Freitag, 10. Februar 2012

Zwei starke Charaktere, die zueinander stehen


Gertrud und Eugen Rücker. Foto: Rücker
Gertrud und Eugen Rücker. Foto: Rücker

Keiner weiß es besser als die Schreiberin dieser Zeilen: der Begriff Hut-Rücker lebt. Kaum stelle ich mich namentlich vor, kommt immer mal wieder die Frage „...ach, vom Hut-Rücker?“ zurück. Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir sind vielleicht verwandt. Die Wege unserer zwei Rücker-Clans kreuzten sich jedoch erst vor wenigen Jahren. Die Wurzeln könnten allerdings die gleichen sein. Aber das ist wieder eine andere Geschichte...
Hut-Rücker – 21 Jahre lang stand dieser Name für ein Ladengeschäft in Vaihingen und für Gertrud und Eugen Rücker. Und auch andere Bereiche der Vaihinger Geschichte sind mit dem Namen Rücker eng verbunden: die Ortsgruppe der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Vaihingen, das Enztalbad und die Ferdinand-Steinbeis-Realschule, um nur einige zu nennen.
Die Geschichte der umtriebigen Familie begann im Jahr 1925. In jenem Juli vor 83 Jahren erblickte Eugen Rücker in der Stuttgarter Straße 30 in der Vaihinger Kernstadt das Licht der Welt. „Ich habe bis zum 14. Lebensjahr meine Jugend in Vaihingen verbracht“, erzählt der „Hut-Rücker“, „da konnte man in der Stuttgarter Straße noch roifla und töpfla.“ Für Nicht- oder jüngere Schwaben hier die Übersetzung aus dem schwäbischen Wörterbuch: roifla bedeutet „einen Reif antreiben, aber auch selber schnell laufen, gleich wie saua oder sprenga“; töpfla war ein Kinderspiel mit einem Holzkegel, der mit einer Peitsche zum Rotieren gebracht wurde. „Mit mir ist dann die Lateinschule zu Ende gegangen“, erzählt Rücker weiter. Der junge Bursche kam – „um zu verhindern, dass zu viel Zeit in der Bahn verplempert wurde“ – in ein Internat nach Rottweil. „Dort habe ich in der Tanzstunde meine Gertrud kennen gelernt.“ Gertrud Rücker wuchs in Rottweil auf. Sie erinnert sich: „Die Tanzpartner wurden im rotierenden System zugeteilt, da gab es dann keine Mauerblümchen. Das war recht patent. Die Pärchenbildung fand nach Sympathie statt.“ Die Frage nach dem Abschlussball sorgt auch nach 66 Jahren noch für eine hitzige Diskussion. Die 83-Jährige zu ihrem Gatten: „Den Abschlussball haben wir miteinander gemacht, aber du hattest mich nicht gefragt.“ Der kontert: „Da musste ich nicht fragen, das war doch allen klar!“
Nach dem Kriegsabitur ist Eugen Rücker im April 1943 eingerückt. Gertrud kam zum Arbeitsdienst ins Elsass, was Bestandteil ihrer Ausbildung war. Die zwei jungen Leute gingen sich trotz aller Kriegswirren nicht aus dem Sinn. Eugen: „Wir haben gewusst, dass wir zusammen passen.“ Gertrud: „Wir waren uns sehr wohl gesonnen.“
Gertrud Rücker war mittlerweile in einer Apotheke in Rottweil beschäftigt und im September 1947 schließlich ist Eugen Rücker „unbeschadet nach zwei Jahren Gefangenschaft nach Vaihingen zurückgekommen“. Imker, Müller und Kaufmann habe er in der Theorie während seiner Gefangenschaft gelernt. Und daheim galt es gleich wieder die Ärmel hochzukrempeln. Vater Gottlob Rücker, Mützenmachermeister und Kürschner, lebte nicht mehr, der ältere Bruder war gefallen und die Firma Rücker musste weitergeführt werden. Das anvisierte Chemie-Studium konnte der junge Mann unter diesen Umständen „abschreiben“. Das Rüstzeug für die neuen Aufgaben hat er in diversen Fabriken und im Handwerk seines Faches erworben. