Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 45 - Kulturfolger Rotfuchs


Schlauer Bursche Rotfuchs. Fotos: p
Schlauer Bursche Rotfuchs. Fotos: p
Einfach süß, die kleinen Füchse.
Einfach süß, die kleinen Füchse.

Liebe Leser,
er hat es mehrfach – zumindest auf dem Papier – in den baden-württembergischen Landtag geschafft. Seinetwegen wurde die Polizei schon aktiv. In Märchen und Sagen wird er als listig bezeichnet und als durchtrieben dargestellt. Doof ist er auf jeden Fall nicht, unser Rotfuchs, Vulpes vulpes.

„Der Landtag wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen...“. So beginnt nicht etwa ein Märchen der Gebrüder Grimm, sondern ein Antrag an den Landtag von Baden-Württemberg. Es begab sich im Jahre 2002, als der Abgeordnete Winfried Kretschmann und seine Mitstreiter die Landesregierung ersuchten, die Jagd auf wildlebende Tiere, die von außen in die Wilhelma einwechseln, auf absehbare Zeit gänzlich einzustellen. Wie?, was?, wundert sich der Leser, Jagd in unserer Wilhelma? In der Tat: Im Schonraum der Exoten werden einige heimische Tiere bejagt, darunter auch der Rotfuchs. Denn der Fuchs, gar nicht dumm, soll in einer einzigen Nacht in der Stuttgarter Wilhelma 13 Flamingos gerissen haben. Andere zoologische Gärten haben ebenfalls mit dem Hunger der Stadtfüchse zu kämpfen. Daher werden potenzielle Leckerbissen hier und da mit Wassergräben und Elektrozäunen geschützt.
Dieser Reineke Fuchs! Dabei sieht er doch so hübsch aus, mit seinem meist rotbraunem Fell und dem puscheligen Schwanz mit der weißen Quaste. Bis zu neun Kilogramm bringt das Raubtier aus der Familie der Hunde auf die Waage. In Mitteleuropa streift der Rotfuchs, Vulpes vulpes, durch die Gegend. Es gibt aber noch andere Vertreter der Echten Füchse, beispielsweise den Polar- und der Wüstenfuchs. Und, klingelt’s bei Ihnen? Erinnert Sie das nicht an Schulzeiten, in denen diese Arten zur Verdeutlichung einer biologischen Gesetzmäßigkeit herhalten mussten? Es war die Sache mit den Ohren. Je heißer der Lebensraum, wie eben beim Wüstenfuchs, desto größer die abstehenden Körperteile - hier die Ohren. Bekannt ist diese Erkenntnis unter dem Namen Allen’sche Regel. Mit den großen Ohren verschafft sich der Wüstenfuchs Abkühlung, während sein Verwandter der kalten Nordhemisphäre, der Polarfuchs, an den Ohren spart, um dort keine Wärme zu verlieren.
Unseren Rotfuchs bekommt man als dämmerungs- und nachtaktiven Gesellen eher selten zu Gesicht, häufig sieht man nur noch seine traurigen Überreste auf der Fahrbahn. Allerdings ist Vulpes vulpes ein unerschrockener Kulturfolger. Dörfer und Städte hat er sich erobert und legte schon den Straßenbahnverkehr in Stuttgart lahm. Dort postierte sich ein an Menschen gewöhnter Rotfuchs an einer Haltestelle und versetzte die Passagiere derart in Aufregung, dass die Polizei die Lage klären musste. Laut der Landwirtschaftsverwaltung Baden-Württemberg gehört der Fuchs zu den lern- und anpassungsfähigsten Säugetieren unserer Heimat. Daher wittert er auch, dass es in der Nähe der Menschen unserer Breiten Futter im Überfluss gibt. Allein in Zürich sollen 800 Füchse das Stadtleben mit den Schweizern teilen. Der Allesfresser stürzt sich mit Vorliebe auf Komposthaufen und Müll im dörflichen und städtischen Bereich. Mit einer Größe von durchschnittlich 80 Hektar ist das Revier des Dorffuchses deutlich kleiner als die Territorien außerhalb von Ortschaften. Das fand Biologe Christof Janko bei der Untersuchung der Streifzüge von Füchsen auf der Schwäbischen Alb heraus. Die Tiere waren mit einem Senderhalsband ausgestattet worden. Stadtfüchse begnügen sich mit noch kleineren Gebieten.
