KW 49 – Altruismus und der Weihnachtsmann
Liebe Leser,
sie hat begonnen und zieht uns in ihren Bann: die Vorweihnachtszeit. Friede, Freude, Mandelplätzchen. Unsere Gedanken schwirren um die Frage, was man den Liebsten unter den Gabentisch legen kann. Und zu guter Letzt fiebert der Weihnachtsmann seiner Aufgabe entgegen: Entgeltlos Geschenke zu verteilen. Er ist der Held, die personifizierte Selbstlosigkeit. Anders gesagt: Ein Ausbund an Altruismus – oder etwa nicht?
„Dieser alte Mann im roten Mantel entpuppt sich als schnöder Erfüllungsgehilfe der Marktexpansion.“ Autsch! Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Rudolf Hickel desillusioniert jeden treuen Weihnachtsmann-Fan. Der Weihnachtsmann, auf den sich die Wünsche der Kinder projizieren, habe mit der christlichen Weihnachtsidee „nun auch gar nichts zu tun“, verkündet der Forscher der Universität Bremen. Da fällt der Held der Selbstlosigkeit in die Tiefen der Gewinnmaximierung. Essig war’s mit dem Altruismus. Dabei hätte man doch wenigstens in der Weihnachtszeit zu gerne an das Gute geglaubt, die Selbstlosigkeit des Menschen, an den Sieg über den Egoismus. Das Thema füllt Bücher und Internetseiten, streift zahllose Wissenschaftszweige. Der Laie ist bald mit widersprüchlichen Erkenntnissen im Hinterstübchen überfordert. Aber keine Angst, mehr als ein paar Streiflichter sind hier in den Phänomenen nicht möglich.
Als Altruismus bezeichnen Biologen ein Verhalten, „das einem anderen Individuum hilft, während es für den Handelnden ein Risiko oder einen Nachteil mit sich bringt“, so der Biologie-Wälzer von Campbell und Markl. Eigentlich schien der gute alte Naturforscher Charles Darwin im 19. Jahrhundert den Mechanismen der Entstehung der Arten auf die Spur gekommen zu sein. Ein wichtiger Grundsatz dabei war, dass der Fitteste überlebt und versucht, sein eigenes Erbgut an die nächste Generation weiterzureichen. Darwin hatte gute Arbeit geleistet, aber ein „ernsthaftes Problem seiner Theorie“ konnte er nicht lösen: Das Phänomen des Altruismus im Tierreich. Erdhörnchen fühlen sich beispielsweise in einer Kolonie sauwohl. Um die ganze Meute vor einem nahenden Feind zu warnen, gibt sich ein Tier scheinbar selbstlos in Gefahr: Es schiebt Wache und warnt die Kumpels mit einem Pfiff. Der Wächter kann nicht in Ruhe fressen und macht zu allem Überfluss noch den Feind auf sich aufmerksam. Dieses Verhalten passt ebenso wenig ins Darwin’sche Lebensbild wie die Fürsorge, die einige Wesen der Staaten bildenden Insekten an den Tag legen. Arbeiterinnen schuften bei Bienen und anderen Hautflüglern für das Wohl anderer, ohne jemals eigene Nachkommen zu haben. Das passt so gar nicht ins Gedankenkonstrukt des Briten Darwin, mit dem viel eher ein ordentlicher Egoismus zu erklären wäre.
Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam Licht ins Dunkel der Selbstlosigkeit. Es zeigte sich, dass aufgrund einer genetischen Besonderheit die Arbeiterinnen im Hautflüglerstaat enger miteinander verwandt sind, als sie es mit eigenen Kindern sein könnten. Sie verhelfen mit ihrem selbstlosen Verhalten somit einer großen Anzahl eigener Gene zu einer Zukunft, da aus den Geschwistern auch die nachfolgenden Königinnen erwachsen und diese für die Eiablage zuständig sind. Diese Erkenntnisse legten eine neue Schlussfolgerung nahe: Der Einzelne ist darauf bedacht, möglichst viele seiner Gene zu vermehren und das eben auch, indem er Verwandten unter die Arme greift. Die Wissenschaftler fassen diesen Umstand unter dem Begriff der Gesamtfitness zusammen. Der Biologe William D. Hamilton lieferte in Sachen Gesamtfitness Ende der 60er Jahre sogar eine mathematische Formel, eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung.
Mitte der 70er Jahre spann der Biologe Richard Dawkins mit seinem Buch „Das egoistische Gen“ den Gedanken weiter. Bei Dawkins stehen nicht etwa ganze Organismen in Konkurrenz zueinander. Die Körper sind nur Hüllen, die dem Erbgut das „Überleben“ sichern. Im Laufe der Generationen ringen vor allem Chromosomenabschnitte mit der gleichen Aufgabe, die Allele, um ihren Vorteil. Hilfe! Wir sind die Sklaven unserer Gene. Nein, nein, so schlimm ist’s wohl auch nicht. Ein wenig freier Willen und Altruismus kann uns schon zugestanden werden.
Im Gegensatz zum Tier, dem bei seinen Handlungen meist Instinkt als Antrieb untergejubelt wird, trauen Experten dem Menschen die Fähigkeit zur Selbstlosigkeit durchaus zu – oder? Bei Campbell und Markl heißt es: „Wahrscheinlich steigern alle Verhaltensweisen, die altruistisch erscheinen, in Wirklichkeit auf irgendeine Weise die eigene Fitness. Manche Verhaltensökologen sind daher der Ansicht, dass es gar keinen echten Altruismus gibt – außer vielleicht beim Menschen.“ Oha! Also: Das Buch ist mittlerweile schon etwas älter. Aus eigener Erfahrung weiß ich ganz sicher, dass Autofahrer altruistisch handeln. Sobald einer einen Blitzer am Straßenrand entdeckt, werden entgegen kommende Fahrer mit der Lichthupe gewarnt. Vielleicht überwiegt bei dieser Aktion aber der Spaß daran, die Polizei zu ärgern. Schimpansen sind allerdings ganz bestimmt selbstlos. Zoologen vom Leipziger Max-Planck-Institut haben diese Tiere dabei beobachtet, wie sie Menschen helfen. Die Schimpansen brachten den Zweibeinern völlig uneigennützig einen für diese unerreichbaren Gegenstand. „Solch altruistisches Verhalten von Schimpansen widerspricht der gängigen Lehrmeinung“, sagt Forscher Felix Warneken. Und ich bin überzeugt, dass auch der Mensch selbstlose, gute Taten vollbringen kann. Gorillafrau Binti aus dem Zoo in Chicago hat es vor Jahren vorgemacht: Sie rettete einen dreijährigen Jungen, der in das Gehege gefallen war und überreichte den Bewusstlosen ihrem Wärter. Da sag’ ich nur: Lasst uns froh und Binti sein!
Sabine Rücker
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