KW 44 - Leben in der Laubstreu
Liebe Leser,
es raschelt unter den Füßen, leblos rieselt es von Baum und Strauch. Und auf Asphalt, da nervt es ganz gewaltig: das Laub. Welke Blätter, das ist der Stoff, in dem die Massen wohnen.
25 Millionen Blätter, oder, anders gesagt, vier Tonnen Substanz, regnen pro Herbst und Hektar in einem Buchenwald von den Bäumen. Totes Material, das durch Zweige, Nadeln und Tierleichen zu einer 20 Tonnen schweren Biomasse pro fußballfeldgroßer Waldparzelle anwächst. Diese beachtlichen Zahlen meldete das Geo-Magazin in seiner November-Ausgabe von 2005. Über kurz oder lang würde diese Masse sich zu einem mächtigen Leichentuch entwickeln – wären da nicht die Kreaturen der Unterwelt. 15 Tonnen Lebendgewicht stehen in einer Parzelle gleicher Größe auf und im Boden den Blättern und Toten gegenüber. Sie alle haben nur eines im Sinn: Fressen!
Der Herbst deckt den Tisch reichlich und zuerst schlägt die Stunde der so genannten Primärzersetzer. Asseln, Schnecken, Tausenfüßer, Regenwürmer und andere Gesellen mit kräftigen Beißerchen beginnen, die Streu zu zerhäckseln. Pilze und Bakterien stehen ihnen dabei zur Seite, indem sie das tote Blatt destabilisieren. Der abgesetzte Kot und die Leiber dieser Zersetzer bieten wiederum anderen Lebenwesen eine leckere Zwischenmahlzeit. Vögel, Igel und andere profitieren vom Leben im Laub.
Wer sich mit der Streu befasst, befindet sich am Ende eines Blatt-Lebens, sozusagen Auge in Auge mit der Vergänglichkeit – oder am Anfang der geballten Lebenskraft. Mit der Lebewelt in der Streu, den so genannten Destruenten, verknüpft sich eine „Nahrungskette“ zu einem Stoffkreislauf. Lassen Sie uns den Begriff Nahrungskette kurz näher beleuchten. Mit Darstellungen solcher Nahrungsketten gerieten vor kurzem Schulbücher in die Schlagzeilen. In dem Lehrbuch „Biologie heute entdecken“ wurde beispielsweise der Uhu in einer Nahrungskette über den Fuchs gestellt. Soll heißen: Uhu frisst Fuchs. Das stieß bei den Mitarbeitern von Stiftung Warentest auf wenig Gegenliebe. Ohne Frage ist das Beispiel unglücklich gewählt. Trotzdem kann ein ausgewachsener Uhu einen kleinen Fuchs erbeuten. Ebenso kann aber ein ausgewachsener Fuchs einen flugunfähigen Jung-Uhu fangen und fressen. Der Begriff Nahrungskette stellt reale Zusammenhänge eben nur vereinfacht dar. Bevorzugt werden sollte daher der Begriff Nahrungsnetz. Und falls schon unbedingt von Nahrungsketten die Rede sein muss, dann bitte mit eindeutigen Beispielen. Wie, meinetwegen, „Rotkäppchen isst Apfel, Wolf frisst Rotkäppchen“. Aber selbst da ist der Wurm drin, denn ein robustes Rotkäppchen hätte den Wolf am Ende des Grimm-Märchens womöglich in die Pfanne gehauen und verputzt. Und Isegrim vergreift sich hin und wieder an Äpfeln.
Aber nun wieder zum Thema: Durchs tote Laub, da frisst sich die Armada der Hungrigen, die Destruenten. Die Primärzersetzer haben wir schon kennen gelernt, sie bereiten den Boden für die Sekundärzersetzer. Springschwänze, Milben, Faden- und Borstenwürmer gieren mit ihren Kollegen nach dem zerkleinerten Material.
Ein besonders erstaunliches Bodenlebewesen dieses Nahrungsnetzes sind Pilze des Arthrobotris-Komplexes. Sie ernähren sich wahlweise von totem Material oder werfen ihr Lasso aus. Mit speziellen Fangorganen – klebrigen Netzen oder kontrahierbaren Schlingen – können sie lebende Fadenwürmer fangen, töten und anschließend verdauen. Jedenfalls frisst sich eine Unzahl von Nahrungsspezialisten durch das Substrat und je tiefer der Beobachter in den Waldboden taucht, umso weiter ist die Zerkleinerung der Streuauflage fortgeschritten. Bei diesem Prozess werden Nährstoffe so langsam freigesetzt, dass die Pflanzen sie verwerten können. Im Humus, dem zersetzten organischen Anteil des Bodens, tobt das Leben.
In einem Löffel Erde tummeln sich mehr Organismen, als Menschen auf der Erde wandeln. Wer denkt, in den Tiefen unserer Böden herrscht Funkstille, der kennt die Geheimnisse chemischer Interaktionen noch nicht. Mikrobiologen staunten, als sie die Kommunikationsformen der Bodenorganismen entschlüsselten. Einige Bakterienarten produzieren beispielsweise ständig Substanzen in geringen Mengen. Sobald die Signalstoffmenge eine gewisse Konzentration übersteigt, verwandelt sich die Bakteriengruppe in aggressive Schädlinge. Als Opfer haben sie sich vermeintlich schutzlose Pflanzen ausgesucht. Dummerweise besitzen diese Grünen Sensoren und starten ihre Verteidigungsoffensive: Sie produzieren Stoffe, die die chemischen Bakteriensprache unterbinden.
Je optimaler Temperatur und Feuchtigkeitsgehalt, umso größer die Schaffenskraft der Destruenten. Zur Freude des Hobby-Gärtners, der das Laub nicht in einem lebensfeindlichen Laubsauger verschwinden lassen, sondern als Grundsubstanz für gute Erde und als Isolierschicht für Beete ansehen sollte. Wer so einen funktionierenden Mikrokosmos schafft, der unterstützt ganz nebenbei die Weibchen dieser Erde. Denn, so fanden Forscher der Technischen Universität Darmstadt heraus, im Boden finden sich die Geschlechtspartner nicht so leicht. Daher gehen viele Organismen zur Jungfernzeugung über. Dabei sind Männer überflüssig. Wollen wir hoffen, dass das über der Erde nicht ebenfalls überhand nimmt. Sonst: Ade, ihr lieben Männer. Ach, wie öde wäre doch die Welt ohne euch.
Sabine Rücker
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