Der Einzelgänger Fuchs, der sich nur während der Paarungs- oder Ranzzeit mit seinesgleichen zusammen tut, hat sich mitunter schon sehr an seine menschlichen Nachbarn gewöhnt. Das wäre gar nicht schlimm, würde Reineke nicht als Überträger gefährlicher Krankheiten gelten. Während die Tollwut in Baden-Württemberg mit Hilfe von Impfködern als nahezu ausgemerzt gilt, bereitet der Fuchsbandwurm doch etwas Kopfzerbrechen. Dieser Bandwurm, wissenschaftlich Echinococcus multilocularis, fühlt sich im Fuchs äußerst wohl, der ist nämlich der so genannte Endwirt. Hier nimmt er, fest verankert im Darm, an dessen Mahlzeiten teil und beeinträchtigt die Gesundheit des Fuchses in der Regel nicht sonderlich. Er gilt dort als Kommensale, als „Mitesser“. Auch Hunde und seltener Katzen sind Endstationen für Bandwürmer der Gattung Echinococcus.
Für so genannte Zwischen- und Fehlwirte sieht es bei einem Befall nicht so rosig aus. Zwischenwirte sind beispielsweise Nager, in denen sich die Bandwurmeier zu Larven weiterentwickeln. Diese setzen der Maus heftig zu, sie wird leichte Beute für Fuchs, Hund oder Katze, womit sich der Kreislauf wieder schließt.
Der Fehlwirt hat das Nachsehen
Infiziert sich allerdings der Mensch als Fehlwirt mit Eiern des Fuchsbandwurmes, wird es heikel. Hier zerstören die Larven in der Regel die Leber, woran die Patienten sterben können. Laut Robert Koch Institut gilt das geliebte Haustier als Verdächtiger bei der Übertragung. Bandwurmeier, die eine Echinokokkose auslösen, können aber auch an bodennah wachsendem Obst und Gemüse haften. Dieses sollte vor dem Verzehr zumindest gründlich gewaschen werden. Theoretisch sollte man sich nach dem Streicheln von Fiffi und Minka die Hände waschen. Mal ehrlich – wer macht das schon? Auf jeden Fall gehören Mieze und Bello regelmäßig entwurmt. Tröstlich für Hunde-und Katenbesitzer: Im Jahr 2004 wurden deutschlandweit „nur“ 82 Fälle der meldepflichtigen Echinokokkose am Robert Koch Institut registriert. Davon gehen 16 auf das Konto des Fuchsbandwurmes, den Rest verursachte der Hundebandwurm, Echinococcus granulosus. Die Grippe rafft jährliche ungleich mehr Menschen dahin. Der schweizer Parasitologe Professor Peter Palazes setzt die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Fuchsbandwurm zu infizieren so hoch ein, wie vom Blitz getroffen zu werden.
Insofern ist alles relativ und wir Zweibeiner sollten Reineke einfach unbehelligt lassen, auf keinen Fall aber vorsätzlich füttern und zähmen. Vielleicht lässt sich sogar einmal eine Fuchsfamilie in häuslicher Nähe nieder. Denn als Fuchsbau werden gerne auch Gartenhäuschen und Brennholzstapel genutzt. Im Frühjahr werden bis zu sechs Welpen geboren, das Licht der Welt erblicken sie aber erst zwei Wochen später, nachdem sich ihre Augen geöffnet haben. Im Alter von vier Wochen, im April, starten die drolligen Fellknäuel ihre ersten Entdeckungsreisen. Im günstigsten Fall erreichen Füchse ein Alter von zwölf Jahren. Der Bestand des Rotfuchses hat sich seit Eindämmung der Tollwut erholt, die Tierart gilt als nicht gefährdet. Vielleicht liegt das unter anderem an der Solidarität der Rüden mit ihrer Liebsten. Obwohl das Weibchen von verschiedenen Rüden gedeckt werden und somit ein Wurf viele Väter haben kann, unterstützt mancher frisch gebackene Papa die junge Mutter. Kuckuckskinder füttert er dann einfach mit durch.

Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999


Seitenanfang