KW 51 – Von Orgelpfeifen und Forschern
Liebe Leser,
alle stehen in den Startlöchern: Engel, Weihnachtsmänner, Alte und Junge und ganz besonders die Organisten. In der Weihnachtszeit sind die Kirchen gut gefüllt und der Musiker an der Orgel zeigt, was in seinem Instrument steckt. Seite an Seite sitzen die Schäflein auf den Bänken, singen, beten und lassen sich von der „Königin der Instrumente“ in den Bann ziehen. Forscher haben vor kurzem das Geheimnis um den schönsten Pfeifenklang gelüftet – unter anderem sehr zur Freude von Bezirkskantor Hansjörg Fröschle aus Vaihingen.
Was ist eines der letzten Dinge, das Sie mit einer Orgel in Verbindung bringen würden? Das Max-Planck-Institut für Metallforschung, stimmt’s? Das ist aber ein Trugschluss, denn die Wissenschaftler aus dem Stuttgarter Westen haben sich intensiv mit dem besten Ton, der je aus Orgelpeifen wehte, befasst: dem Klang barocker Kirchenorgeln. Dr. Brigitte Baretzky vom Max-Planck-Institut für Metallforschung (MPI) und ihre Mitstreiter waren rund drei Jahren lang auf der Suche nach dem wunderbaren Laut der barocken Instrumente. Zwar würden auch heutzutage ordentlich klingende Orgeln gebaut, diese seien allerdings einfach nicht mit dem Klangbild der Barockzeit vergleichbar. Baretzky: „Das ist der Unterschied zwischen einer Stradivari und einer billigen japanischen Indurstriegeige. Oder wenn Sie einmal in einem Sterne-Restaurant essen und das andere Mal in der Mensa.“
Orgelklänge lassen selbst sporadischen Kirchengängern die Ehrfurcht in die Glieder fahren. Von der monumentalen Größe der meisten Instrumente einmal abgesehen, ist das Klangvolumen einer Kirchenorgel für ungeübte Ohren umwerfend. Für Laien ist dabei nicht relevant, ob es sich um ein barockes oder neuzeitliches Instrument handelt. Eine Hammond-Orgel in ein Gotteshaus hineinzustellen und darauf zu klimpern wäre aber für alle Beteiligten nicht sonderlich befriedigend.
Die Orgeln, von denen hier die Rede ist, werden Pfeifenorgeln genannt, sie gehören zu den Aerophonen. Wie poetisch: Wenn der Orgelwind weht durch das Aerophon. Die räumliche Ausdehnung einiger Exemplare ist einmalig: Die Boardwalk-Hall-Orgel in Atlantic City in den USA gilt als größtes Musikinstrument der Welt. Um die 33000 Pfeifen besitzt diese Orgel und sie hält drei Rekorde im entsprechenden Guinness-Buch.
Doch auch die „Königin der Instrumente“ hat einmal klein angefangen. Ihre Geschichte reicht weit zurück: Rund 200 v. Chr. vergnügten sich die Griechen bei Orgeltönen. Ab dem 9. Jahrhundert nach Christi kam die Orgel in Westeuropa in den Kirchen in Mode. Zum Hauptinstrument der christlichen Liturgie wurde die Orgel ab dem 12. Jahrhundert in der Gotik. Die Blüte des Orgelbaues in einigen europäischen Regionen lag im Barock, im 17. und 18. Jahrhundert.
Damit das Tasteninstrument seinen Zauber ausbreiten kann, muss Wind durch die meist metallenen Pfeifen fegen. Die Länge schwankt zwischen wenigen Zentimetern und mehreren Metern. Je größer und „dicker“ die Pfeife, umso tiefer der Ton. Früher schwitzten zur Winderzeugung bis zu zwölf Balgtreter, die mit Muskelkraft in einem Extraraum riesige Blasebalge bearbeiteten. Die Luft wurde in einem Reservoir gesammelt und bei Bedarf den Pfeifen zugeführt. Heute übernimmt ein Elektromotor die Arbeit der Balgtreter.
