Donnerstag, 09. Februar 2012

Zwei Zeitzeugen




29/12 2009

Zwei Zeitzeugen

Waltraud Spreter und Andreas Hofmann.
Waltraud Spreter und Andreas Hofmann.

Im Herbst 2009 gab es besondere Gedenktage: 20 Jahre Mauerfall, nachfolgend Auflösung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und Eingliederung der ostdeutschen Länder in die Bundesrepublik Deutschland – die Wiedervereinigung beendete den Status des geteilten Deutschland nach 40 Jahren. Nur: So bedeutsam die historischen Ereignisse auch sein mögen – was haben sie mit dem Karl-Gerok-Stift zu tun? Eine ganze Menge, denn mit Andreas Hofmann wirkt ein unmittelbarer Zeitzeuge hier im Vaihinger Haus.
Andreas Hofmann, Jahrgang 1970, stammt aus Cottbus. Der gelernte Polsterer wurde im September 1989 zur Nationalen Volks-Armee (NVA) einberufen und war in Berlin stationiert. „Unruhige Zeiten“, erinnert er sich, denn seit den Wahlen im Mai gab es immer wieder Tumulte, die Montags-Demonstrationen (Leipzig) waren in vollem Gange. Zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung am 7. Oktober stand Hofmann mit seiner Kompanie Spalier, um den Palast der Republik vor Demonstranten abzuschirmen. Tatsächlich gab es am Abend Tumulte.
„Wir wussten nicht, was da los war, aber es war schon sehr aufregend. Die Unruhen dauerten die ganze Nacht an, und wir ahnten, das ist vielleicht das Ende." Was kam, war die Rede Schabowskis mit der wesentlichen Aussage der Reisefreiheit. Andreas Hofmann hatte am Tag darauf dienstfrei und ging mit seinen Kameraden erstmals in den Berliner Westsektor. Die Situation hatte etwas Groteskes: „Tags zuvor haben wir die DDR-Bürger vor den westlichen Kapitalisten beschützt, tags darauf waren wir beim Klassenfeind.“ Die Einheit kehrte zurück in die Kaserne, durfte bis Februar 1990 nicht wieder in den Westen und wurde dann aufgelöst.
Der weitere Lebensweg Andreas Hofmanns spiegelt die Irrungen und Wirrungen der Wende-Jahre wider. Zunächst arbeitete er in seinem erlernten Beruf als Polsterer, schaffte dann zehn Jahre auf dem Bau und kam für einige Zeit in einem BASF-Zweigwerk unter. Aber: „Zu wenig Geld, keine Perspektive.“ Aus einer angestrebten Karriere als Flugsicherheitsassistent am Stuttgarter Flughafen wurde nichts, da die Überprüfung seiner Person durch den BGS (Bundesgrenzschutz) aufgrund seiner DDR-Vergangenheit zu lange dauerte, er somit zur bevorstehenden Prüfung nicht rechtzeitig zugelassen wurde. Da Andreas Hofmanns Frau Marina ab 2005 eine Ausbildung als Altenpflegerin im Karl-Gerok-Stift absolvierte, orientierte er sich in Vaihingen beruflich neu mit Stationen bei Kienle+Spieß als Schweißer und im Agfa-Werk als Maschinenführer. Im April 2007 ergab sich eine Chance, als für die Haustechnik des Karl-Gerok-Stifts ein Mitarbeiter gesucht wurde. Als universell gebildeter Handwerker bekam er den Job und konnte im Juni 2009 die Leitung der technischen Dienste übernehmen. Das Vaihinger Team besteht aus drei Mitarbeitern und zwei Zivis und ist auch für die Technik der Häuser in Hochdorf und Sersheim zuständig. Nach bewegten Jahren zieht Andreas Hofmann ein persönliches Fazit: „Ich bin sehr zufrieden und kann mich hier voll entfalten.“
Unfreiwillige Mitbegründerin
des Arbeiter- und Bauernstaates
Zeitgeschichte aus erster Hand – es ist immer wieder verblüffend, welch lebendige Quelle an persönlichen Schicksalen und historischen Daten im Vaihinger Karl-Gerok-Stift sprudelt. Da haben wir Andreas Hofmann (damals NVA-Soldat, heute Leiter der Haustechnik) als Zeitzeugen der letzten DDR-Tage. Und da haben wir Waltraud Spreter („Republik-Flüchtling“, lebt heute im Wohnbereich A2) als unfreiwillige Mitbegründerin des Arbeiter- und Bauernstaates. Das sind scharfe Kontraste und dazwischen liegen 40 Jahre innerdeutscher, aber getrennter Geschichte.
Waltraud Starke ist 1923 in Bernburg/Saale (Sachsen-Anhalt) geboren. Sie absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete dann auf einem großen landwirtschaftlichen Gut. 1947 heiratete sie Adolf Spreter, der aus Oberschwaben stammte. Er war landwirtschaftlicher Oberinspektor auf dem Rittergut Waldau am Stadtrand von Bernburg. Ein großer Saatzuchtbetrieb mit mehr als 80 Mitarbeitern, der zu den Maizena-Werken gehörte. Eben auf jenem Rittergut lernten sich die zukünftigen Eheleute Spreter kennen. Waltraud Starke arbeitete dort als Gutssekretärin. Das Kriegsende hat Spreter noch lebhaft in Erinnerung: „Im April 1945 kamen die Amerikaner, Ende Mai/Anfang Juni dann die Russen.“ Mit dem Beginn „des Sozialismus“ hatten es private Betreiber zunehmend schwer. Ihre Geschäfte wurden systematisch behindert. Das 1893 gegründete Lebensmittelgeschäft des Vaters lief auch nur noch schleppend, bis es schließlich geschlossen werden musste. Andere Geschäfte wurden zu den zentral versorgten HO-Läden umgewandelt.
