Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 43 - Kleine Eulen


Ein kleiner Steinkauz beim Beringen. Foto: Rücker
Ein kleiner Steinkauz beim Beringen. Foto: Rücker

Liebe Leser,

an was denken Sie, wenn sie das Wort „Eule“ hören? An mächtig aufgebauschte Federkugeln? Womöglich an den Uhu oder Harry Potters Schnee-Eule? Dass es die Vögel auch in Miniaturausführung gibt, ist für manche vielleicht eine Überraschung.

Er war wie ein Sechser im Lotto, der Moment, als ich Auge in Auge mit unserer kleinsten heimischen Eule stand. Bei einer Botanik-Exkursion ist’s geschehen. Die Kommilitonen schickten sich an, irgendwelche Dinge zu messen. Ich hatte den Auftrag, die Laubgehölze im Umkreis zu identifizieren. Tief im Schwarzwald, fernab jeder Asphaltstraße, machte ich mich allein auf die Socken. Die Mitstudenten waren schon nicht mehr zu hören, als ein kleiner Vogel meine Aufmerksamkeit erhaschte. Er saß mit dem Rücken zu mir auf dem Weg. Etwas an ihm war komisch. Besser gesagt: Alles an ihm war komisch. Das Tierchen war nur etwa so groß wie ein fetter Spatz. Seine Flügel breitete er wichtigtuerisch über einem dicken Klumpen aus. Der Schwanz war breit gefächert. Das Vogelgesicht war nicht zu sehen. „Komisch“, dachte ich so bei mir. Noch viel merkwürdiger wurde die Sache, als sich das Etwas unter dem Vogelkörper als dicke Maus entpuppte. Eine Maus, fast größer als der Vogel!

Und dann – halten Sie sich fest! – geschah das Unglaubliche: Der Gefiederte drehte seinen Kopf in meine Richtung, und zwar um rund 180 Grad. Da war klar: Es ist eine Eule! Eine gerade mal spatzengroße, winzig kleine Eule – ein Sperlingskauz! Wer nun denkt „ach Gott, wie niedlich“, der hat ja keine Ahnung. Denn: Wenn Blicke töten könnten, hätte ich damals das Zeitliche gesegnet, so streng war der Blick des Zwerges. Okay, zugegeben, abgesehen davon war der Anblick von Glaucidium passerinum extrem goldig.

Was dann passierte, ist mir nicht mehr ganz klar. Ich glaube, der kleine Jäger mühte sich damit ab, seine fette Beute vom Weg zu zerren, während ich völlig fassungslos zu den Kollegen wetzte. Ein Hobby-Ornithologe unter den Exkursionsteilnehmern folgte zum Ort des Geschehens. Als wir an der Sichtungsstelle ankamen, war der Winzling zwar weg, aber die Spannung lag wie Blei über dem Wald. Die Stille wurde nur von den Warnschreien der Singvögel zerfetzt. Zu Recht, denn die Mini-Eule erlegt auch gerne mal ein Vögelchen. Forscher der Universität Montana brachten durch Versuche zum Vorschein, dass die gefiederten Beutetiere sich mit unterschiedlichen Lauten warnen. Schwarzkopfmeisen mussten als Versuchskaninchen herhalten. Mit Hilfe von leibhaftigen, aber nicht angriffsfähigen, Fressfeinden entlockten die Wissenschaftler den kleinen Piepmätzen Angstgeschrei. Es zeigte sich, dass Meisen differenziert hassen. Die Silbenfolge „Chickadee“ stand einerseits im Englischen als Namensgeber Pate.

Andererseits versetzt sie die Kumpels in Alarmbereitschaft. Je häufiger die Endsilbe „dee“ wiederholt wird, desto gefährlicher der Feind. Besonders gefährlich für die kleinen Singvögel scheint der amerikanische Vetter unseres Sperlingskauzes, der Gnomen-Sperlingskauz, zu sein. Sobald der kleine, wendige Jäger im Nachbarbaum lauerte, ließen die Meisen ein „Chick-a-dee-dee-dee-dee“ vom Stapel. Der behäbigere Bartkauz war ihnen nur ein „Chick-a-dee-dee“ wert.

Wie gesagt: Auch damals im Schwarzwald war das Gezeter der Kleinvögel groß. Blicken ließ er sich allerdings nicht mehr, der ernste Zwerg unter den Eulen. Doch als Beweis für seine Existenz entdeckten wir ein Gewölle, einen so genannten Speiballen. Jedenfalls werden ich diesen strengen Blick des Eulenwinzlings nie vergessen.

Herbert Keil schätzt bei seinem Liebling, dem nur wenig größeren Steinkauz, eher die Körpersprache. Keil ist ehrenamtlich tätiger Eulenexperte aus Oberriexingen. Athene noctua, so der wissenschaftliche Name der etwa amselgroßen Eule, sei lustig anzusehen, wenn sich die gedrungene dickköpfige Gestalt bei Aufregung fast waagrecht duckt und dann gleich wieder hoch aufrichtet. Im Gegensatz zum Sperlingskauz, der in Baden-Württemberg nur noch im Schwarzwald zu finden ist, jagt der Steinkauz vornehmlich im offenen Gelände. Auch im Landkreis Ludwigsburg und das nicht zuletzt Dank der Arbeit der Forschungsgemeinschaft zur Erhaltung einheimischer Eulen aus Oberriexingen (kurz Foge, wir haben berichtet). Sie bringt Brutröhren für die Pärchen an. Diese ergänzen die natürlichen Brutmöglichkeiten für die Höhlenbrüter, die besonders Streuobstwiesen zu schätzen wissen.

In der Antike war der Steinkauz sehr beliebt und galt als Vogel der Weisheit und als Symbol der Göttin Athene. Daran lehnt sich der wissenschaftlich Name der Eule an. In unserer Region dichteten die Menschen dem Ruf des Käuzchens den nahenden Tod an. Sein „kuwit“ wurde kurzerhand als „komm mit“ gedeutet. Allerdings klingt so wohl eher der Ruf des Waldkauzes. Der Steinkauz ruft, laut Kosmos Bestimmungsbuch, eher: „scharf, vorwurfsvoll und abfallend fistelnd kii-jo. Warnruf explosives, hohes kji, kji, kji-kji“.

Natürlich kann die 23 bis 27 Zentimeter große Eule dem Menschen nicht gefährlich werden. Wie die meisten seiner Verwandten jagt der Steinkauz vor allem in der Abend- und Morgendämmerung, ist aber auch tagsüber auf Futtersuche. Bevorzugt vertilgt er Insekten und andere Wirbellose, mag aber auch kleine Wirbeltiere. Aus dem Informationsblatt der Foge: „Mit Gelegenheitsbeute von großen und wehrhaften Formen wie Ratten, Wiesel, Spechte und Amseln wird der kleine Bursche trotzdem fertig.“ Die Art der Jagd ist zwar je nach Eulenart unterschiedlich, doch das Finale ist bei allen gleich: Mit den kräftigen, krallenbewehrten Füßen wird die Beute geschnappt und mit einem raschen Tötungsbiss zur Strecke gebracht. Von den 200 Eulenarten leben 13 in Europa, die meisten sind mehr oder weniger bedroht. Herbert Keil und seine Mitstreiter setzen sich daher für den Schutz des Steinkauzes ein und rufen zum „Melden von Beobachtungen“ auf. Aber denken Sie bitte daran: Nicht jeder komische Kauz muss bei den Eulenfreunden in Oberriexingen gemeldet werden – das würde den Rahmen bestimmt sprengen.

Sabine Rücker

Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 919 99

 


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