KW 47 – Die Eibe inspiriert
Liebe Leser,
haben Pflanzen einen Charakter? Vielleicht. Denn auch unter ihnen gibt es Aufschneider, Bescheidene und ganz normale Exemplare. Eine, die ihr Licht eher etwas unter den Scheffel stellt, ist die Eibe. Unscheinbar, wie sie nun mal ist, taugt sie doch sogar zu haarsträubenden Racheakten.
Es gibt da eine Geschichte zur Eibe, die muss ich Ihnen unbedingt erzählen. Sie ist ebenso wahr wie unglaublich – urteilen Sie selbst: Es war einmal ein kleines Mädchen. Wie die meisten Mädchen ihres Alters besuchte sie den Kindergarten im Dorf. Auf dem Weg dorthin kam das Kind mit seiner Mutter an einer Eibenhecke vorbei. Diese Gelegenheit nutzte die Mutter, um das blonde Engelchen über die Giftigkeit des Nadelgehölzes aufzuklären. Wollen wir die Kleine einfach einmal Monika nennen. „Monika“, sprach also die Mama, „an dieser Hecke ist alles giftig, auch die Nadeln.“ Das Mädchen sagte nichts.
Einige Tage später wollten die beiden morgens das Haus verlassen. Da bemerkte die Mutter ein komische Verhalten bei ihrer Vierjährigen. „Monika, was ist denn los?“, fragte die Mama. Das Mädchen sagte nichts. Erst nach langem Hin und Her rückte es raus mit der Sprache. Die Kleine hatte eine blaue Plastikgabel aus ihrem Spielzeugfundus in ihre Hosentasche gestopft. Der dann offen gelegte Plan zeugte von einer kognitiven Höchstleistung für eine Vierjährige – und von einer Art durchtriebener Unschuld: Auf dem Weg zum Kindergarten wollte sie zu ihrem Plastikbesteck noch einige Nadeln aus der Eibenhecke sammeln. Mit Hilfe der Gabel sollten diese dann einem Buben im Kindi verabreicht werden, der das Mädchen anscheinend immer wieder ärgerte.
Wie Sie sich vorstellen können, standen der Mutter die Haare zu Berge. Das Kind wurde mit Argumenten und einem strikten Verbot nach dem Motto „ich darf meine Mitmenschen nicht vergiften“ von seinem Vorhaben abgebracht. Die Erzieherinnen wurden vorsorglich informiert. Das Engelchen ist inzwischen groß und hat sich bis heute keine weiteren Vergeltungsanschläge mit Giftpflanzen an den Tag gelegt. Was lernen wir daraus? Keine Ahnung. Denn auf die Giftigkeit der Eibe sollten Kinder schon aufmerksam gemacht werden. Der knallig rote Samenmantel ist der einzige ungiftige Pflanzenteil der bei uns heimischen Gemeinen Eibe, Taxus baccata. Aus dieser, Arillus genannten, roten Ummantelung des Samens werden in manchen Regionen Brotaufstriche hergestellt. Dabei ist Vorsicht geboten, denn auch der Samen enthält das giftige Eibentaxin. Es ist vor allem dieses Alkaloid-Gemisch der Eibe, mit dem sich Giftinformationszentralen beschäftigen müssen. Taxin kann innerhalb weniger Stunden zum Tod durch Atemlähmung führen. Auch für Nutz- und Haustiere besteht beim Naschen mitunter Lebensgefahr. Rehe dagegen lieben die Nadeln und können diese wohl ebenso gefahrlos fressen wie viele Wildvögel den roten Arillus. Sie tragen auf diese Weise zur Verbreitung der gefährdeten Baumart bei.
Ein Teil des Giftcocktails des bis zu 20 Meter hohen, immergrünen Gehölzes, kommt inzwischen in der Medizin zum Einsatz. Taxane werden die Stoffe aus der Eibenfamilie genannt, die zytostatische Wirkung aufweisen. Mit ihnen werden Krebszellen bekämpft. Beispielsweise wird aus den Nadeln der bei uns heimischen Eibe der Vorläufer eines Medikamentes zur Brustkrebsbehandlung hergestellt.
Ja, es steckt eine ganze Menge drin in dem eher unauffälligen Gewächs. Dabei haben schon unsere Urahnen dessen Besonderheit gehuldigt. Bei den Kelten war die Eibe der Baum der Druiden. Römer und Griechen brachten den Baum mit der Unterwelt und dem Tod in Zusammenhang. Andere Völker wiederum sahen in der Eibe ein Symbol der Auferstehung, darauf weist die häufige Anpflanzungen auf Friedhöfen hin. Wild kommt die Eibe als schattenliebende Pflanze beispielsweise im Unterstand frischer Laubwälder vor. Doch die Pflanzenart ist vom Aussterben bedroht und steht unter Naturschutz. Wie so oft brachte der Mensch die Vernichtung über das grüne Wesen.
Ein Grund: Das sagenhafte Eibenholz. Elastisch, hart und schwer ist es und diente vor allem im Mittelalter zur Herstellung von Bögen und Armbrüsten. Besonders England musste letztendlich sogar auf Eibenholzimporte zurückgreifen, um die Langbögen für seine Krieger fertigen zu können. Der Rohstoff wurde zum Politikum. König Richard III ordnete das Anpflanzen von Eiben an. Auch Möbel und Instrumente wurden und werden aus dem wertvollen Holz gefertigt. Als fatal erwies sich im Zusammenhang mit der Abholzung der Umstand, dass die Eibe mit maximal drei Zentimetern pro Jahr sehr langsam wächst. Trotz all der Widrigkeiten hat sie sich als Relikt aus dem Tertiärzeitalter gehalten und gilt somit, laut der Schutzgemeinschaft deutscher Wald, als der älteste heimische Nadelbaum. Der fleischige Arillus grenzt die Eibe ebenfalls von den anderen Zapfenträger, auch Koniferen genannt, ab.
Bei den Eiben sind Männlein und Weiblein auf unterschiedliche Individuen verteilt. Sie sind also diözisch, zweihäusig. Falls Ihre Eibenhecke keine „Beeren“ hat, haben Sie Ihr Grundstück mit lauter Männern geschmückt. Erst mit 35 bis 50 Jahren erreicht die Pflanze ihre Blühfähigkeit, andere Autoren gestehen dem Nadelbaum schon nach 20 Jahren die Fortpflanzungsfähigkeit zu. In Deutschland wird die Eibe auf der Roten Liste als gefährdet eingestuft. Die Gehölze können ein Alter von weit über tausend Jahren erreichen, wobei die Angaben verschiedener Autoren sehr variieren. Durch das Wirken von Gärtnern sind mittlerweile 80 Wuchs- und Zuchtformen weltweit registriert.
Und da sich vermutlich in Ihrer Nachbarschaft Hecken aus Eiben durch die Straße winden, meine Bitte: Klären Sie Ihre Kinder und Enkel über die Gefahren von Giftpflanzen auf, räumen Sie Plastikbesteck weg – und behalten Sie die Kleinen danach ganz fest im Auge.
Sabine Rücker
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