Die Königin der Instrumente, sie ist eine komplexe Angelegenheit, ganz so, wie sich das für eine Adlige gehört. Organisten sind diejenigen, die der Monarchin Töne entlocken. Sie können in der Tat „alle Register ziehen“ – korrekt gesagt: alle Registerzüge ziehen. Denn als Register werden Pfeifengruppen mit der gleichen Klangfarbe bezeichnet. Die Musiker sitzen an ihrem Spieltisch, um mit Registerzügen, Tasten und Pedalen alles aus dem Tasteninstrument herauszuholen.
Denn der Meister über die Pfeifen hat die Möglichkeit, diese so erklingen zu lassen, als würden sich viele Instrumente in den Notenreigen einmischen. Orgelbauer versuchen sogar, die menschliche Stimme zu imitieren. Ein solches „Vox-Humana-Register“ konnte dank der Hilfe der Stuttgarter Physiker vor kurzem an der Casparini-Orgel in der Heilig-Geist-Kirche im litauischen Vilnius wieder aufleben. In dem von der Europäischen Union geförderten Projekt Truesound untersuchten die Forscher aus dem Stuttgarter MPI die Materialzusammensetzung von Orgelpfeifen. Und zwar von Zungenpfeifen, wie sie in höherwertigen Instrumenten zu finden sind. Sie sollen vor allem die Illusion von Posaune und Waldhorn und eben der menschlichen Stimme beim Orgelspiel erschaffen.
Während beim anderen gebräuchlichen Pfeifentyp, der Lippenpfeife, eine Kante die Luftsäule in Schwingung versetzt, funktioniert die Zungenpfeife mit Hilfe eines dünnen Messingplättchens, der Zunge. Diese vibriert über einer Messingrinne, der Kehle, und schickt so die Schallwellen auf den Weg. Die Zunge wurde von den Forschern unter die Lupe genommen. „Wie haben die das damals gemacht?“, war die Frage, die es zu beantworten galt. Ein ganz wesentlicher Punkt bei der Schallerzeugung ist der Materialmix. Vier Forschungseinrichtungen und fünf Orgelbauer aus verschiedenen Nationen haben dem verlorenen Klang barocker Orgeln nachgespürt. Die Zungenpfeifen von 30 historischen Instrumenten aus neun europäischen Ländern wurden hierzu untersucht. Oberstes Gebot der Tonjäger: Die Pfeifen durften nicht zerstört werden. Mit modernsten Untersuchungsmethoden wurde die Zusammensetzung des Zungenmaterials analysiert. Hauptbestandteile der Zungen und Kehlen sind die Metalle Kupfer, Zink und Blei. Als die Wissenschaftler bei ihren Auswertungen das Baujahr des Instrumentes mit den Ergebnissen der Analysen verknüpften, standen sie vor einem Rätsel. Sowohl der Zink, als auch der Bleigehalt zeigten eine merkwürdige Verteilung. Bis zirka 1740 bestand das Messing, eine Kupfer-Zink-Legierung, zu rund 26 Gewichtsprozent aus Zink. Dann stieg dieser Gehalt sprunghaft auf über 32 Gewichtsprozent. Die Erklärung: Erst ein neues Verfahren eines britischen Tüftlers 1738 ermöglichte die Herstellung von reinem Zink, wodurch dessen Gehalt in der Legierung anstieg. Auch der Bleigehalt des Messings war keineswegs einheitlich und an und für sich schon erstaunlich. Denn das Schwermetall ist in der Legierung nicht erwünscht, es kann das Messing sogar brüchig machen. Im Jahr 1624 lag der Bleigehalt trotzdem bei rund acht Gewichtsprozent, nahm dann langsam ab und lag in der Mitte des 18. Jahrhunderts bei ungefähr zwei Gewichtsprozent. Ab 1820 enthielt das Messing der Zungenpfeifen kein Blei mehr. Dieses Rätsel lösten die Forscher, indem sie über den Tellerrand zur Kanonenproduktion jener Tage schielten. Sie stellten fest, dass sich der Bleigehalt der zwei sehr unterschiedlichen Produkte im Laufe der Jahre genau gleich entwickelte. Baretzky und ihre Kollegen folgerten daraus, dass „Blei nicht absichtlich zugegeben wurde, sondern schon im Kupfer vorhanden und gewissermaßen ein notwendiges Übel war“. Um nun Orgelpfeifen originalgetreu nachbauen zu können, warfen die Truesound-Wissenschaftler in Stuttgart einen stillgelegten Schmelzofen an und gaben dem Messing die gefundenen Gewichtsprozente der Metallanteile zu. Gemeinsam mit russischen Forschern haben die Stuttgarter zwei Arten des barocken Messings gemischt. Und mit einer nicht minder ausgefeilten Bearbeitungstechnik erblicken, Jahrhunderte nach den Originalen, die neuen-alten Pfeifen das Licht der Welt.
