KW 50 – Super, Normal und verbleites Benzin
Liebe Leser
noch vor Weihnachten hat uns das „Geschenk“ der Mineralölfirmen erreicht: Super- und Normalbenzin sind gleich teuer. Wissen Sie, was die beiden Treibstoffarten unterscheidet? Und kennen Sie Thomas Midgley?
Es gibt Leute, die das Schicksal der gesamten Menschheit beeinflussen, die aber überraschenderweise fast keiner namentlich kennt. Einer dieser namenloser Schicksalsträger war Thomas Midgley, 1889 in Amerika geboren. Ein Historiker über Midgley: „Er hatte mehr Auswirkungen auf die Atmosphäre als jeder andere Organismus in der Erdgeschichte.“ Der junge Maschinenbau-Ingenieur Midgley arbeitete bei General Motors, als er im Jahr 1921 einen Stoff namens Tretraethylblei näher unter die Lupe nahm. Dabei stellte er fest, dass mit dieser Substanz versetztes Benzin das Klopfen bei Verbrennungsmotoren verhindert. Das verbleite Benzin war geboren.
Autor Bill Bryson beschreibt in seinem Buch „A short history of nearly everything“ den Siegeszug der giftigen Bleiverbindung: Drei der größten amerikanischen Unternehmen gründeten auf die Entdeckung hin die Ethyl Corporation. Diese hatte laut Bryson das Ziel, so viel Tetraethylblei herzustellen, „as the world was willing to buy“, wie die Welt gewillt sein würde zu kaufen. Blei war durchaus als Giftstoff bekannt. Bei Erkrankung der Mitarbeiter ließen sich Firmensprecher zu wundersamen Aussagen wie „diese Männer wurden vermutlich verrückt, weil sie so hart arbeiteten“ hinreißen. Etliche Arbeiter verloren ihre Gesundheit oder starben sogar aufgrund einer Bleivergiftung während der Herstellung von verbleibtem Kraftstoff.
Das neue Produkt geriet in Verruf. Thomas Midgley kreierte den Gegenschlag. Bei einer Pressekonferenz übergoss er sich mit dem toxischen Tetraethylblei, um die Journalisten von dessen Harmlosigkeit zu überzeugen. Und das, obwohl er nur Monate vorher durch die bleihaltige Verbindung ernsthaft erkrankt war. Mehr oder weniger zufällig wurde das Desaster um die Umweltverpestung durch verbleites Benzin entdeckt. Erst im Jahre 1988 wurde verbleites Normalbenzin in Deutschland verboten, seit 1996 verzichtet die Mineralölindustrie auf verbleites Superbenzin.
Thomas Midgley ging in den 20er Jahren weiteren Forschungen nach, nur um – man glaubt es nicht – Anfang der 30er Jahre die Vorzüge der Flourchlorkohlenwasserstoffe als Kühlflüssigkeit in Kühlschränken und als Treibgas zu entdecken. Eines der übelsten Treibhausgase strömte sobald in Massen von der Erde in Richtung luftleerer Raum. Midgley konnte diese Mal in der Tat nicht ahnen, dass er der „schlimmsten Erfindung des 20. Jahrhunderts“, so Bryson, zu ihrem Siegeszug verhalf. Makaber mutet der Tod des Erfinders vor dem Hintergrund seiner irrwitzigen Erfindungen an. Im Alter von 51 Jahren erkrankte der Forscher an Kinderlähmung. Er erfand kurzerhand eine motorisierte Seilkonstruktion, mit Hilfe derer er sich in seinem Bett drehen und wenden konnte. 1944 verhedderte er sich derart unglücklich in seinen Seilen, dass er sich strangulierte.
Liebe Leserinnen, auch wenn mir das Herz blutet, muss ich Sie nun warnen. Falls Sie kein Interesse an technischen Details eines Verbrennungsmotors haben – geben Sie die Zeitung bitte jetzt an Ihren Mann weiter. Lesen Sie aber vorher noch den letzten Absatz. Für die wackeren Technik-Freaks geht’s mit Geklopfe weiter. Der bleihaltige Zusatzstoff Tetraethylblei sollte, wie schon erwähnt, die Klopffestigkeit des Treibstoffes erhöhen. Heute wird die Klopffestigkeit bei Benzin durch ein bestimmtes Mischungsverhältnis anderer Substanzen erreicht.
Als Klopfen wird im Zusammenhang mit Motoren eine ungewollte Verbrennung durch Selbstentzündung bezeichnet. Auf die Dauer schadet es dem Motor. Beim Ottomotor, der gerne Normal oder Super schluckt, sorgt die Zündkerze für eine definierte Verbrennung eines Benzin-Luft-Gemisches. Mit Hilfe des Zündfunkens wird das komprimierte Gas im Brennraum des Zylinders zur Explosion gebracht. Diese Energie wird – vereinfacht gesagt – durch den Kolben, das Pleuel und die Kurbelwelle in Bewegungsenergie umgesetzt. Im Gegensatz dazu wird beim Dieselmotor zunächst reine Luft komprimiert und erst kurz vor dem oberen Totpunkt wird der Dieselkraftstoff eingespritzt. Die Luft erhitzt sich bei der abrupten Kompression enorm, der eingespritzte Dieselkraftstoff explodiert, das Gemisch expandiert und der Kolben bewegt sich. Dieselmotoren lieben folglich zündfreudige Kraftstoffe.
Normal- und Super-Benzin sind unterschiedlich klopffest, das zeigt sich an der so genannten Oktanzahl. Normal-Benzin weist eine Oktanzahl von mindestens 91, Super dagegen mindestens 95 auf und die noch teureren Kraftstoffe wie Shell V-Power oder Aral ultimate haben eine Oktanzahl von mindestens 100. Normal und Super kosten nun gleich viel. Aufwärtskompatibel zu tanken stellt anscheinend kein Problem dar, soll heißen: Mein Normalbenziner darf auch Super schlucken. An mancher Zapfsäule wird sogar dazu geraten, Super zu tanken, da dann angeblich mit einer Tankfüllung mehr Kilometer gefahren werden können. In der Internetenzyklopädie Wikipedia heißt es dazu allerdings: „Die Verwendung von oberhalb der Motorspezifikation liegenden Oktanzahlen bringt im Regelfall keine Vorteile.“ In Internet-Foren herrschen geteilte Meinungen. Moderne Motoren besitzen meist so genannte Klopfsensoren, die den Zündpunkt der Klopffestigkeit des Sprits anpassen. Mein Selbstversuch mit meiner Knutschkugel ist noch nicht abgeschlossen. In Sachen Premium-Kraftstoffe mit hoher Oktanzahl stellte sich beim ADAC-Test heraus: Teuer und kein Wunder-Elixier fürs Auto. Der ADAC empfiehlt: „Tanken Sie das Benzin, das der Hersteller Ihres Autos vorschreibt.“ Ein Blick in die Betriebsanleitung genügt: Dort steht die für den Betrieb des Motors empfohlene Oktanzahl.
Hallo liebe Leserinnen, auch wieder da? Schauen Sie doch alle mal in die Betriebsanleitung Ihres Wagens. Mir fiel bei der Gelegenheit ein, dass mein Kleiner eine Nebelschlussleuchte besitzt. Jetzt weiß ich wieder, wie die angeht.
Sabine Rücker
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