Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 48 – Rund um die Zitrusfrucht


Zitrusfrüchte: Lecker oder mit Gift belastet? Foto: p
Zitrusfrüchte: Lecker oder mit Gift belastet? Foto: p

Liebe Leser,
Apfel, Nuss und Mandelkern, essen nicht nur Kinder gern – Mandarinen und Orangen erst recht. Zitrusfrüchte, die gehören zur Winter- und Weihnachtszeit wie Gutsle, Brötle oder Plätzle. Alle Jahre wieder kann sich der deutsche Verbraucher an exotischen Köstlichkeiten laben. Alle Jahre wieder entdecken Laboranten Abscheuliches in und an den Früchten.

Zitrusfrüchte stellen alles in den Schatten. Mit einem Anbaugebiet von rund acht Millionen Hektar sind sie noch vor Weintrauben die Früchte mit der weltweit größten Anbaufläche, schreibt die Internetenzyklopädie Wikipedia. Kein Wunder: Wer futtert nicht gerne mal ein Mandarinchen hier, eine Orange dort – und für weniger zimperliche Gemüter darf’s auch eine Grapefruit sein. Ihren Ursprung haben die Zitruspflanzen in Südostasien. Schon vor 4000 Jahren sollen die Früchte kultiviert worden sein. Sie zählen daher auch zu den ältesten Kulturpflanzen der Erde. Damals, schreibt die Freie Universität Berlin, ernannte der chinesische Kaiser sogar Mandarine - Minister für Zitruspflanzen -, weil diese Gewächse zeitweise sehr kostbar waren und religiös-symbolischen Zwecken dienten. So breitete sich die Apfelsine, wie die Orange auch genannt wird, schon früh über Indien nach Babylonien aus und soll 800 v.Chr. die hängenden Gärten der Semiramis geschmückt haben.
Erst Karl der Große soll die Zitrusgewächse von seinen Kriegszügen aus Kleinasien nach Europa mitgebracht haben. Die Pflanzen wurden im 16. Jahrhundert in die Parkgestaltung einbezogen und dienten am Hofe zur Dekoration der Festtafel und Parfümherstellung. Zitruspflanzen drückten Wohlstand, Macht und Eleganz aus.
Botanisch zählen Orange, Mandarine und Co. zur Familie der Rautengewächse. Die leckeren Exemplare dieses Verwandtschaftskreises gehören der Gattung Citrus an. An den immergrünen Bäumen und Sträuchern gedeihen die begehrten Früchte, eine Sonderform der Beere. Schon die Blüten verströmen einen betörenden Duft, der manchen Urlaub unvergessen machen kann. Die Duftnote der ätherischen Öle der Blüten sind für Menschen und geflügelte Bestäuber unwiderstehlich.
Ebenso finden sich auf der Fruchtschale und in den Blättern etliche Öldrüsen, die vor allem die Winterzeit zu einem Erlebnis für die menschliche Nase werden lässt. Die ätherischen Öle der restlichen Pflanze fungieren in der Natur wohl als Fraßschutz. Die „Schnitze“ im Inneren der Frucht geben die Anzahl der Fruchtblätter wieder. Die innere Schicht der Fruchtwand bildet bei den Zitrusfrüchten die eigentümlich lecker-saftigen Schläuche in den Schnitzen. Was uns Verbraucher besonders freut: Einige Sorten bilden selten oder nie Samen, das heißt für uns: Keine Kernle beim Genuss. Dabei strotzt die Mandarine ursprünglich nur so von Kernen. Wenn der Otto-Normal-Verbraucher von Mandarine spricht, meint er in der Regel die nahezu samenlosen Abkömmlinge wie Clementinen, Satsumas und Tangerine.
Der hohe Vitamin-C-Gehalt der Zitrus-Arten ist legendär. Die Sonnenfrüchte liefern außerdem die Vitamine A, B1, B2 und Folsäure sowie eine Menge Mineralstoffe. Das Verbrauchermagazin Öko-Test: „Natürliche Bitterstoffe etwa in Grapefruits regen den Appetit an und sind gut für Verdauung und Stoffwechsel.