch zu leicht sind.
Das Schöne und Erstaunliche an der Sache mit dem Lebensglück: Geld spielt nicht die Hauptrolle. Dieses Phänomen ist bei Experten als „Fortschrittsparadox“ bekannt. In den westlichen Industrienationen haben sich sowohl das Einkommen wie auch die Lebensumstände durchschnittlich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Doch Geld, so die Forscher, mache nur bis zu einem gewissen Punkt glücklich. Wer einmal in der Mittelschicht angekommen ist, dem beschert mehr Geld nicht zwangsläufig mehr Zufriedenheit. Der Gewöhnungsfaktor lässt Glücksgefühle verblassen.
Wer von den Schwerreichen allerdings seinen Wohlstand mit Bedürftigen teilt, tut auch sich selbst etwas Gutes, denn: Menschen, die sich für andere einsetzen, fühlen sich besser. Das gilt natürlich auch für „Normalverdiener“. Wer dann noch mehr Zeit mit der Familie oder Freunden verbringt und den Fernseher öfter kalt lässt, dessen Chancen auf das Glück steigen. Verheiratete sollen angeblich durchschnittlich glücklicher sein als Singles und auch Sex und Religiosität tragen zur Euphorie bei. Außerdem fördert Sport und Lächeln das Wohlgefühl ungemein. Aber nur das echte Lächeln zählt. Wir üben das jetzt mal gemeinsam: Ziehen Sie Ihre Mundwinkel sachte nach oben und – ganz wichtig! – legen Sie Ihre Augen in Falten. Erst das so genannte Duchenne-Lächeln, bei dem die Augenringmuskeln sich kontrahieren, überzeugt unsere Artgenossen von der Echtheit der Gemütsregung. Und vor allem: Es überzeugt sogar unser eigenes Gehirn und regt das Glücksgefühl an.
Nicht selten ist es gerade so, wie der Schriftsteller Nikolaus Lenau es beschrieb: „Viele suchen ihr Glück, wie sie ihren Hut suchen, den sie auf dem Kopf tragen“. Also: Zaubern Sie sich ein Lächeln auf das Gesicht und finden Sie Ihren Hut und Ihr Glück im neuen Jahr!
Sabine Rücker
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