Nach der DDR-Gründung 1949 kam es für die Spreters ganz bitter. Die 53 Betriebe in Bernburg und Umgebung wurden zu VEBs (Volkseigenen Betrieben) radikal umstrukturiert, sämtliche Leitungsträger inhaftiert. Die damalige Justizministerin Hilde Benjamin, ließ es sich nicht nehmen, direkt vor Ort das Geschehen zu lenken. Wie viele andere auch wurde der landwirtschaftliche Oberinspektor Adolf Spreter in einem der berüchtigten Schauprozesse zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er für das Werk Ersatzteile in West-Berlin besorgt und damit angeblich Sabotage betrieben hatte. Hätte er dies nicht getan, wäre das Urteil ähnlich ausgefallen. Bezeichnend für die Schauprozesse war der Ausschluss der örtlichen Bürger. Sämtliche Zuhörer waren fremd. Auch fanden diese Prozesse in keinem Justizgebäude statt. Im Tanzsaal vor Ort wurden die Urteile gefällt, die Inspektoren zu politischen Gegnern erklärt. Waltraud Spreter erinnert sich, wie ein fremder Journalist notierte: „Adolf Spreter war nur bei Grafen und Fürsten beschäftigt.“ Letztendlich ging es um die Entwürdigung und Zurschaustellung der Beklagten in der Öffentlichkeit. Drei Jahre Haft wurden über Adolf Spreter verhängt, die letzten 14 Tage im Dezember 1952 zur Bewährung (mit weiteren drei Jahren) ausgesetzt.
„Wir ertrugen das Regime nicht. Wir wollten in die Heimat meines Mannes, also in den Westen.“ Bewegt schildert Frau Spreter heute die gefährliche Entscheidung der Familie. Ende März 1953 – die Haftentlassung lag keine drei Monate zurück – wagte die Familie die Republikflucht. Den drei Kindern schärfte man ein, dass man eine Tante in Brandenburg besuchen wolle. Tatsächlich fuhr man aber mit dem Interzonen-Express nach Berlin, stieg kurz vorher in die S-Bahn um und landete am Bahnhof Zoo. Im Westen.
„Das war gleich eine ganz andere Luft“, sagt Frau Spreter. Es folgten die obligatorischen Überprüfungen – Meldestelle Bahnhof Zoo, Auffanglager Berlin-Mariendorf, wo man zu fünft auf zwei Feldbetten nächtigte, Lager Spandau. „Zu jener Zeit kamen täglich zwei- bis dreitausend Flüchtlinge in Berlin an. Die Anerkennung dauerte entsprechend lange: Wir mussten acht Meldestellen durchlaufen ehe wir weiterreisen konnten.“ Die Familie durfte schließlich von Tempelhof mit der Air-France nach München fliegen und konnte im Mai 1953 in Altshausen ein erstes Zuhause finden. Der Anfang im Westen war schwer, denn die Spreters waren gerade mal mit etwas Handgepäck in den Westen gekommen. Ein Jahr später konnte Adolf Spreter die Stelle eines landwirtschaftlichen Oberinspektors beim Fürst von Isenburg antreten. Waltraud Spreter fand dort ebenfalls eine Anstellung als Wirtschafterin.
„Der Vergleich West und Ost,
das ist wie Tag und Nacht“
Waltraud Spreter
1962 zog die Familie mit inzwischen fünf Kindern nach Langen (bei Frankfurt/Main) um. Mit ihren Kindern war sie mehrmals in der DDR, um die Eltern in Bernburg zu besuchen, nicht ohne Angst bei den Grenzkontrollen an der innerdeutschen Grenze. Und das hat sie schon geschockt. „Der Vergleich West und Ost, das ist wie Tag und Nacht.“ Ihr Mann ist nie wieder in die DDR eingereist.
Seit dem Tod ihres Mannes 1986 lebte Frau Spreter in Langen, erlitt allerdings 2008 einen Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung. Die Reha-Maßnahmen haben so gut gewirkt, dass Spreter nur noch wenige gesundheitliche Einschränkungen hat. Auf Betreiben ihrer in Illingen verheirateten Tochter siedelte sie im September 2009 in das Karl-Gerok-Stift um und fühlt sich hier sehr gut versorgt.
Nahziel der temperamentvollen 86-Jährigen ist die vollständige Genesung: „Ich will wieder laufen.“ Und die Wohnung in Langen hat sie deshalb nicht gekündigt. (jf)



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Waltraud Spreter und Andreas Hofmann.
Waltraud Spreter und Andreas Hofmann.

Im Herbst 20




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