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Gerhard hat er in der Nachkriegszeit vor allem Kappen gemacht und verkauft. „Jeder hat früher eine Kappe oder einen Hut aufgehabt. Da ist man bei jedem Wetter noch viel gelaufen“, erinnert sich das Ehepaar Rücker. Vor allem aus alten Kleidungsstücken wurden die Kopfbedeckungen gefertigt. Doch über all der Arbeit hatte Eugen Rücker seine Gertrud natürlich nicht vergessen. Im Jahr 1948 wurde in Rottweil geheiratet, wo im darauf folgenden Jahr Sohn Wolfgang zur Welt kam. Die Suche nach einer gemeinsamen Wohnung in Vaihingen gestaltete sich ausgesprochen schwierig und so kam es, dass Gertrud Rücker kurz vor der Geburt der Tochter Anne-Rose 1950 vorerst zur Rücker-Familie zog. Nach der Entbindung marschierte die resolute junge Mutter zum Vaihinger Bürgermeister mit den Worten: „Wenn wir jetzt keine Wohnung bekommen, ziehe ich ins Rathaus und benachrichtige die Presse.“ Das hat funktioniert.
Uta-Birgit kam sechs Jahre später auf die Welt und Nesthäkchen Beate konnte 1959 schon mit ins neue Nest in der Stuttgarter Straße 5 ziehen. Dort hatten die Eheleute mit dem Bruder Gerhard ein Wohnhaus gekauft, in dem der Traditonsladen unter dem neuen Namen Hut-Rücker größer und schöner präsentiert wurde. „Dann kam die große Katastrophe“, sagt Gertrud Rücker. Gerhard Rücker starb im Alter von 32 Jahren an Kinderlähmung. Neben der Trauerarbeit war eine Umstrukturierung der Geschäftsführung notwendig. Gertrud Rücker stieg nach einem Kurs als Geschäftsführerin in den Hut-Rücker ein: Herrenausstattung wie Hüte, Mützen, Bademäntel et cetera bot sie an. Die älteren Kinder waren in der Schule, die Kleinen spielten hinter der Ladentheke. Eugen Rücker war für Kopfbedeckungs- und Handschuhfabrikanten als Außendienstler innerhalb von Baden-Württemberg unterwegs. Bis zu seinem frühen Tod hatte diese Aufgabe Gerhard Rücker inne gehabt. „Die besten Häuser in ganz Baden-Württemberg zählten zu unseren Kunden“, sagt Eugen Rücker und seine Frau ergänzt: „Wir sind stolz darauf, dass das bis 1980 gut gelungen ist.“ Bis zu vier Verkäuferinnen und einen Lehrling hatten die Rückers in ihrem Laden angestellt. Im Januar 1980 wurde die Existenz der Firma Hut-Rücker schließlich mit einem Super-Schlussverkauf beendet.
Die Senioren kämpfen immer noch beide mit gesundheitlichen Problemen, lassen sich aber nicht unterkriegen. Im Sommer verbringen sie nahezu jeden Tag im Freibad, was nicht zuletzt auf Eugen Rückers Schwimmleidenschaft zurückzuführen ist. Seit 1942 ist er Mitglied in der DLRG. „Nach jeder Jahreshauptversammlung habe ich damals an die Honoratioren der Stadt einen Brief geschrieben“, so Rücker. Sein Anliegen: Ein eigenes Schwimmbad für Vaihingen. 1973 war Rücker mit seinen zahlreichen Mitstreitern schließlich am Ziel. Gertrud Rücker hatte sich derweil für die Realschule in Vaihingen stark gemacht und trug so letztendlich zur Gründung der Ferdinand-Steinbeis-Realschule bei.
Heute feiern die beiden in der Stadtkirche ihre diamantene Hochzeit. Wie gelingt es, so lange beisammen zu bleiben?
Eugen Rücker: „Gemeinsam durch dick und dünn, das schweißt zusammen.“ Gattin Gertrud: „Ehrlich muss man sein. Wir sind zwei starke Charaktere, aber wir stehen zusammen.“ Sabine Rücker


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