“ Die Sortenvielfalt der kultivierten Zitrusfrüchte geht vor allem auf das Wirken der Gärtner zurück. Rund 500 verschiedene Zitrussorten werden mittlerweile unterschieden. Und alle stammen vermutlich von drei Urformen ab. Am Anfang war die Zitronatzitrone, Citrus medica; die Mandarine, Citrus reticulata und die Pampelmuse, Citrus maxima, die größte unter den Zitrusfrüchten, auch Pumelo genannt. Züchtungen, Kreuzungen und Mutationen ließen etliche Sorten sprießen: Wer im Laden nach einer Pomelo greift, kauft sich eine Rückkreuzung aus Grapefruit und Pampelmuse. Die Kreuzung aus Mandarine und Pampelmuse brachte die erfreuliche Erfindung der süßen und auch der bitteren Orange (auch Pomeranze genannt) mit sich. Erneute Kreuzungen aus Orangen und Pampelmusen erfreuten die Züchter unter anderem mit Grapefruits. Die Rückkreuzung von Mandarine und Orange führte zu Clementinen und Satsumas. Die Zitrone und Bergamotte haben wir einer Kreuzung aus Zitronatzitrone und Bitterorange zu verdanken. Ein besonderes Highlight für Liebhaber exotischer Drinks – man denke nur an den Caipirinha – ist die Echte Limette. Auch sie ist, wie viele andere Exoten, das Ergebnis irgendwelcher Kreuzungen. Ist ja auch egal, das Ergebnis schmeckt, pur, als Saft und in alkoholisch-wässrigem Milieu. Oder als Backzutat. Was wären viele Gutsle, Plätzchen oder Brötle ohne den Hauch der Orange und Zitrone? Ein trauriges Häufle Teig halt. Allerdings dreht es einem ja gleich den Magen rum, wenn man sich die neuesten Öko-Test-Ergebnisse zu Gemüte führt. In konventionell angebauten Zitrusfrüchten einiger Handelsketten stellten die Tester zu hohe Pestizid-Werte fest. Eine Probe von Rewe war derart belastet, dass sie nicht mehr verkehrsfähig ist. Mit „sehr gut“ schnitt nur die beprobte Bio-Ware ab.
Zungenbrecher wie Imazalil, Thiabendazol und Orthophenylphenol sind nur einige der Substanzen, die die Früchte vor dem Verderb schützen sollen. Dabei klingen nicht nur die Namen furchterregend, auch die Wirkung auf den menschlichen Körper kann unliebsame Folgen haben. Besonders das als Fungizid angewandte Orthophenylphenol, auch als Lebensmittelzusatzstoff E 231 bekannt, ist nicht unumstritten. Es tötet nicht nur unliebsame Pilze auf den Früchten, sondern kann auch beim Menschen schon in geringen Mengen Übelkeit und Erbrechen auslösen. Allergiker sollen sich ganz von dieser Substanz fern halten. Im Tierversuch fördert es Blasenkrebs. Auf der Internetseite der „International Chemical Safety Card“ heißt es sinngemäß: „Aufgrund unzureichender Daten, die über die Wirkung dieser Substanz auf die menschliche Gesundheit vorliegen, ist äußerste Vorsicht angebracht.“ Teilweise wird auch das Einwickelpapier mit dem Konservierungsstoff behandelt. Verbrauchermagazin Öko-Test: „Es ist ratsam, Kinder nicht mit den Einwickelpapierchen spielen zu lassen.“ Prost Mahlzeit!
Das Landwirtschaftsministerium Baden-Württembergs rät, mit Konservierungsstoffen behandelte Zitrusfrüchte „vor dem Schälen unbedingt gründlich mit warmem Wasser und ein wenig Spülmittel zu waschen. Nach dem Waschen sollten sie gut abgetrocknet werden“. Damit nicht genug: „Waschen Sie Ihre Hände nach dem Schälen noch einmal gründlich, um eine mögliche Übertragung der Konservierungsstoffe auf das Fruchtfleisch zu vermeiden.“ Ja, pfui! Fehlt nur noch, dass vor dem Verzehr von Zitrusfrüchten die Schutzkleidung angelegt werden soll. Aber, so das Ministerium: „Eine Alternative sind Bioprodukte.“ Wie wahr! Öko-Test legt noch einen drauf: „Bio-Orangen enthalten rund 30 Prozent mehr Vitamin C als konventionell angebaute.“ Also: Her mit den Bio-Mandarinen! Ab mit der Bio-Zitronenschale in den Kuchenteig! Nur die ganz konsequenten Hardliner können nun einwenden, dass der Genuss der Exoten nicht dem Ideal einer regionalen, saisonalen und ökologischen Ernährung entspricht. Vollkommen richtig. Ja, ehrlich – Moment, ich muss kurz mein Mandarinenscheibchen schlucken – also ab der nächsten Saison – mampf – werde ich darüber nachdenken.

Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


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