Liebe Leser,
obwohl er weder Wuschelhaare zum Knuddeln, noch einen besonderen Seltenheitsbonus besitzt, ist er eines unserer beliebtesten Wildtiere. Der Igel besticht vielleicht eher durch sein altertümliches Erscheinungsbild. Wie ein zu klein geratenes Urtier bahnt er sich seinen Weg durchs Unterholz der Zivilisation. Der Gedanke ist gar nicht abwegig, denn die Tierart zieht schon seit 15 Millionen Jahren nahezu unverändert durch die Lande.
Es ist doch jedes Jahr das Gleiche: Ich hab’s wieder vergessen. Jeden Herbst muss ich es neu lernen: Wie schwer sollten Igel sein, um den Winterschlaf unbeschadet zu überstehen? Wann darf man die Stachelritter aufnehmen? Im folgenden Herbst weiß ich schon wieder nicht Bescheid. Aber dazu später mehr.
Der Igel ist gar nicht alleine als solcher auf der Welt. Denn die Bezeichnung Igel, wissenschaftlich Erinaceidae, umfasst eine Familie von 25 Tierarten. Unfassbar für den europäischen Otto-Normal-Verbraucher: Einige Vertreter der Igel laufen ohne Stacheln durch die Gegend, die Ratten- oder Haarigel. Unser Braunbrustigel, Erinaceus europaeus, gehört zur Unterfamilie der Stacheligel. Überhaupt: die Stacheln! Sie sind das im wahrsten Sinne des Wortes hervorstechendste Merkmal der kleinen Säugetiere. Während das Skelett der bis zu eineinhalb Kilogramm schweren Tiere sich unspektakulär ins Säugerschema fügt, sind die umgewandelten Haare einmalig in der heimischen Tierwelt. Vermutlich ist die Igelmutter dankbar darüber, dass die rund 100 weißen Stacheln ihrer Jungen zunächst in der aufgequollenen Rückenhaut versteckt sind. Ausgewachsene Igel setzen sich mit bis zu 8000 Stacheln zur Wehr.
Die modifizierten Haare bestehen zum größten Teil aus Keratin, dem Horn, aus dem auch Haare und Nägel gebildet werden. Der Eiweißstoff formt den bis zu zwei Millimeter dicken Hohlkörper, der individuell durch Muskeln bewegt werden kann. Die drei Zentimeter langen Nadeln unterliegen, ähnlich unseren Haaren, einer Erneuerung. Durchschnittlich 18 Monate darf der Stachel seinen Igel schützen. Ein dicker Muskelring ermöglicht es den Tieren, in weniger als einer Sekunde in einer Art körpereigenem Stachelsack zu verschwinden. In Kombination mit diesem Zusammenrollen gibt das Kleid aus Haaren und Stacheln einen hervorragenden Schutz gegen Kälte und Feinde ab. Leider versagt die Strategie völlig gegen Autos. In der jetzigen Jahreszeit entdeckt der entsetzte Autofahrer andauernd Igel in Pfannkuchenformat auf der Fahrbahn. Geschätzte 500000 der Tiere lassen in Deutschland jährlich ihr Leben auf den Straßen. Einer Studie aus Brandenburg zufolge wird der Großteil der Tiere im menschlichen Siedlungsbereich überfahren. Zumindest theoretisch können die nachtaktiven Gesellen in der Natur ein Lebensalter von sieben Jahren erreichen. Allerdings ist auch die Jungensterblichkeit sehr hoch. Die meisten Igelkinder sterben während des ersten Winterschlafs.
Beim Igel sind Männchen und Weibchen auf Anhieb nicht zu unterscheiden. Klar, sonst hätte der Igelmann aus dem Brüder-Grimm-Märchen mit Hilfe seiner Frau den Hasen nicht in die Verzweiflung treiben können, frei nach dem Motto: „Ich bin schon da“. Wenn er durch den Garten streift, ist er als Sohlengänger, der den ganzen Fuß aufsetzt, aber nicht unbedingt auf leisen Sohlen unterwegs. Denn eines kann ihm nicht unterstellt werden: Diskretion. Er raschelt und schnaubt, während er sich in der Dämmerung und nachts durchs Unterholz schiebt. Bei Angst oder Schmerz schreien die Tiere mitunter und wenn Kleine ihre Mutter suchen, „zwitschern sie fast wie Vögel“. Mit Hilfe seines hervorragenden Geruchs- und Tastsinns und des Gehörs stöbert der zu den Insektenfressern gehörende Bursche Insekten, Weichtiere und andere Wirbellose auf, die er geräuschvoll verspeist. Obst und Gemüse zeigt er, einigen Autoren zufolge, in freier Wildbahn den stacheligen Rücken. Andere Experten berichten von kleineren Wirbeltieren und Früchten, die den Speiseplan ergänzen und auch Vogeleier finden den Beifall des Igelgaumens. Zwischen Mai und August kommen sich die Einzelgänger näher – es ist Paarungszeit. Recht robust mutet das Tête-à-Tête eines der ältesten rezenten Säugetierarten unserer Erde an. Beim so genannten Igelkarussell umkreist der Igelmann die Auserwählte beharrlich. Diese erweist sich als Zicke und boxt den Verehrer immer wieder auf Distanz. Wird der Freier von einem Widersacher abgelenkt, nutzt die Dame das mitunter, um sich zu verkrümeln. Lange Zeit war die eigentliche Paarung ein Rätsel: Wie liebt man sich im Stachelkleid? Problemlösung: Das Weibchen legt die Stacheln an und der Partner kann die Igelin besteigen.
