Liebe Leser,
am vierten Donnerstag im November feiern die Amerikaner ihr Thanksgiving. Dann kommt traditionell ein Truthahn auf den Tisch und Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Da muss im Fall der Pute in Deutschland etwas schief gelaufen sein. Denn das Truthuhn wird zwar gerne gegessen, im Sprachgebrauch aber mit dem Ausruf „dumme Pute“ verunglimpft.
Am besten absolvieren Sie folgende Übung allein – mit mir. Nur Sie und ich. Also, jetzt bleiben Sie mal ganz locker. Lassen Sie Ihre Lippenmuskulatur erschlaffen. Das verursacht zwar einen etwas dümmlichen Gesichtsausdruck, ist der nun folgenden Sache aber sehr dienlich. Holen Sie jetzt durch die Nase tief Luft. Nun lassen Sie die Luft durch die sanft aufeinanderliegenden Lippen ausströmen und zwar mit einem B-artigen Laut. Gut so. Bevor Ihnen nun die Puste ausgeht, bewegen Sie den Kopf während der Puste-Übung heftig hin und her. Super! Gratuliere! Sie können jetzt mit Puten reden. Nein, nicht „mit Putin reden“, wie Sportredakteur Michael Bofinger fälschlicherweise aufschnappt.
Aber das mit der Putensprache funktioniert ganz ehrlich – sofern die Vögel Lust dazu haben. Suchen Sie sich Puten und probieren Sie’s aus. Mit ihrer Truthahn-Imitation haben Sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden – auch der Puten – auf Ihrer Seite. Die Tiere werden antworten und sich Ihnen nähern. Das ist der Moment, in dem die Stunde der Wahrheit schlägt: Wird die Angst vor den bis zu 22 Kilogramm großen Kaventsmännern Sie überfallen? Aber ich will ehrlich zu Ihnen sein: Bei meinem Selbstversuch wogen die Tiere maximal 15 Kilogramm und wurden durch einen Zaun auf Abstand gehalten. Es handelte sich um eine alte Haustierrasse mit dem Namen Bronzepute, die auf einem Biohof auf Vaihinger Markung lebt. Bundesweit gibt es nur noch 700 Tiere dieser Art. Sie ist keine Schönheit. „Der nackte blaue Kopf ist dicht besetzt mit roten Fleischwarzen“, schreibt die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH). Stimmt. Aber Puten sehen derart merkwürdig aus, dass sie schon wieder schön sind. Der Urahn dieser für den Verzehr gezüchteten Gefiederten ist das Truthuhn oder, anders gesagt, der Truthahn. Die Heimat von Meleagris gallopavo sind die Wälder und Prärien Amerikas und Süd-Kanadas, wo der Bestand als nicht gefährdet gilt. Auch in Mittelamerika streifen sie wild durch die Landschaft.
Der größte aller Vertreter aus der Familie der Hühnervögel mag das Leben in der Gruppe. Bis zu 20 der Vögel leben in einem Verband und bei der Balz im Januar oder März geben die männlichen Puter alles. Der Lohn der Mühe: Sie dürfen mehrere Weibchen begatten und müssen sich anschließend nicht um den Nachwuchs kümmern. Die Puter lassen die Lappen an ihrem Kopf rot aufleuchten, wovon der Ausdruck puterrot abgeleitet ist. Sie sind echte Kerle und fast doppelt so schwer wie die Weibchen. Die Federn ihres Prachtkleides schillern in allen Farben. Und, zur Krönung des ganzen, stellen sie ihre Schwanzfedern zu einem Rad auf und stoßen ein heißeres Liebeslied aus, um die Liebste zu beeindrucken. Beneidenswert, die Truthuhndamen. Wer hat Ihnen, liebe Leserinnen, das letzte Mal so den Hof gemacht? In dieser Zeit der Aufregung lassen die Kerle sich nicht lumpen und verteidigen mit Schnabelgepicke ihr Revier. Sehen Sie! Das habe ich, Angesicht in Angesicht mit der Putenbande des Biohofes, doch gleich gespürt. Als Allesfresser sind sie auch einer Fleischmahlzeit nicht abgeneigt – und davon gibt's an meinem Körper genug. Das haben die gleich gesehen.
Jedenfalls kann so eine Pute im besten Fall über zehn Jahre alt werden. Doch schon die alten Azteken schätzten das zarte Fleisch, domestizierten die Vögel und hauchten ihnen, vor Ablauf der natürlichen Lebenserwartung, das Leben aus. Von Mexiko aus gelangten sie im 16. Jahrhundert über Spanien und England auch nach Deutschland. Ebenfalls aus jener Zeit stammt der englischsprachige Name der Truthühner, Turkey. Fälschlicherweise hielt ein Berichterstatter die Vögel für Tiere aus der Türkei. Truthühner sind keine guten Flieger, leben vorwiegend am Boden und flüchten, wenn nötig, zu Fuß. Sie verbringen die Nacht allerdings gerne im Geäst von Bäumen.
Arme Schweine sind dagegen Mastputen, die häufig unter einem so genannten „Beinschwäche-Syndrom“ leiden. Immerhin lag der Pro-Kopf-Verbrauch an Putenfleisch in Deutschland 2004 bei 6,6 Kilogramm. Aus einer Arbeit im Rahmen eines Forschungsprojektes des Institutes für Tierpathologie und der Uni Berlin: Geflügelfleisch sei ein sehr hochwertiges Nahrungsmittel und um die gestiegene Nachfrage zu befriedigen, kam es zu Änderungen bei der Mastputenhaltung, „mit negativen Auswirkungen. Die betroffenen Tiere zeigen Gangprobleme und Abweichungen in der Gliedmaßenstellung bis hin zur Gehunfähigkeit.“ Beate Milerski aus Hochdorf, Schriftführerin bei der GEH: „Rassegeflügelzüchter lehnen solche Praktiken und Rassen ab.“ Der Bioland-Bundesverband: „Bioland-Putenhalter bevorzugen langsam wachsende, leichte Tiere beispielsweise der Rasse Bronze, die im Gegensatz zu vielen konventionellen Puten noch laufen und auf Sitzstangen auffliegen können“. Es gibt anscheinend sogar Tiere, die so fit sind, dass sie in die Freiheit entkamen und sich inzwischen in freier deutscher Wildbahn vergnügen. Diese Truthähne zählen zu den so genannten Neozoen, zu denen auch ausgebüxte, nun in vielen deutschen Großstädten etablierte Halsbandsittiche gehören.
Falls Ihnen also einmal eine Pute in freier Wildbahn über den Weg läuft: Testen Sie Ihr Können und sprechen Sie sie auf Putisch an. Das haben Sie ja jetzt geübt. Gratulieren Sie ihr, falls es sich um eine Bronzepute handelt, zu dem von der GEH verliehenen Titel „Gefährdete Nutztierrasse des Jahres 2008“. Das ist zwar noch nicht offiziell, aber Schriftführerin Milerski hat’s der VKZ verraten. Zurück zu ihrem Dialog. Was dann passiert? Keine Ahnung. Vielleicht haben Sie aus Versehen „blöde Pute“ gesagt. Das wäre gemein, denn das Sprichwort bezieht sich vermutlich auf eine tolle Eigenschaft der Truthennen: Sie bebrüten und hüten auch den Nachwuchs anderer Mütter. Mein Vorschlag: In der besinnlichen Weihnachtszeit üben Sie im Kreise der Familie noch ein wenig die Putensprache. Den Weihnachtsbraten lässt das ganz sicher kalt.
Sabine Rücker
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