35 Register mit 2600 Pfeifen sorgen an der Orgel in der Vaihinger Stadtkirche für Musik in den Ohren. Auch hier sitzen Zungenpfeifen, etwas versteckt und neueren Datums. Bezirkskantor Hansjörg Fröschle, studierter Kirchenmusiker, spielt seit seinem 15. Lebensjahr Orgel. Organisten, die ihre Passion hauptberuflich ausleben möchten, müssen ein vierjähriges Studium an einer Musikhochschule absolvieren. „Die Faszination am Instrument ist ungebrochen“, verrät der 48-Jährige, der als Pfarrerssohn in gewisser Weise vorbelastet war. Fröschle zu den Erkenntnissen der Wissenschaftler: „Es ist wichtig, dass ein renommiertes Institut mit modernsten wissenschaftlichen Methoden forscht, um alte Instrumente restaurieren und nachbauen zu können.“
Der Prospekt, die prachtvolle Holzverkleidung der Orgel in der Stadtkirche, ist original erhalten aus dem 18. Jahrhundert. 1710 verlangte Dekan M. Hauber, „eine Orgel in die Kirche bauen zu lassen“. Orgelbauer Nicolaus Franciscus Lamprecht, der sich an der Stadtkirche in Göppingen aufhielt, bot Vaihingen einen Orgelbau um 700 Gulden an. Die Stadt konterte mit einem Gegenangebot über 500 Gulden. Im November 1710 „befragte man die Bürgerschaft, um festzustellen, was jeder bereit sei, zu der neu aufzurichtenden Orgel, die über zehn Register verfügen sollte, beizutragen“. Daraufhin wurden statt zehn zwölf Register eingebaut und Lamprecht erhielt 550 Gulden. Zum Preis von 20 Gulden verzierte ein Schreiner das Instrument, die Orgel war um 1713 fertig gestellt (Quelle: „Die Geschichte der Stadt Vaihingen an der Enz“).
Den tiefsten Ton erzeugt der Organist in der Stadtkirche durch die 5,4 Meter hohe Lippenpfeife. Fröschle: „Diese Orgelpfeife kommt aus dem Ulmer Münster.“ Das Innenleben der Kirchenorgel stammt aus dem Jahr 1968. Eine besondere Kunst der Orgelbauer ist außerdem, das Instrument so im Raum zu platzieren, dass die Akustik optimal zur Geltung kommt. Ein Schmaus für Ohr und Auge sei auch die Orgel in der Martinskirche in Enzweihingen, so Fröschle. Dort steht ein Zungen-Register, die so genannte Spanische Trompete, waagrecht.
Eine Orgel, die mit Hilfe der Truesound-Ergebnisse nicht nur restauriert, sondern im Stil der Barockzeit neu gebaut wurde, steht im schwedischen Göteborg: „Die Orgel klingt ganz hervorragend. Man ist der historischen Orgelbaukunst eindeutig näher gekommen. Das Truesound-Projekt stellt für die Alte Musik einen großen Gewinn dar“, so Orgelexperte Prof. Harald Vogel. Das nächste Forschungsprojekt in Sachen Orgel steht schon an: Lange Lippenpfeifen sacken bisweilen ein wie ein Strohhalm. Ein klarer Fall für die Materialforscher.
Ab und zu liegt die Lebenskunst aber auch im Mangel an Fachwissen: Der Laie kann im Gotteshaus schlicht und ergreifend die Augen schließen, die Ohren aufsperren und sich vom Klang der Heimat-Orgel entführen lassen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein laien- und zauberhaftes Weihnachten. Passen Sie aber bitte auf, dass Sie nach Weihnachten nicht zu „verorgelt“ aussehen.
Sabine Rücker
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