Danach trennen sich die Wege der Eigenbrödler und die Igelmutter schlägt sich als Alleinerziehende durch. Nach einer Tragzeit von 35 Tagen werden im Durchschnitt vier blinde und taube Igelkinder in einem Nest geboren. Auch auf seinen Streifzügen durch das Revier werden diverse, häufig mit Laub ausgepolsterte Nester, zum Rasten und Ruhen genutzt. Zur Reviergröße finden sich völlig unterschiedliche Angaben, möglicherweise ist es bis zu einem Quadratkilometer, also 100 Hektar, groß. 80 Prozent der Igel erblicken im August und September das Licht der Welt.
Für spätgeborene Oktoberkinder kann die Vorbereitung auf den Winterschlaf ein Wettlauf mit der Zeit werden. Denn bis Anfang November sollten die Jungtiere wenigstens 500 Gramm wiegen. Isabell Kasten, Tierheimleiterin in Vaihingen, spricht laut neuesten Studien von 450 Gramm Minimalgewicht für Jungigel. Es ist schon eine knifflige Sache mit der Igelhilfe aus Menschenhand. Kasten empfiehlt im Moment noch, kleinen, gesunden Igeln im Freiland Futter anzubieten. Hunde- und Katzenfutter eignen sich hervorragend, auf keinen Fall aber Milch. Bis Anfang November könnten die Jungtiere mit dieser Nahrungsergänzung durchaus noch bis zu 200 Gramm zunehmen, so Kasten. Der Igel darf als besonders geschützte Tierart nicht gefangen, verletzt oder getötet werden. Kranke, von Parasiten geschwächte Tiere oder zu leichte Tiere dürfen in menschliche Obhut. Zwar sind die Kapazitäten im Tierheim Vaihingen in puncto Igel nahezu ausgereizt, doch wer sich unsicher ist, soll „sein“ Igele unbedingt vorstellen. Jede Menge wertvolle Tipps gibt’s außerdem im Internet unter www.pro-igel.de.
Jungigel werden sechs Wochen lang von ihrer Mutter gesäugt, dann streben sie mit rund 200 Gramm Körpergewicht in die weite Welt. Die Knilche gehen aber auch vorher schon mal auf Entdeckungsreise und finden in der Regel wieder nach Hause zurück. Die Mutter verlässt abends ihre Brut, um sich zu stärken. Die sinnvollste Präventiv-Hilfe für Igel ist ein Garten mit einer natürlichen „Unordnung“ sowie Unter- und Durchschlupfmöglichkeiten. Autofahrer können mit einer sinnigen Geschwindigkeit der Stachelkugel im Scheinwerferlicht eine Chance geben. In einigen Bundesländern rutscht die Tierart in Richtung Rote Liste der bedrohten Tierarten. Ansonsten scheint der Bestand, trotz der großen Verluste im Straßenverkehr, stabil.
Tageslänge, Temperatur und Hormone bestimmen die Zeit, in der sich die Tiere in ihrem Nest in den Winterschlaf begeben. Der Herzschlag reduziert sich von 200 auf zwei bis 12-mal pro Minute. Die Körpertemperatur sinkt von 36 auf ein bis acht Grad Celsius. Manchmal erwacht der Schläfer, um kurz darauf am gleichen Fleck wieder einzuschlafen. Und so werde ich das jetzt auch halten: Ich bette mich weich für einen Winterschlaf, den ich bis zum April nicht großartig unterbrechen werde. Das Beste daran: Dabei verliere ich 30 Prozent meines momentanen Lebendgewichtes. Gute Nacht!
Sabine Rücker
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